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Literatenfunk

"Denken/Ordnen" von Georges Perec
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 30.08.2019

"Denken/Ordnen" von Georges Perec

Eigentlich hatte ich schon letzte Woche vor, hier ein Buch von Georges Perec vorzustellen, aber dann ist mir der Kollege Andreas Merkel zuvorgekommen, ein so unwahrscheinlicher Zufall, daß er Perec sicher gefallen hätte. Da wir unter Kollegen nie über Literatur sprechen, weil Andreas sich mehr für amerikanische Neuerscheinungen interessiert und ich für Möbelund Baumarkt-Kataloge, ist es doch schön, sich auf diesem Weg doch einmal auszutauschen. Georges Perec, der zu der kleinen, heterogenen Gruppe Männer (Wagner, Hitler, Nietzsche, Kaiser Wilhelm, Kaiser Franz-Joseph, Karl Marx, Horst Lichter) gehört, die es geschafft haben, eine eigene Bartfrisur zu erfinden, ist zweifellos einer meiner Lieblingsautoren, obwohl ich noch sehr wenig von ihm gelesen habe und manches, wie "La vie – mode d'emploi", sicher auch nie zu Ende lesen werde (hochliterarisch, erdrückend originell, idiosynkratisch, einschüchternd virtuos, geistreich und praktisch unlesbar. Ich ziehe die dokumentarisch-realistische Version einer Mietshausbeschreibung von Irina Liebmann vor). Bei manchen Büchern reicht es vielleicht auch, daß es sie gibt, um sich daran zu freuen. Einen anderen Roman mit dem genialen Titel "Les choses" habe ich einmal mit Vergnügen bis zur Hälfte gelesen und dann in einem Café am Savignyplatz liegengelassen, in dem ich vorher nie und danach nur noch einmal gewesen bin, um nach meinem Buch zu fragen, aber sie hatten es nicht. Ich hätte mir ein neues Exemplar kaufen können, aber wie sollte ich meine Anstreichungen in der ersten Hälfte rekonstruieren? Und wenn ich einfach nur die zweite Hälfte las, was sollte dann derjenige von mir denken, der meine Bibliothek irgendwann einmal auflösen würde? Daß ich meine Bücher zwar zu Ende gelesen habe, aber nicht von Anfang an? Bis jetzt habe ich noch keine Lösung für dieses Problem finden können.

Ein echtes Leseglück hat mir "Denken/Ordnen" ("Penser/Classer") verschafft, ein Band mit Gelegenheitstexten und Kurzessays, der 1985 posthum zum ersten Mal erschienen ist. Darin sammelt Perec Texte zu vier Fragestellungen: der "soziologischen" ("mit welchen Augen sieht man den Alltag"), der autobiographischen ("Orte, an denen ich geschlafen habe"), der spielerischen (Vorliebe für Stilzwänge), der romanhaften (die Lust, Bücher zu schreiben. Perec, der schon früh an Lungenkrebs gestorben ist, hatte zahllose Projekte und wollte das ganze Spektrum von Erzählmöglichkeiten abdecken und z. B. einen Krimi schreiben oder ein Buch in der Art von Jules Verne). Die Originalität bei Essaysammlungen liegt oft schon in der kühn-unoriginellen Thematik: "Anmerkungen hinsichtlich der Gegenstände, die auf meinem Schreibtisch liegen" (könnte und sollte jeder Autor ab und zu schreiben), oder: "Kurze Anmerkungen über die Kunst und die Art und Weise, seine Bücher zu ordnen", was uninteressant ausfallen könnte, aber nicht, wenn man so ein interessanter Autor wie Perec ist, dem schon das Unterkapitel "Dinge, die zwar keine Bücher sind, die man jedoch häufig in Bücherschränken antrifft" einfällt und dazu z. B. "Senfrationen der Lufthansa". In so einem abwegigen, aber vollkommen nachvollziehbaren Detail zeigt sich für mich die Qualität eines Autors. (Bei mir im Bücherregal: ein DDR-Kinderwecker, eine bulgarische Kuhglocke, eine leere, bulgarische Patronenschachtel der Marke "Prvi Partizan", die Originalverpackung einer Bleistiftspitzmachine "Modell 130" vom VEB Plast- und Metallverarbeitung Werdau, zu schön zum Wegwerfen, ein Good-Night-Nachttisch-Schildchen aus einem chinesischen Hotel.) Perec hält eine bestimmte Form von Unordnung eigentlich für sympathisch und er möchte der "schäbigen Versuchung der individuellen Bürokratie" widerstehen. Trotzdem beginnt er manchmal anfallartig mit Aufräumen.

"Was mich angeht, so sind dreiviertel meiner Bücher niemals richtig eingeordnet worden. Diejenigen Bücher, die ich nicht endgültig provisorisch eingestellt habe, sind wie bei Oulipo provisorisch endgültig eingestellt worden."

Die Gelegenheitstexte dieses Bands sind Auftragsarbeiten, Perec hat es verstanden, der journalistischen Versuchung, ein Thema ernst zu nehmen und sich darüber langweilige Gedanken zu machen, zu widerstehen. Kann er einen Text über Mode schreiben? Natürlich: "Man könnte noch viel mehr Moden lancieren … Wer wird die Mode der Metrostation Corentin-Celton lancieren? ('Steigen Sie in Corentin-Celton aus, der Station der Elite!')" Kann er einen Text über Brillen schreiben? Bitte sehr: "Betrachtungen über die Brillen", darin analysiert er, was er gerne tut, die Gesten, mit denen unser Körper spricht (Literatur: Dinge beschreiben, die jeder kennt, die aber bisher noch niemand bemerkt hat):

"Da es von einer Brille heißt, daß sie ihrem Träger ein strenges Aussehen verleiht, nehmen manche Personen sie zum Zeichen ihres Wohlwollens ab … Sich mit seiner Brille die Stirn zu reiben oder in die Bügel zu beißen sind Zeichen intensiven Nachdenkens."

Er schimpft aber auch, wie schon im Modetext, gegen die Markenwelt:

"Die meisten Gegenstände und Zubehöre des täglichen Lebens eignen sich dazu, durch die berühmte Signatur – auch 'Klaue' genannt – eines großen Couturiers gekennzeichnet, aus der Masse herausgehoben und überbewertet zu werden."

Ein zentraler, sehr schöner Text beschreibt die vier Jahre, die Perec einen Psychoanalytiker aufgesucht hat (er hat wohl sogar mehrere Analysen gemacht). Eine Standardsituation des urbanen Menschen, die wir alle von Tony Soprano kennen.

"Die Psychoanalyse gleicht nicht eigentlich den Werbespots für Kahlköpfige: Es hat nicht ein 'vorher' und ein 'nachher' gegeben. Es hat eine Gegenwart der Analyse gegeben …"

Ganz wie im Klischee gibt der Analytiker ("er lüftete oft zwischen zwei Sitzungen") nie eine Wertung der im Verlauf der Sitzung angeschnittenen Themen, beide stehen auf und Perec begleicht (alle zwei Wochen) das Honorar (so würde ich es mir auch für Lesungen wünschen.)

"So versank ich, auf der Couch liegend, den Kopf auf dem weißen Tuch, das der Analytiker vor Eintritt des nachfolgenden Patienten in die Praxis nachlässig über einen kleinen Aktenschrank werfen würde, der bereits mit den zerknautschen Tüchern der vorhergehenden Sitzungen übersät war, die Hände hinter dem Nacken oder auf dem Bauch verschränkt, das rechte Bein ausgestreckt, das linke leicht angewinkelt, vier Jahre lang in diese geschichtslose Zeit, in diesen nicht existierenden Ort, der der Ort meiner Geschichte, meines noch abwesenden Wortes werden sollte."

Einer meiner Lieblingstexte behandelt ein Geschichtsbuch von Malet & Isaac, das er durchblättert

"mit den einzelnen Absätzen, bei denen eingerückte Zeilen und Kursivdruck den unveränderlichen Charakter einer Pädagogik andeuten, die sich ihrer Grundsätze sicher ist, einige Jahrhunderte unserer Geschichte, die ganze Generationen von Gymnasiasten bis zum Überdruss pauken mußten".

Was tut Perec? Er schreibt die Titel und Bildunterschriften ab und ordnet sie dabei nach Schrifttypen, nach Absatzüberschriften, nach Kursiv- und Fettdruck, und aus nichts anderem besteht dieser Text für das Magazin "H-Histoire" (Nr.1, März 1979). Was für eine schöne, konsequente Treue zur eigenen radikal-spielerischen Poetik! Man sollte sich immer hüten, Themen von Auftragsarbeiten ernst zu nehmen, es geht eigentlich nur darum, sich möglichst brillant um die Arbeit zu drücken. Mir fällt außerdem wieder meine Idee ein, in "Zuckersand" nach und nach alle Buchstaben verschwinden zu lassen, weil der kleine Sohn des Erzählers immer mit der Computer-Tastatur spielt und dabei immer mehr Tasten abfallen. Am Ende wäre nur noch ein Buchstabe übriggeblieben (vielleicht das "e"?) Kann man so etwas machen? Man sollte eigentlich, ich habe es aber trotzdem gelassen.

In "Lesen: ein sozio-physiologischer Abriß" widmet Perec sich einer Soziologie unseres Körpers beim Lesen.

"Es wird als vulgär angesehen, die Lippen beim Lesen zu bewegen."

"Stehend lesen (es ist die beste Art, in einem Lexikon nachzuschlagen)."

"Beim Gehen lesen. Man denkt vor allem an den Pfarrer, der frische Luft schöpft und dabei sein Bevier liest."

"Ist ein Herr, der am Strand liest am Strand, um zu lesen, oder liest er, weil er am Strand liest?"

Er erwähnt auch: "Das starke Gefühl der Frustration, das ich lange bei der Lektüre russischer Romane hatte", und ich denke: ich auch! (Wie auch, als er zugibt, genau wie ich, Gas- und Stromrechnungen einer Wohnung, in der er seit Jahren nicht mehr wohnt, aufzubewahren.)

Aus: "Die Schwierigkeit, sich eine ideale Stadt vorzustellen" möchte ich, weil es so schön ist, ein bißchen mehr zitieren:

"Ich möchte nicht in Amerika leben, aber manchmal doch.
Ich möchte nicht im Freien leben, aber manchmal doch.
Ich möchte gern im fünften Arrondissement leben, aber manchmal doch nicht.
Ich möchte nicht in einem Schlossturm leben, aber manchmal doch.

Ich möchte gern im hohen Norden leben, aber nicht allzu lange.

Ich möchte nicht mit Ursula Andress zusammenleben, aber manchmal doch.

Ich möchte nicht, daß wir alle auf Sansibar leben, aber manchmal doch."

In "Denken/Ordnen" schreibt er noch einmal über das Aufräumen und Ordnen, zwei Tätigkeiten, die eng mit dem Schreiben verbunden sind, weil man sich ihnen immer widmet, wenn man nicht schreiben kann. Die Wohnung ist enstprechend entweder unaufgeräumt, oder aufgeräumt, weil man mit dem Schreiben nicht weiterkommt. 

"Wie vermutlich jedermann überfällt mich manchmal die Aufräumwut; die Überfülle der aufzuräumenden Dinge, die Unmöglichkeit, sie nach wirklich zufriedenstellenden Kriterien zu verteilen, führen dazu, daß ich nie damit fertig werde, daß ich mich bei provisorischen und unklaren Ordnungen aufhalte, die kaum wirkungsvoller sind als die ursprüngliche Anarchie. Das Ergebnis all dessen führt zu wirklich seltsamen Kategorien: zum Beispiel eine Sammelmappe mit den verschiedensten Papieren, auf der steht: "EINZUORDNEN"; oder eine Schublade mit einem Etikett "DRINGEND 1", die nichts enthält …"

Ein Autor, der beglückend unpathetisch und spielerisch schreibt, Gefühlskitsch, Erlebnisschrott oder tagesaktuelle "Relevanz" kommen nicht vor, selbst in seiner Autobiographie, die mit dem Satz: "Je n’ai pas de souvenirs d’enfance" beginnt, versucht er, so unpersönlich wie möglich zu bleiben, dahinter stecken vielleicht Diskretion und Zurückhaltung. In einem wundervollen Comic "Je me souviens" greift Zeina Abirached Perecs Methode aus "Je me souviens", einem anderen autobiographischen Buch von Perec, übrigens auf und schreibt in "Je me souviens de..."-Sätzen über ihre Kindheit im vom Bürgerkrieg heimgesuchten Beirut.

Perec galt als Vollwaise, sein Vater ist als Freiwilliger früh im Zweiten Weltkrieg gefallen und seine Mutter vermutlich in Auschwitz umgebracht worden. Er hatte nicht nur früh seine Eltern verloren sondern auch immer die Erinnerung an den Verlust vermißt. (Er war nicht etwa Bretone, wie manche wegen seines Namens dachten, sondern seine Vorfahren hatten Peretz geheißen. Er legte immer Wert darauf, daß sein Name sich ohne Akzent schrieb, um eine Differenz zu markieren, ein französischer Schriftsteller zu sein und es gleichzeitig nicht zu sein. Ich berufe mich bei allen Informationen über Perec auf diese schöne Radiosendung von France Culture.)

"Wie denke ich, wenn ich denke? Wie denke ich, wenn ich nicht denke? Wie denke ich gerade in diesem Augenblick, wenn ich daran denke, wie ich denke, wenn ich denke? 'Denken/Ordnen' zum Beispiel läßt mich denken an 'lenken/borden' oder auch an 'schwenkend horten' oder auch an 'schenk'n Orden'. Ist es das, was man denken nennt?"

Nicht die Gedanken sind interessant, sondern die Gedanken über die Gedanken.

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Kommentare 3
  1. J. Schneider-Maessen
    J. Schneider-Maessen · Erstellt vor 2 Monaten ·

    herrlich :-)

  2. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · Erstellt vor 2 Monaten ·

    First! - Schönes Themen-Crossing, Jochen.

  3. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · Erstellt vor 2 Monaten ·

    Danke für den Tipp. Ich war von La vie – mode d'emploi sehr angetan, habe Perec dann aber trotzdem aus den Augen verloren. Nach dieser Besprechung möchte ich mich wieder mehr mit ihm beschäftigen.

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