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Literatenfunk

Jubiläums-Endspurt bei Möbel Kraft
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 08.10.2018

Jubiläums-Endspurt bei Möbel Kraft

Seit ungefähr 20 Jahren bekomme ich regelmäßig Briefe von "Möbel Kraft", obwohl ich dort noch nie ein Möbelstück gekauft habe, ich wüßte nicht einmal, wo sich eine der Filialen befindet. Aus meiner Fernseh-Kindheit ist mir vom SFB ("Sender Freies Berlin") noch die ständige Werbung für Möbel Hübner und Möbel Höffner in Erinnerung, eine dieser Marken-Dualitäten, die mir für den Westen typisch schienen, wie Adidas und Puma, Knoppers und Hanuta, Mamba und Fritt. Auffällig war, daß in Möbelhäusern praktisch immer Ausnahmezustand herrschte, "Aktionstage" mit Sonderangeboten, kein Möbelhauskunde schien bereit zu sein, ein Möbelstück zum normalen Preis zu kaufen. Weil ich an Möbelhäuser eigentlich gar nicht glaube und eher Platz kaufen müßte statt Möbel, habe ich die Möbel-Kraft-Briefe bisher immer ungeöffnet weggeworfen und vorher durchgerissen (damit sie niemand anders las, sie waren schließlich an mich gerichtet) aber man muß auch im Alter bereit sein, neue Wege zu gehen, und so war endlich der große Tag gekommen, und ich habe den ersten Möbel-Kraft-Brief meines Lebens geöffnet.

Ich habe den Sinn von Werbung ja nie verstanden, wer erbarmungswürdig um Kunden buhlt, zeigt doch nur, wie nötig er es hat und daß seine Produkte nicht für sich sprechen. Und wenn Konkurrenten Werbung machen, hebt sich der Effekt doch wieder auf? War das nicht wie bei den Kiefern im Wald, die sich auch darauf einigen könnten, einfach alle klein zu bleiben, statt so hoch zu wachsen und am Ende nichts gewonnen zu haben? Andererseits zählte das close reading von Versandkatalogen aus dem Westen, die von Leser zu Leser weiterverborgt wurden, zu den lustvollsten Eskapismen in der DDR und ich hätte, als notorisch unter Kaufreue leidender Kunde, gerne das aus der Kindheit bekannte Gefühl von Staunen und Gier angesichts unzähliger Produkte, die man haben wollte, heraufbeschworen, um mich wieder jung zu fühlen.

Der Briefumschlag hatte ein Fenster für die Adresse, was immer einschüchternd amtlich auf mich wirkt, oben stand "Wichtige Kunden-Information" und darunter "Große Nonstop-Tiefpreis-Aktion vom 1.10. bis 20.10.2018". Die Zeit lief also schon, und es waren kaum noch drei Wochen! Auf der Rückseite war vom "Super-Jubiläums-Angebot" die Rede, es waren Geldscheine abgebildet, denn der Brief enthielt "20.-" (Euro?) "als Sofort-Ersparnis" und noch dazu "attraktive Vorteils-Coupons". Es war klar, daß es hier in erster Linie um Sprache ging, ich schaute Kollegen über die Schulter. Da die Texter damit rechnen mußten, daß die Kunden von der Werbepost anderer Möbelhäuser abgeschreckt und mißtrauisch geworden waren und so einem Brief keine Aufmerksamkeit schenken würden, bildete man besonders lange Substantive, die das Bewußtsein am Stück schlucken mußte, wenn es den Anfang des Worts bereits zu sich genommen hatte. Aber auch das Auge wurde angesprochen, denn bei dem Stapel praktischer Faltblätter, die sich im Brief befanden, und von denen man, kundenfreundlich, einfach die aufheben konnte, die einen am meisten interessierten, hatten die Gestalter in den Wörtern "schick", "Komfort" und "Kauf" das "K" durch das "K" aus dem Möbel-Kraft-Logo ersetzt (seltsamerweise nicht bei "Möbel Kraft" selbst.)

Am dicksten war ein Prospekt mit Möbeln, sicher der Kernkompetenz von "Möbel Kraft", auf dessen Vorderseite eine "Moderne Wohnlandschaft" angepriesen wurde, also eine Art Sofagarnitur in "Espresso", einem hellen Braunton, zum "Abholpreis" von 999 Euro. Die Wohnlandschaft verfügte (gegen Mehrpreis) über eine "Querschläferfunktion". Ich habe auch nach längerem Betrachten der Fotos nicht herausbekommen, was damit gemeint sein sollte. Mein Sohn ist "Querschläfer", nachts wache ich deshalb manchmal von Tritten gegen meinen Kopf auf und presse mich noch fester an die kalte Wand, um mich zu schützen. Vielleicht würde eine Wohnlandschaft mit Querschläferfunktion Abhilfe schaffen? Und bei der Gelegenheit könnte ich für uns auch eine "7-Zonen-Gel-Tonnentaschen-Federkern-Matratze" kaufen, bei Laufschuhen habe ich mit Gel ja gute Erfahrungen gemacht.

Auf der nächsten Seite gab es ein "dreiteiliges Babyzimmer" zu kaufen, in dem der Korpus des Babybetts mit "Wildeiche-Trüffel-Nachbildung" gemasert war. Das Babybett war umbaubar zum Juniorbett "inkl. Schlupfsprossen". Ich kombinierte, daß es sich dabei wahrscheinlich um fehlende Gitterstäbe handelte (die man heutzutage lieber "Sprossen" nannte), durch die der Junior schlüpfen konnte, wenn er nachts auf die Toilette mußte, so daß die Eltern nicht geweckt wurden.

Der nächste Entwicklungsschritt für den Junior ist schon "Junges Wohnen", mit einem "Wohnprogramm" aus Highboard, Paneel, TV-Element und Vitrine. Weil diese schicken Möbel auf den einen oder anderen vielleicht gar nicht so jung wirken könnten, hingen als pfiffige Deko-Idee über dem Highboard zwei Plakate mit Buchstabenzeilen verschiedener Größe, so wie man es vom Optiker-Sehtest mit dem Phoropter kennt, sozusagen ein Objet trouvé, wie es Jugendliche aus Geldmangel und weil sie nicht so unlocker sind wie Erwachsene gerne verwenden, um ihre Wohnung oder ihr WG-Zimmer aufzupeppen. Für die nötige Gediegenheit, weil Jugendliche bei aller Lockerheit auch ernstgenommen werden wollen, sorgte dann eine 5-flammige Deckenleuchte "opal gewischt" von der gegenüberliegenden Seite.

Auf der Rückseite des Faltprospekts wurde schließlich eine "moderne Einbauküche in frischen Farben" angeboten, nach dem zeitgemäßen open-living-Prinzip, auf dem Foto hielt die junge Mutter, die zuhause Turnschuhe trug, einen robusten, grünen Kaffeemug in der Hand, während ihr Junior mitten in der Küche auf einem Schaffell mit der (ebenfalls grünen) Salatschleuder spielte (gut beobachtet!) Gleich darunter gab es ein Angebot für das Meisterkoch-Topfset "Radius", was bei mir die Frage auffwarf, welche Produkte hier eigentlich Namen trugen? Ich fand beim Rückblättern nur den "Modernen Webteppich 'Louvre Melange'", sowie Staubsauger und Waschmaschine, die Star-Wars-mäßig "VS27A400" und "WM14B222" hießen (1400 Umdrehungen! Ob ich noch die 2000 erlebe?)

Bisher hatte ich nur den Hauptprospekt gelesen, aber jetzt kamen die "125 Jahre-Jubiläums-Knaller" ("Knaller" wieder mit Möbel-Kraft-K geschrieben), denn es handelte sich um ein "Mega-Jubiläum", weshalb dem Brief eine persönliche Einladung "zum Jubiläums-Endspurt" beilag, in dem es hieß: "Wir bedanken uns für Ihr langjähriges Vertrauen". Leise Gewissensbisse stellten sich ein, weil man mich vielleicht mit einem treueren Kunden verwechselt hatte. Lag ein Irrtum vor, und ich hätte den Brief mit den großzügigen Angeboten gar nicht bekommen dürfen? Dann war ich doch eigentlich zur Aufklärung verpflichtet? Ich durfte mich doch nicht mit fremden Federn schmücken? "Bitte gleich öffnen. Hier sind die Jubiläums-Vorteile drin", diese Aufforderung richtete sich möglicherweise gar nicht an mich! Wie ein Betrüger kam ich mir vor, als ich mir die Gutscheine für 1 Glas Prosecco (gratis, "solange der Vorrat reicht") ansah, für Heidelbeerkuchen mit einem Kaffee (statt 3,10 nur 2,50 Euro "solange der Vorrat reicht") und für Wildgulasch mit Apfelrotkohl und Spätzle (hier sparte man am meisten, statt 6,90 waren 3,90 zu bezahlen, der Vorrat würde nicht lange reichen.)

Würde ich die Dreistigkeit besitzen, mir die "20.-Jubiläums-Sofort-Ersparnis" zu sichern, auch wenn der Brief mich nur irrtümlich erreicht hatte? Und gar die "Jubiläums-Sparchecks" über 200.- und 500.-? Eine Fußnote verwies hier jeweils auf die Rückseite des Prospekts. Die Verrechnung der 500.- galt "innerhalb des Aktionszeitraums" ab einem Einkaufswert von 2500 Euro:

"Ausgenommen von dieser Rabattaktion sind alle Artikel aus der Elektroabteilung und unserem Fachsortiment, sowie Gutscheine und Bücher. Und Artikel der Marken Aeris, B-Collection, Conform, Erpo, Flexa, Henders&Hazel, Kettler, Lifetime, Miele, Möbel von Leonardo, Musterring, Naturszücke, Rolf Benz, Sieger, Spectral, Stressless, tempur, Walden, Zebra und aus der Abteilung Gartenmöbel die Marken Angerer, Doppler, Lafuma, Landmann, Liro, MWH, Niehoff contract, Ploss und Schneider. Ebenfalls ausgenommen sind bereits reduzierte Möbel, Küchen, Matratzen oder als Aktionspreis gekennzeichnete Artikel sowie in diesem Werbemittel beworbene Waren."

(Um die kleine Schrift lesen zu können, mußte man beim Phoropter-Sehtest gut abgeschnitten haben.)

Ich war eigentlich schon nicht mehr aufnahmefähig, in meinem Kopf drehte sich alles, aber es gab immer noch ein weiteres Faltblatt, das "Feier-Schnäppchen", "unschlagbare Preisvorteile", "Sensations-Angebote" und "Sonderkonditionen" versprach, damit man "radikal weitersparen" konnte. Aber es waren nicht nur Möbel und Wohn-Accessoires, die auf mich warteten, sondern auch Produkte aus einer Fernsehshow, von der ich noch nie gehört hatte "Die Höhle der Löwen". "Gestern im TV, heute schon bei Möbel Kraft" hieß es über ein Zahnfleischpflege-Gel, "Waschies", ein Waschpad zur Babypflege ("Sensationell: Nur mit Wasser!"), eine neuartige Hundeleine ("einhändiges Anleinen dank innovativem Magnet-Klick-System") und, zum "Löwenpreis" von 5,99 Euro ein "von Schlafforschern entwickeltes" Nahrungsergänzungsmittel smartsleep®, das "optimierte Erholung" versprach "bessere Regeneration für mehr Leistung!". Ich dachte erst, es handle sich bei der silbernen Röhre um ein Spray für das Schlafzimmer, aber meine Recherchen bei smartsleep.de haben ergeben, daß es eine Kombination von Trinkampullen und Kautabletten war. Studien der Sporthochschule Köln hätten 2004 "den Zusammenhang zwischen Sport und Schlaf" gezeigt. "In zehnjähriger Forschungsarbeit" (hätte man in der Zeit nicht endlich ein Haarwuchsmittel erfinden können?) habe man daraufhin smartsleep® entwickelt, das u.a. "hochwertiges Creatin", Mineralstoffe und Vitamine enthielt. Noch dazu war es "100% vegan, gluten- und laktosefrei". Leider hatte ich Angst, daß der Schwindel um meine Treue zu Möbel Kraft auffliegen könnte, sonst hätte ich mir gerne ein paar Ampullen dieses Wundermittels gesichert, um mich optimiert zu erholen ("Schlaf dich fit.") Bis ich mir die Angebote von Möbel Kraft wirklich verdient hätte, mußte ich wohl vorerst mit Ohrstöpseln und Schlafbrille Vorlieb nehmen.

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Kommentare 2
  1. Susanna Sandvoss
    Susanna Sandvoss · Erstellt vor etwa einem Jahr ·

    Selten so viel gelacht, beim Lesen eines Werbeprospekts :-)

  2. Mascha Jacobs
    Mascha Jacobs · Erstellt vor etwa einem Jahr · Bearbeitet vor 4 Monaten

    👑

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