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Literatenfunk

Hergé, fils de Tintin

Quelle: (c) Libération, 1983

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 10.01.2020

Hergé, fils de Tintin

An einem denkwürdigen Tag, den ich nicht datieren könnte, fiel mir als Kind "Die sieben Kristallkugeln" in die Hände, und damit war meine Kindheit gerettet. Ich war sofort fasziniert von den fehlenden Schraffuren und den klaren Farben der Bilder, wie ich sie bis dahin nur vom strahlend blauen Hintergrund auf den Honecker-Porträts kannte, die bei uns in allen Schulen hingen. Hatte ich bis dahin noch vorgehabt, einen Ausreiseantrag zu stellen, um nach Bullerbü zu ziehen, wollte ich jetzt Tim und Struppi in der Labradorstraße besuchen. Aber in welchem Land lebte er eigentlich? Das blieb irgendwie unklar. Und er hatte ja nicht mal einen Nachnamen! Nach und nach wurden von Westverwandten sämtliche Tim-und-Struppi-Alben erbettelt, für die sie dieses braune, bitter schmeckende Pulver, das sie uns immer zu Weihnachten schickten, und das völlig wertlos war, weil man es weder lutschen, noch in Wasser oder Milch auflösen konnte, gerne behalten konnten. (Daß wir von ihren Eltern Comics geschenkt bekamen, machte manche meiner Cousins und Cousinen im Westen neidisch, da ihnen keine "Schundliteratur" zugestanden wurde.) Aus einer gewissen Scheu habe ich die Alben seit meiner Kindheit nie wieder gelesen, aber ich freue mich darauf, es irgendwann zu tun, wenn ich mich endlich endgültig der Regression hingeben kann.

Da ich die Alben nicht in der richtigen Reihenfolge geschenkt bekam, hatte ich manchmal Schwierigkeiten, Anspielungen und Running Gags zu verstehen und Nebenfiguren, die wie selbstverständlich auftauchten, zuordnen zu können. Besonders faszinierend waren die Querverweise auf andere Alben (etwas, was ich schon von Karl May kannte). Wenn ein seltsamer Bösewicht auftauchte, und Tim vor Schreck ausrief: "Rastapopoulos!" Dann stand an der Sprechblase ein Sternchen, das auf eine Fußnote verwies: "Siehe: Tim und der Haifischsee". Das war praktisch schon die Vorwegnahme des Hyperlinks. Der häufigste Verweis war: "Siehe: Der Schatz Rackhams des Roten". Aber ausgerechnet dieses Heft bekamen wir erst ganz zuletzt.

Für die Kinder aus Hergés Epoche, vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg, waren die Alben ein Weg, die Welt zu entdecken, in einer Zeit, in der man noch nicht viel reiste. (Auch Hergé hatte die Länder, in die er Tim schickte, selbst nicht gesehen.) Für ein DDR-Kind wie mich, das fast gar nicht ins Ausland reisen konnte und das Glück hatte, an Tintin-Alben zu kommen, galt das natürlich noch viel mehr. Bis heute weiß ich genau, was ich von Tim über die Welt gelernt habe. Was eine "Pipeline" war (von mir damals noch deutsch ausgesprochen), in "Im Reiche des schwarzen Goldes" stand es. Daß man Möwenkot Guano nannte, daß Piranhas Fleischfresser waren, daß man Menschen mit Chloroform betäubte, daß den Indern Kühe heilig waren, daß durch den Dschungel Tapire rasten, daß die Tibetaner sich zur Begrüßung die Zunge rausstreckten, daß die Amazonas-Indianer ihre Pfeilspitzen mit Cahare-Gift präparierten, daß amerikanische Gangster von "liquidieren" sprachen, wenn sie jemanden aus dem Weg räumten, daß Fiebernde "phantasieren", was eine Fata Morgana war, ein Steward ("Steh-wart" gesprochen, weil er ja stand und wartete), Silhouette, Attrappe, Elmsfeuer, Kugelblitz, ein Yeti, "gratis und franko", der Boxeraufstand, "blinder Passagier", ein Kai, ein Komplott (hier handelte es sich um keinen Druckfehler). Manche Formulierungen blieben auch ewig unklar, an einer Stelle, ich glaube in "Kohle an Bord" sagte jemand: "Paß auf den Sack" und meint damit "Paß auf den Sack auf". Ich wettete einmal mit einem Onkel, daß ich in den 23 Alben, die wir besaßen, jedes Wort, das er mir nennen würde, einer Seite zuordnen könnte.

Manchmal führten Tim seine Abenteuer in zwei verfeindete Nachbarländer, Syldavien und Bordurien, wo Straßenschilder knappe Befehle erteilten: "ARBEITEN. LANGSAM FAHREN". Dort standen Diktatoren, die Monokel und Phantasieuniformen trugen, Staatsgebilden vor, in denen ständig geputscht wurde. Ich halte es für möglich, daß viele französische Soldaten, die in den Balkankriegen als Blauhelme dienten (und dort von der Bevölkerung "Schlümpfe" genannt wurden), ihre Kenntnis der Region vorwiegend aus "Tim und Struppi" bezogen haben.

Die weiteste Reise führte Tim auf den Mond, nicht ohne daß seine Rakete von Oberst Boris (Siehe: "König Ottokars Zepter") umgeleitet worden wäre. Allerdings war das Heft wieder ein Zweiteiler: "Welche Abenteuer werden Tim und seine Gefährten fern der Erde erleben? Werden sie zurückkehren? Lesen sie die Fortsetzung." Eine zynische Bemerkung für jemanden, für den der Mond leichter zu erreichen gewesen wäre, als das nächste Comic-Fachgeschäft in West-Berlin. Bis ich die Auflösung in "Schritte auf dem Mond", nachlesen konnte, mußte ich 365 Tage rückwärts zählen. Erst dann wurde ich Zeuge davon, wie Tim Oberst Boris mit den Worten: "Sie haben ihren Charakter nicht geändert, seit sie in Syldavien ihren König stürzen wollten" gefangen nimmt.

Besonders gefiel mir immer die Situationskomik, wenn ein Pflaster, das hartnäckig an Kapitän Haddocks Finger klebt, von einem Passagier zum nächsten nach und nach durchs ganze Flugzeug wandert. Oder wenn Tim in Afrika immer wieder auf ein Reh hinter einem Hügel schießt, scheinbar ohne es zu treffen, und dann liegt dort, als er am Ende nachsehen geht, ein ganzer Berg erschossener Rehe, weil nur immer ein neues den Hals gereckt hatte. Wenn ein tibetanischer Mönch eine Vision hat (auch so ein Tim-und-Struppi-Wort), ein Stück über dem Boden schwebt und am Ende seiner Vision runterfällt, einem anderen Mönch auf den Fuß. Oder, sehr klug, wenn Tim in der Prärie einschläft, über Nacht Öl gefunden wird und blitzschnell eine ganze Stadt entsteht, auf deren Straßen er am Morgen schon als Obdachloser aufwacht.

In "Dans les coulisses des aventures de Tintinerzählt Benoît Peeters auf charmante Weise von Hergé und seinem Werk. Peeters war unter anderem Szenarist der von Francois Schuiten gezeichneten Science-Fiction-Architekturphantasie-Mega-Parallelwelt-Steampunk-Serie "Die unsichtbaren StädteZudem ist er ein Kenner von Hergés Werk und Leben (u. a. als Autor von "Hergé, fils de Tintin".) Der neue Band ist in der Serie "Petite conférence" erschienen, die sich an junge Leser richtet. Man findet viele Fakten, die Fans sicher bekannt sind (das Pseudonym "Hergé" entstand aus der Umkehrung von Georges Remis Initialen "G.R.") Andere Fakten sind schön unverzichtbar-unnütz: Auf der achten Seite von "Tintin au pays des Soviets" sitzt Tintin in einem Mercedes Coupé im Fahrtwind, und dabei entsteht seine berühmte Tolle, die er für immer behalten wird. Die Mondraketedie Elon Musk bauen will, ähnelt auffällig der von Tintin.(Hergé soll bei diesem Projekt eine Inspiration für ihn gewesen sein.) Erst im späten "Tim und die Picaros" trägt Tim Jeans und nicht mehr seine Golf-Hosen. Die erste Tim-Geschichte ist in Schwarz-Weiß als Serie in der Kinderbeilage der katholischen Zeitung "Le Vingtième siècle" erschienen. Die Idee dazu hatte Abbé Waltz, der Direktor der Zeitung. Eine Woche vor dem Ende der Serie gab man bekannt, daß Tintin an der Gare du Nord in Bruxelles ankommen würde, hunderte Kinder erwarteten ihn dort, um ihn zu begrüßen. Tatsächlich engagierte man einen Jungen, um Tim darzustellen.

Seltsamerweise war Tim in seinem näheren Umfeld bis auf seinen Hund Struppi nur von Trotteln umgeben (eine Erfahrung, die manches Kind aus der eigenen Familie kennt). In "Die Zigarren des Pharaos" treten Schulze und Schultze ("Dupond et Dupont") zuerst auf, die wie Zwillinge aussehen, aber einen zumindest als Graphem unterschiedlichen Nachnamen haben (und die außerdem verschiedene Schnurrbärte haben). In "Der Schatz Rackhams des Roten" erscheint Tryphon Tournesol, Professor Bienlein ("Ich bin etwas harthörig"). In "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" taucht der fluchende ("Du Abart eines Logarithmus!") Kapitän Haddock zum ersten Mal auf, der auf Französisch so klingt:

"Vengeance, canailles, emplâtres, va-nu-pieds, troglodytes, tchouk-tchouk-nougat, chenapans, ectoplasmes, marins d'eau douce, bachi-bouzouks, zoulous, doryphores"

(Es gibt ein Buch, "Le Haddock illustré", das seine gesammelten Flüche erläutert.) Die Idee, den Kapitän so avantgardistisch fluchen zu lassen, kam Hergé, als er einmal von einer Marktfrau auf die Frage, ob ihr Gemüse frisch sei, mit einem Begriff aus den aktuellen Nachrichten ("Espèce de pacte-à-quatre ...") beschimpft wurde, der als Beschimpfung keinen Sinn ergab.

Interessant ist, von Peeters zu erfahren, daß sich auch in der nur scheinbar unwandelbaren Welt von Tim und Struppi die persönliche Entwicklung und die Krisen des Autors Hergé niedergeschlagen haben. Nach 20 Jahren ununterbrochener Arbeit hatte er Depressionen bekommen und eine Weile nicht mehr zeichnen können, als Therapie nahm er sich ein besonders anspruchsvolles neues Album vor ("Schritte auf dem Mond"). Auch "Tim in Tibet" soll das Dokument einer überwundenen Lebenskrise sein, weil Hergé sich verliebt hatte, in Schuldgefühlen versank und sich schließlich von seiner Frau trennte. (Alles Dinge, die Tim nie passieren könnten.) Als Perfektionist setzte er sich unmenschlich unter Druck, er brauchte mehrere Jahre für ein Album. Für jedes Boot oder Flugzeug wurde lange recherchiert. (So ist die chinesische Werbung in "Der blaue Lotos" kein Phantasie-Chinesisch, dort steht z. B. "Kaufen sie Siemens-Glühbirnen".) Er legte ein umfangreiches Archiv von Zeitungsausschnitten mit Fotos an, die er nach einem bizarren System klassifizierte. Später hatte er, wie ein Filmregisseur, Mitarbeiter, die ihm bei Dekors, Kleidung, Farben, Lettrage halfen.

Die wichtigsten Fragen bleiben für immer unbeantwortet: Warum trägt Tintin seinen seltsamen Namen? Was hat er in seiner Kindheit gemacht? Was würde in "Tim in Deutschland" passieren? Warum wird er nicht älter? (Hier sieht man ihn in alt.) Wo sind seine Eltern? Weil er keine hat, ist er niemandem Rechenschaft schuldig. Und auch wir "werden wieder zu Kindern, wenn wir ihn wiederlesen, aber wir sind auch schon Erwachsene, wenn wir ihn in der Kindheit lesen", schreibt Peeters. Tim ist die reine Freiheit, ein "Über-Kind". "C'est quelqu'un qui aurait toute la liberté, toute la poésie d'un enfant, combinées à toutes les compétences d'un adulte."

Als Hergé 1983 starb, widmete ihm die "Libération" eine ganze Ausgabe, in der alle Fotos durch Hergé-Zeichnungen ersetzt waren. (Eine Idee, die die taz 1990 aufgriff, als sie zum 65. Geburtstag Ernst Jandls in Anspielung auf sein Gedicht "lechts und rinks kann man nicht velwechsern" auf der Titelseite alle l's und r's vertauschte: "Mit Huckepack und 5 Plozent ins Palrament").

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