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Literatenfunk

Kinderbücher 8: Bullerbü-Syndrom
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 15.09.2017

Kinderbücher 8: Bullerbü-Syndrom

In den Wochen vor Weihnachten hat unsere Katechetin Frau Schlorf uns in der Christenlehre immer aus einer wie ein Samisdat-Manuskript auf transparentem Durchschlagpapier abgetippten Version von "Die Kinder aus Bullerbü" vorgelesen. Murmeln wurden dort "Marmeln" genannt, die Mädchen tauschten mysteriöse "Oblaten" und die Währung hieß, wie bei den Tschechen, "Kronen", die kleineren Münzen aber "Öre". So ein bißchen in Bullerbü waren wir als Christenlehrekinder im Gemeindehaus, das fast der einzige Altbau in unserem Ostberliner Plattenbaugebiet war, und das Zehngeschoßer umstanden, ja selbst. Aber als Kind wollte ich natürlich im echten Bullerbü leben, wo sich Eltern und Nachbarn nie stritten und von Streit zwischen Staaten fast nichts bis in die kleine Siedlung drang. ("Es standen übrigens nur traurige Sachen in der Zeitung, von Krieg und Krieg und wieder Krieg. 'Wenn der Krieg nun einmal hierher kommt und Bullerbü kaputtmacht', sagte Bosse. 'Glaubst du das, Großvater?' 'O nein', sagte Großvater, 'das tut er nicht. Der liebe Gott wird seine Hand sicher über unser kleines Bullerbü halten.' 'Das hoffe ich auch', sagte Britta, 'denn ich will in Bullerbü wohnen, solange ich lebe!'") Streit, oder zumindest Reibereien, gab es allerdings des öfteren zwischen Mädchen und Jungen, meistens weil die Jungen den Mädchen irgendetwas nicht zutrauten oder lieber unter sich bleiben wollten, doch am Ende vertrug man sich wieder, weil die Spiele zusammen dann doch mehr Spaß machten. Damals völlig normale Techniken und Praktiken wirken auf uns heute exotisch und man sehnt sich vielleicht zurück nach mehr Einfachheit, wenn man liest, daß es keinen Kühlschrank gibt, sondern einen Eisschober, für den man im Winter Eis aus dem See schlägt, daß im Sommer im Backofen Kirschen getrocknet werden, aus denen im Winter Fruchtsuppe gekocht wird oder daß der Vater bei starkem Schneefall auf dem Kutschbock seine Füße zusätzlich mit Strohschuhen wärmt.

Idyllen stehen unter dem Verdacht, die Wirklichkeit zu verklären und deshalb womöglich langweilig zu sein, etwas für Menschen, die sich der Realität nicht stellen wollen. Vielleicht unterstellt man Idyllen sogar totalitäre Tendenzen, da man in einer Idylle ja praktisch gar nicht das Recht hat, unzufrieden zu sein und sich erdrückt fühlen könnte von zuviel Harmonie und vom Zwang, glücklich und unkompliziert zu sein. Es gibt in "Bullerbü" ein paar vorsichtige Andeutungen von Brüchen, ein Schaf kann keine Milch geben, weshalb sein Lamm tot auf die Welt kommt und das Geschwisterchen so schwach ist, daß es geschlachtet werden soll. (Die Mädchen päppeln es mit der Flasche auf.) Der Großvater, der im dritten Band 80 wird, ist schon fast blind. Er ist als Kind sehr früh Vollwaise geworden und "kam zu fremden Menschen, die gar nicht gut zu ihm waren. Er mußte viel arbeiten, obwohl er so klein war, und er bekam so viel Prügel und so wenig zu essen, daß er schließlich das Ganze satt hatte und davon lief." Die Mitschülern Märta wird so schwer krank, daß sie mehrere Monate im Bett bleiben muß. (Die Mädchen schenken ihr eine Puppe und ein Märchenbuch: "Niemals habe ich einen Menschen so glücklich gesehen, wie Märta es wurde, als wir Bella und das Märchenbuch auf ihre Bettdecke legten und sagten, Bella und das Märchenbuch seien für sie.") Ein einsiedlerischer Schuhmacher, der "zwischen Bullerbü und Storbü wohnt", trinkt, haßt Kinder und prügelt seinen Hund, der aber von Ole aufgenommen und so liebevoll behandelt wird, daß er wieder Zutrauen gewinnt. Es ist, zugegeben, nicht allzu viel, was die Idylle stört (weniger als bei Michel). Aber ist es überhaupt eine Idylle? Das Bullerbü-Syndrom soll eine deutsche Spezialität sein, weil sich darin unsere Sehnsucht nach einem Deutschland ohne die Schuld der Nazi-Verbrechen zeigt. Es hätte also mit dem Wunsch nach Verdrängung zu tun. Abgesehen davon, daß mir scheint, daß die gleichwürdige Art, in der die Kinder von ihren Eltern in Bullerbü behandelt werden (die die meiste Zeit abwesend sind, z.B. bei der Feldarbeit), damals (und wohl leider auch heute noch) fortschrittlich gewesen sein dürfte (ich nehme an, damals war sie es auch noch in Schweden), fiel mir beim Wiederlesen auf, was für ganz neue Sehnsüchte die Bullerbü-Bände inzwischen bei mir wecken. Tatsächlich finde ich an dem Leben, das diese Kinder führen vieles gar nicht idyllisch, sondern ganz natürlich, es wirkt nur deshalb idyllisch, weil sich heute so viel Falsches in die Kindheit eingeschlichen hat. Die Bullerbü-Kinder wachsen nämlich noch ohne Fernseher, Internet, Playstation, Netflix, iPad, eBook-Reader, Youtuber und Handys auf, es gibt nicht mal Radio. (Telefon gibt es im benachbarten Storbü.) Immerhin lesen sie dem Großvater manchmal aus der Zeitung vor, die aber auch nur ihn zu interessieren scheint. Dennoch hat man in keiner Sekunde das Gefühl, daß ihnen etwas fehlen könnte. Das liegt daran, daß sie in der Natur aufwachsen und beim Spielen Phantasie entwickeln, gerade aus der Langeweile heraus. Die Kinder aus Bullerbü würden heute nicht mehr mit einer an einer Schnur befestigten Zigarrenkiste von Fenster zu Fenster Briefe schicken, sondern über Whatsapp (oder wie das inzwischen heißt) kommunizieren. Sie würden nicht mehr gemeinsam kilometerweit zur Schule laufen, unterwegs auf Zäunen balancieren, sich auf dem Heimweg schrecklich verspäten, weil sie beim Spielen die Zeit vergessen, und im Winter im Schneesturm vom Schneepflug aufgelesen und nachhause gebracht werden, denn ihre Eltern würden sie mit dem Auto fahren. (Und Lasse würde, wenn er nach der Einschulung keine Minute richtig stillsitzen kann nicht mehr von der Lehrerin nach Hause geschickt werden und gesagt bekommen "… er solle im nächsten Jahr wiederkommen. Er solle erst noch ein wenig mehr spielen." Das würde weitaus komplizierter geregelt, womöglich mit Medikamenten.) Die Kinder würden nicht im Graben unter Faulbäumen Frösche küssen, bei der Heuernte helfen, auf dem Dachboden Verkleiden spielen, mit Schürzen aus Sackleinen auf dem Feld Rüben verziehen und zur Erfrischung Saft durch echte Strohhalme trinken, sie würden nicht gemeinsam im Heu übernachten, zu Besuch bei Tante Jenny zu vierzehnt im Spielsaal schlafen ("Stellt euch mal vor, wie lustig, auf dem Fußboden zu liegen!") und im Wald Hütten bauen, um mit den Vätern in einem Tümpel über Nacht Krebse zu fangen, denn da gibt es ja kein WLAN. (Sie hätten allerdings wahrscheinlich auch kein Hausmädchen Agda, oder inzwischen vielleicht doch wieder.) Die Kinder würden nicht nachts im Wald ungewohnten Geräuschen lauschen und dabei neue Gefühle erkunden: "Ich lag noch lange wach und hörte, wie es im Wald rauschte. Es rauschte nur etwas. Und kleine Welle schlugen gegen den Strand, leise, ganz leise. Es war alles so seltsam – plötzlich wußte ich nicht, ob ich traurig war oder froh. Ich lag da und versuchte zu fühlen, ob ich traurig oder froh war, aber ich bekam es nicht heraus. Vielleicht wird man vom Schlafen im Wald ein wenig wunderlich." (Denn es würde ja die ganze Zeit Musik vom Handy laufen.) Die Kinder würden nicht am Tag vor der Prüfung, die traditionell die Sommerferien einläutet, gemeinsam das Klassenzimmer "mit Blumen und grünen Zweigen" schmücken. (Sie würden auch nicht drei Tage schulfrei bekommen, um auf dem Feld Kartoffeln zu sammeln und sagen: "Kartoffeln sammeln macht Spaß. Wir haben unsere schlechtesten Kleider dabei an und Gummistiefel. Manchmal ist es ein bißchen kalt draußen auf dem Kartoffelacker, und wir bekommen steife Finger. Aber dann hauchen wir sie an.") Sie würden nicht vom Großvater bei jedem Besuch Kandiszucker geschenkt bekommen (schlecht für die Zähne). Sie würden wohl kaum bei der Lehrerin, die im Schulgebäude wohnt, wenn sie krank ist, die Wohnung putzen und ihr Gulasch kochen. (Sie würden ihr aber hoffentlich auch keine Negerwitze mehr erzählen, wie Lasse.) Sie würden nicht an den Märchenbüchern riechen, die sie von der Lehrerin vor Weihnachten geschenkt bekommen ("Man kann am Geruch förmlich merken, wie schön es sein wird, sie zu lesen"), weil sie eBook-Reader hätten. Sie würden sich nicht bei jeder Gelegenheit gemeinsam Spiele ausdenken und den ganzen Sommer über im Freien sein, im Wald, im Garten, am See, auf dem man im Boot bis zu einer Insel fahren kann, um dort nach Schätzen zu suchen. Sie würden wohl auch nicht auf der anderen Seite des Sees in den Felsen klettern und sich ängstlich festklammern, wenn es ein gefährliches Stück über einen Abgrund geht, was die Mutter nicht wissen darf. Sie würden, wenn es im Sommer regnet, nicht zuhören, wie der Regen aufs Dach trommelt und in den Dachrinnen rauscht und sagen: "Es war wunderbar, dazusitzen, Zuckerkuchen zu essen und nicht hinausgehen zu müssen." Sie würden ja sowieso kaum rausgehen, weil sie lieber auf dem Zimmer daddeln oder auf dem iPad Serien gucken würden oder auf Instagram die neuesten Fotos ihrer Klassenkameraden checken müßten. Sie würden vielleicht auch nicht sagen: "Ich bin froh, wenn Menschen sich über meine Weihnachtsgeschenke freuen. Das ist genauso schön, als wenn man selbst Weihnachtsgeschenke bekommt." (So eine reife Haltung hat auch die liebe Frau Schlorf uns nicht vermitteln können.) "Oh, was für ein Glück, daß jemand den Einfall hatte, Bullerbü zu bauen. Wo hätten wir sonst wohnen sollen?" sagt die siebenjährige Erzählerin Lisa. Aber wo sollen unsere Kinder wohnen?

8,7
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Kommentare 4
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 3 Monaten

    ...und ich habe noch gelernt, was ein Samisdat ist - die Domain ist noch frei!

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 3 Monaten

    ...so ein technologiefeindlicher, unmoderner Text! Dafür lad ich dich zum Essen ein! :D Wunderbar!

    1. Jochen Schmidt
      Jochen Schmidt · vor 3 Monaten

      Sehr gerne! Ich weiß nicht, wie ich über das Thema schreiben kann, ohne zu klingen wie die Generation, die den Untergang der Zivilisation an Röhrenhosen und "Kofferheule" festmachte.

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor 3 Monaten

      @Jochen Schmidt "Kofferheule"!!! Muhahahaha! Ich fall vom Glauben ab! Mehr!