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Literatenfunk

Bye Bye Babylone

Quelle: (c) Lamia Ziadé "Bye Bye Babylone"

Bye Bye Babylone

Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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Jochen SchmidtFreitag, 21.02.2020

Neulich in Luxemburg dachte ich erst, ich sei in einer Stadt, die zu reich ist, um noch interessant sein zu können, obwohl ich mehrmals von Obdachlosen um Geld gebeten wurde, was mir in drei Wochen im viel ärmeren Belgrad nie passiert war. Ein Mann saß neben Burger King und hielt den Pappbecher für das Geld an einer aus einem Stock und einer Schnur gebastelten Angel zwischen die Passanten. Erst als ich laufen ging, bekam die Stadt für mich ein anderes Gesicht, denn ich lief steile Wege runter zur Alzette, wo man sich mitten in der Stadt in einer Art Schlucht befindet, die als Park dient und sich gegenüber den Glasfassaden der EU-Institutionen, dem Pendler-Verkehrschaos und den vielen Banken oben mit Felsen, Vegetation, einem Fluß und der Abwesenheit von Autoverkehr hier in der Tiefe wie eine Art urbanes Unterbewußtsein anfühlte.

Da ich kaum noch in Buchhandlungen gehe, fiel mir erst kurz vor der Abfahrt ein, daß ich mich ja im frankophonen Gebiet befand und nach Comics gucken könnte. Ich entschied mich für ein Buch über eine französische Architektin, die für Le Corbusier gearbeitet hat, nach Japan gegangen ist, von der dortigen Ästhetik, die sie teilweise gegen lokale Verwestlichungssehnsüchte in Schutz genommen hat, stark beeinflußt wurde und in ihrem langen Leben herrliche Möbel entworfen hat, ein Buch über eine Kindheit im Polen der 80er Jahre und "Bye Bye Babylone. Beyrouth 1975/1979", Kindheitserinnerungen der in Beirut geborenen und aufgewachsenen Lamia Ziadé.

Graphic Novels eignen sich besonders gut für Kindheitserinnerungen, und ich bin immer neugierig darauf, egal welches Land man so aus Kindersicht kennenlernt. Ziadés fast 400 Seiten dickes Buch hat mich sofort fasziniert, weil sie in ihren Tuschzeichnungen die Gräuel des Bürgerkriegs, den sie als Kind jahrelang miterlebt hat, mit Erinnerungen an Kaugummipapier, Ladenschilder, Spielzeug und Fernsehsendungen verbindet. Schon die erste Seite zeigt einen noch eingewickelten Bazooka-Kaugummi, der wie eine Reliquie wirkt: "En 1975 j'ai sept ans, et j'aime les Bazooka que ma mère nous achète, à Walid et à moi, chez Spinney's à Ramlet el Baïda". (Das weckt auch bei mir Erinnerungen, denn ich habe einmal einen Bazooka-Joe-Kaugummi in einem Westpaket bekommen, allerdings war die ebenfalls mitgeschickte Seifenblasenflüssigkeit ausgelaufen und der Kaugummi ungenießbar geworden, ein damals für mich furchtbarer Verlust.)

In einem längeren Gespräch erzählt Ziadé, daß ihr ursprünglich eine Art Katalog des Bürgerkriegs vorgeschwebt habe. Sie wollte Kindheitsobjekte sammeln, Kriegsgerät, Kriegsschauplätze in der Stadt, Politiker und Akteure. Das alles wird immer wieder im Wechsel gezeigt, wobei die verwirrenden politischen Vorgänge von der erwachsenen Ziadé beschrieben werden, während die Kindersicht ihre Erinnerungen sind. Deshalb gibt es auf einer Seite eine Packung Kellog's Smacks zu sehen, deren Design in dieser künstlerischen Nachbildung und an dieser Stelle fasziniert, und dann zehn Seiten Waffenkunde mit den verschiedenen Handfeuerwaffen, die die Gruppierungen bevorzugten, Mörser, Handgranaten, sogar aus Autos selbstgebaute Panzer gab es. Schon an so dokumentarischen Details, aber auch an der Literaturliste im Anhang, kann man erkennen, daß die Künstlerin sich offenbar obsessiv mit ihrer Heimat beschäftigt und das Geschehen im Nachhinein erforscht, ohne damit bisher zu einem Ende gekommen zu sein. Immer wieder fließen auch Zeitungsschlagzeilen von damals ein, sie ist für die Recherche in die Archive gegangen, die Zeitungen haben anscheinend fast täglich über Kämpfe und Bomben berichtet. (Das Dokumentarische kommt noch stärker im 2017 erschienenen "Ma Très Grande Mélancholie Arabe – Un siècle au Proche-Orient" durch, für das Ziadé im arabischen Raum unterwegs war, wobei sie oft Friedhöfe besucht hat. Sie beginnt im Süd-Libanon, kommt nach Ägypten, Palästina, aber sie reist auch durch die Geschichte und breitet ein Panorama an Gewalt, Frustrationen und immer wieder Demütigungen durch den Westen aus. Das ganze hinterläßt den Eindruck einer bedrückenden Fatalität.)

Wenn ich als Kind die endlosen Nachrichten sehen mußte, weil ich auf die Sendung danach wartete (offenbar ist damals niemand auf die Idee gekommen, daß ich zu klein für die Nachrichten gewesen sein könnte) waren oft Bomben in Beirut zu sehen, Raketenwerfer in der Wüste, die ihre Projektile spuckten, aber das alles schien zum Glück weit weg. Wenn ich jetzt versuche, diesen Bürgerkrieg zu verstehen, erinnert mich vieles an die Jugoslawienkriege, über die man auch sein Leben lang forschen könnte. Das kosmopolitische, moderne und orientalische Beirut, in dem Menschen verschiedener Religionen eine gemeinsame Stadt-Identität hatten, erinnert an Sarajevo, das ebenfalls zum Opfer eines Kriegs geworden ist, der nicht von dieser Stadt ausgegangen ist.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß Ziadés Kindheitswelt durch den Bürgerkrieg fast vollständig zerstört wurde. (Im Gespräch gesteht sie eine Faszination für die letzten Hotelruinen ein, die es im wiederaufgebauten Beirut noch gibt). Die Stadt war damals von einer speziellen Mischung aus westlich angehauchtem Hedonismus, politischer Liberalität und interreligiösem Zusammenleben geprägt, es gab hier die freiste und am besten informierte Presse der arabischen Welt.

Am 13.April 1975 bricht der Bürgerkrieg aus:

"Les balançoires dans le jardin du restaurant, où nous avons joués pendant que les adultes prenaient le café, la robe à smocks en vichy rouge que je portais, le chemisier à zinnias rose et vert de ma mère, le Petzi que Walid ne voulait pas me prêter et le récit que téta nous fit au dessert de son cousin d'Égypte ruiné par le jeu resteront, à cause de la date symbolique qu'est devenu par la suite ce 13 avril, à jamais figés dans ma mémoire. C'est comme une deuxième naissance, il y a l'avant et l'après-déjeuner à la campagne, deux vies bien distinctes."

Kaufhäuser werden geplündert, Waschmaschinen weggeschleppt, die Kämpfer decken sich mit Faschingsmasken und anderen pittoresken Dingen als Material zur Camouflage ein. Die verschiedenen Gruppierungen richten sich in verschiedenen Luxushotels ein, von denen aus sie sich bekämpfen. Die Bank von Beirut wird geplündert, man läßt angeblich sogar Spezialisten von der italienischen Mafia einfliegen, um die Tresore der British Bank und der Banco di Roma zu öffnen. Durch die Teilung der Stadt wird Ziadé jahrelang nicht mehr in den Westteil Beiruts kommen, der sie als Kind fasziniert hat, die Sehnsucht, ihn wiederzusehen, ist für sie größer als der Wunsch, nach Paris zu kommen.

Ziadé sagt, es wäre viel zu vereinfachend, wenn man den Bürgerkrieg als Konflikt zwischen Christen und Muslimen einordnen würde, es war komplizierter, die wechselnden Allianzen gingen über Religionsgrenzen hinweg. Aber wir haben uns daran gewöhnt, daß die Stadt zwischen Muslimen im Westen und Christen im Osten geteilt gewesen ist. Ziadés Familie lebte im Osten, ihre Eltern hielten es nicht mit den radikalen Christen, aber man wurde von der muslimischen Seite beschossen. Ein verwirrendes Panorama von Gruppierungen, die für verschiedene Warlords kämpften und äußerlich verschiedene Moden pflegten, katalogisiert sie: konservative Christen, Schiiten, palästinensische Anhänger der Baath-Partei, andere Palästinenser, unabhängige Nasserianer, andere Christen, noch andere Christen, prosyrische Truppen, Fath-Truppen, Drusen, die Koalitionen wechselten immer wieder.

Ziadé erinnert sich an Verluste von Dingen, die ihr damals viel bedeutet hatten, die Schweizer Pâtisserie, das Reisebüro mit einem Pan-Am-Flugzeugmodell im Schaufenster, das Schuhgeschäft, in dem sie jedes Jahr Schuhe und einen Kaugummi bekam, "tout ce qu'il me reste, c'est un sticker publicitaire collé dans le placard de ma chambre d'enfant …" Und auch dieser Aufkleber, den sie für ihr Buch gemalt hat, bekommt durch die Verlustgeschichte eine zusätzliche Würde. Das Einwickelpapier von Toyland, das sie malt, ist ihr jetzt wertvoller als alles Spielzeug, das darin eingewickelt sein kann. Weg ist die Buchhandlung, in der es das Nounours-Journal gab, die BonJus-Tetrapaks, die schönen Schriftzüge der Hotels mit den klingenden Namen. Der Krieg wird immer brutaler, die Waffen größer, die Kämpfer sehen in den 80er Jahren nicht mehr wie anfangs noch "romantisch" aus. Oft werden Gefangene hinter Autos her durch die Stadt geschleift, wie es Achilles mit Hektor gemacht hat, allerdings war Hektor da schon tot. Gegnern, die man am Leben läßt, schneidet man den Zeigefinger ab, damit sie nicht mehr abdrücken können. Ziadé zeichnet einige Seiten ihrer ersten Arabisch-Fibel, mit der sie lesen gelernt hat.

Der Alltag, den es auch im Bürgerkrieg gab, erzählt sich an Details. Selbst, wenn es Strom gab, nahm man lieber nicht mehr den Fahrstuhl, um nicht steckenzubleiben, falls der Strom wieder ausfallen sollte. Batterie-Kofferradios verbreiteten sich, mit ihnen konnte man auch bei Bombenangriffen Nachrichten hören, wegen der Detonationen hielt man sich das Radio ans Ohr, was manche noch Jahre später tun, weil sie es gewohnt sind. Die Wege durch die Stadt werden kompliziert, weil man Scharfschützen ausweichen muß. Die Wohnung der Familie wird mehrfach durch Bomben völlig zerstört, aber die Eltern bleiben mit ihren Kindern in Beirut.

Interessant ist es, die künstlerische Bearbeitung des Themas mit der einer anderen aus Beirut stammenden Comicautorin zu vergleichen, der 1981 geborenen Zeina Abirached. (Von ihr habe ich hier bereits "Piano Orientalvorgestellt.)

In "Je me souviens" (2008), das nicht ihr erstes Buch zum Thema war, knüpft sie an ein Spiel von Georges Perec an, der Erinnerungspartikel gesammelt hat, die mit "Je me souviens" begannen. Abirached geht von solchen wie unwillkürliche Erinnerungen wirkenden Momenten aus, die uns manchmal ganz vertraut sind ("Je me souviens des K7 et du bruit qu'elles font quand on les secoue"), aber durch den Hintergrund des Bürgerkriegs und der Verlustgeschichte eine ganz andere Bedeutung bekommen. Manche Dinge kennt man schon aus Ziadés Buch, z. B. daß die Kinder Granatsplitter sammeln. Ihr Stil ist aber völlig anders, sie arbeitet immer in schwarz-weiß und zeichnet extrem stilisiert, manchmal geht die Abstraktion in Richtung Infografik. Sie nutzt auch graphische Einfälle, wie wenn sie die Orte, an denen die Familie in den Jahren Unterschlupf gefunden hat, als Felder eines Würfelspiels darstellt. Dadurch bleibt man in größerer Distanz zum Geschehen und erträgt es als Leser vielleicht auch besser. Zudem stellt sie gerne lächelnde Menschen dar, als sei es ihr wichtig, der Menschlichkeit ein Denkmal zu setzen. Dennoch lauert der Schrecken auch bei ihr in scheinbar harmlosen Momenten. Auf einer Seite zählt sie z.B. die Dinge auf, die sie als Kind in einem Notrucksack gepackt hatte, falls die Familie fliehen müßte:

"Un Carnet. Une petite lampe de poche 'Ray-O-Vac'. Un crayon. Des piles. Mon 'Titin et le trésor de Rackham le Rouge'. Des Photos. Mon bill en peluche. Mon walkman. Ma cassette 'Rubber Soul' des Beatles. Des chewing-gums 'Chiclets' jaunes. Mon livre 'Jonathan Livingston le goéland".

Abichareds Stil kann man in einem von ihr produzierten Kurzfilm bewundern, in dem es um ihre lockigen Haare geht, die der Friseur bei ihr nicht bändigen konnte. In einem schönen Arte-Interview spricht sie über ihre Kindheit und ihre Arbeit.

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