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Wissenschaft und Forschung

Die Wichtigkeit deutscher Erinnerungskultur

Dennis Basaldella
Medien- und Filmwissenschaftler, Historiker
Zum piqer-Profil
Dennis BasaldellaMontag, 02.01.2023

Wer Ende letzten Jahres neben den Weihnachtseinkäufen und den anderen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest die Nachrichten verfolgt hat, dem ist sicherlich nicht die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen entgangen. Am 20. Dezember gaben Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth dem nigerianischen Staat 20 kostbare Bronzen zurück, die 1897 durch das British Empire geraubt wurden und seitdem nicht nur im British Museum in London ausgestellt waren, sondern durch zahlreiche Verkäufe auch in den USA und Europa landeten.

Die Rückgabe ist nicht nur, wie Roth selbst in dem oben verlinkten Tagesschau-Artikel betont, ein historischer Moment, sondern auch ein Wendepunkt in der deutschen Kulturpolitik. Sie ist aber auch ein wichtiger Meilenstein in der leider in der Öffentlichkeit nur marginal diskutierten und vor allem wenig bekannten postkolonialen Debatte über die Rolle Deutschlands während der Kolonialzeit. Denn das deutsche Kolonialreich war im Verhältnis zu den anderen europäischen Mächten zwar klein, aber die Herrschaft in den Kolonien nicht weniger brutal. Im Gegenteil. Es hat 113 Jahre gedauert, bis der Deutsche Bundestag das Massaker der deutschen Truppen an den Herero und Nama im heutigen Namibia überhaupt als Völkermord anerkannt hat – und die im Mai 2022 beschlossene finanzielle Entschädigung für die Nachfahren der Opfer ist darüber hinaus noch in der Kritik. Ja, Deutschland tut sich schwer mit der Diskussion über die eigene koloniale Vergangenheit – und, dass das Thema an deutschen Schulen auch noch nur unzureichend diskutiert wird, zeigt unter anderem die Podcast-Folge "Kolonialgeschichte im Schulunterricht – Zu weiße Perspektive?" von SWR2 Wissen.

Im Zuge dieser andauernden Debatte und der bereits erwähnten Rückgabe der Benin-Bronzen meldet sich der umstrittene Historiker Egon Flaig mit zwei Artikeln vom 11.10. und vom 14.11. (beide FAZ) zu Wort. Dass die beiden provokativen Artikel Flaigs hinter einer Paywall sind, macht das Problem des Diskurses noch einmal deutlich.
Dass sich Aleida Assmann, die mit ihrem Mann Jan Assmann zu den wichtigsten und bedeutensten Kulturwissenschaftler:innen des Landes gehört, in ihrem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau deutlich gegen Flaig stellt, ist für die Kolonialismus-Debatte und den Umgang mit deutscher Erinnerungskultur von großer Bedeutung. Denn Flaig – der vor einigen Jahren von der AfD zu einer Debatte über Erinnerungskultur ins Paul-Löbel-Haus des Deutschen Bundestages eingeladen wurde – steht für eine Tendenz und Denkweise, die sich in Deutschland in den letzten Jahren verstärkt zeigt. Eine Denkweise, die dafür plädiert, Schuldfragen aus der Erinnerungskultur zu verbannen.
Eine höchst problematische Sichtweise, denn wie schon der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 1985 sagte: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Die Wichtigkeit deutscher Erinnerungskultur

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Kommentare 8
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 19 Tagen

    Was man alles über Afrika wissen sollte, für die Erinnerungskultur …..
    https://www.piqd.de/us...

  2. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor 28 Tagen · bearbeitet vor 28 Tagen

    Achim Engelberg bezieht sich in www.piqd.de/zeitgeschi... u. a. auf einen früheren Artikel Aleida Assmanns zum Holocaust-Gedenken.
    Anfang 2022 erschien ein weiterer Beitrag dieser Wissenschaftlerin: https://www.fr.de/kult...

    und anlässlich des Tags der Befreiung veröffentlichte sie https://www.fr.de/kult...

    Hieran ist zu sehen, wie eng diese Themen verwoben sind. Danke für die Bezugnahme auf Richard von Weizsäckers wichtige Rede.

  3. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 30 Tagen

    Flaig plädiert nicht dafür Schuldfragen aus der Erinnerungskultur zu verbannen. Sondern er sagt, das die Schuldfrage nicht in den Geschichtswissenschaften zu klären ist. Und Flaig zu verdächtigen, er würde die Augen vor der Vergangenheit verschließen oder vor der Unmenschlichkeit, das ist einfach falsch. Man sollte in einem Diskurs beide Seiten zur Kenntnis nehmen und fair betrachten.

    1. Dennis Basaldella
      Dennis Basaldella · vor 29 Tagen · bearbeitet vor 29 Tagen

      Um beide Seiten zumindest zugänglich zu machen, habe ich auch versucht die Artikel von Flaig zu verlinken, doch leider sind sie hinter der Paywall - was wie gesagt dem Diskurs nicht wirklich dienlich ist.

      Man kann durchaus diskutieren, ob das Wort "verbannen" hier das richtige Wort ist, ja. Dennoch ist die Sichtweise Flaigs höchst problematisch - die zahlreichen hier in den Kommentaren verlinkten Artikel belegen das auch.
      Überhaupt ist problematisch, dass sich Flaig von der AfD hat einspannen lassen. Einer Partei, die auch dafür plädiert "die Vergangenheit ruhen zu lassen". Höcke nennt z.B. in seiner "Dresdner Rede" das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin „Denkmal der Schande“. Dass niemand aus der AfD Höcke widerspricht, zeigt eigentlich die stille Zustimmung der AfD zu dieser Hocke-Aussage.
      Abgesehen davon, wenn man sich nicht mit der Sichtweise der AfD repräsentiert fühlt, dann sagt man auch nicht zu, wenn diese Partei einen zum einen Historiker:innen-Streit einlädt. Flaig hätte auch Nein sagen können. Wie Lutz Müller hier unten schon schreibt, eine Skandalisierung scheint ihm zugute zu kommen.

      Zurück zu Flaig selbst. Die Vergleiche die er anbringt sind problematisch. Zum einen sagt er, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Das ist falsch, denn wir müssen aus der Vergangenheit lernen, damit u.a. die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden - auch in diesem Sinne ist das Zitat der von Weizsäcker Rede zu verstehen. Die Geschichtswissenschaft muss dabei helfen bzw. ist es Teil ihrer Aufgaben. Ein gutes Argument dafür ist z.B. Spanien. Nach Francos Tod wurde hier ein Amnestiegesetz erlassen, bei dem beide Seiten (Rechte und Linke) freigesprochen wurden. Man wollte damit einen Neuanfang wagen, doch durch das Todschweigen der Vergangenheit, wurde das Problem der Verbrechen des Franco-Regimes nur in die Vergessenheit verbannt und rein gar nicht gelöst - im Gegenteil, es kommt wieder hoch. Das Amnestiegesetz ähnelt sehr dem Argument von Flaig, doch nur "positive Aspekte" in die nationale Gedenkkultur zu übernehmen (siehe Assmann-Text). Geschichte und Aufarbeitung funktionieren aber nicht nach dem Rosinenpickerei-Prinzip.

      Zum anderen "ersetzt [Flaig] umgehend das Wort ‚Verantwortung‘ durch das Wort ‚Schuld‘ ..." (aus dem Assmann-Text). "Verantwortung" bedeutet zwar auch "Schuld" im historischen Sinne (also X war verantworlich für Y und deswegen ist X für die Tat verantwortlich). Dennoch heißt "Verantwortung" zugleich "Mahnung" und "Gedenken". Gedenken der Opfer und Mahnung (wie oben geschrieben), dass so etwas nicht mehr passieren darf
      Die Klärung der Schuldfrage ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht notwendig und legitim und die Aufarbeitung der Schuldfrage und die damit verbundene Mahnung ist somit Aufgabe der Historiker:innen. Ob das juristische Konsequenzen hat (wie z.B. Ansprüche in Sachen Kolonialismus-Debatte, wie im Text von Assmann auch angedeutet), ist Aufgabe der Justiz und nicht der Geschichtswissenschaften - und das sagt auch niemand. Flaig versucht aber diese beiden als gleich darzustellen und damit gegeneinander auszuspielen, obwohl es zwei verschiedene Dinge sind.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 29 Tagen · bearbeitet vor 29 Tagen

      @Dennis Basaldella Flaig sagt nicht, dass man die Vergangenheit ruhen lassen soll. Er ist Historiker. Ein Paywall ist auch keine Entschuldigung dafür, Flaig nicht ordentlich zu zitieren. Dito der Vorwurf, er habe sich von der AfD einladen lassen. Man kann bei Blendle die Artikel erwerben und zitieren. Seine Bücher sind verfügbar. So ist es ein Diskurs des Ressantiments und Vorurteils, ohne Neugier und Skepsis, was leider in D verbreitet ist.

      Eine seiner Kernaussagen ist: "Die Forderung nach historischer Gerechtigkeit muss sich an alle Seiten wenden." Also auch an die afrikanischen Oba-Könige, die ihre Nachbarn versklavten und an die Europäer verkauften. Um von den Erlösen die Metalle für ihre Bronzen zu kaufen und Waffen für die Sklavenjagd. "Damit wird Wiedergutmachung zum illusorischen Projekt,"meint Flaig. Man kann Gerechtigkeit gegenüber dem Geschichtsprozess nicht im Nachhinein herstellen. Wissen, Lernen und Verantwortung dafür, das sich das Furchtbare nicht wiederholt ist davon unbenommen. Geht aber nicht ohne Kenntnisse der realen Geschichte.

      "Die entscheidende Prämisse für das Konzept der „Historischen Gerechtigkeit“ besteht aus drei Dogmen, formuliert von Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“ (1961): Die Europäer hätten den Kolonialismus errichtet, sie hätten den Rassismus erfunden, und sie hätten die Sklaverei gebracht. Seither leugnet der antikoloniale Diskurs vier historische Tatsachen: nämlich dass sämtliche Hochkulturen und, wie Orlando Patterson 1982 nachwies, auch eine Menge vorstaatlicher Ge­sellschaften sklavistische Systeme waren; dass nur in der westlichen Kultur ein Abolitionismus entstand und die weltweite Abschaffung der Sklaverei eine westliche Errungenschaft ist; dass sämtliche Eroberer diverse Formen von Kolonialismus praktizierten, wobei der arabische sicherlich der erfolgreichste war; dass Rassismus ein ubiquitäres Phänomen und in sklavistischen Gesellschaften geradezu un­ver­meidbar ist, und dass der hautfarbige Rassismus eine arabische Kreation ist. Historische Gerechtigkeit ist nicht zu haben ohne historische Wahrheit. Hier jedoch stehen wir vor vier Unwahrheiten. Mit diesen vier Leugnungen lässt sich ausgerechnet jene Kultur zur Quelle allen Übels dämonisieren, welche die Menschenrechte formulierte. Alle Einsichtsvollen und alle Guten sind verpflichtet, diese dämonische Kultur schlechthin abzuräumen.

      Paradoxerweise wäre dieser Diskurs gar nicht möglich gewesen ohne die menschenrechtliche Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch deren Errungenschaften werden nun anti-universalistisch gebraucht. So bemühte sich auf dem OAU-Gipfel von 1993 der tunesische Delegierte, die anderen Afrikaner davon abzubringen, Reparationen für die Sklaverei zu fordern. Stattdessen sollte man für den Kolonialismus Entschädigung verlangen. Das Motiv war offenkundig: Kommt es zu Reparationen für die Sklaverei, werden die arabischen Länder in enormem Ausmaß zahlungspflichtig. Dieselbe Unredlichkeit zeigt die französische „Loi Taubira“ von 2001, welche die europäische Sklaverei seit dem fünfzehnten Jahrhundert zu einem „crime contre l’huma­nité“ erklärt. Indes, warum ist die afrikanische oder die islamische Sklaverei nicht ebenfalls ein „crime contre l’humanité“?"

      Das alles spricht nicht gegen Verantwortung und Schuld. Aber eben unter Kenntnis und Würdigung der ganzen Geschichte. Sonst wiederholt sie sich ……

      https://www.faz.net/ak...

  4. Lutz Müller
    Lutz Müller · vor 30 Tagen

    Und außer den drei unten genannten piqs erscheint Egon Flaig noch hier:
    https://www.piqd.de/wi...

    https://www.piqd.de/ze...

    sowie in der Diskussion hierzu: https://www.piqd.de/se...

    Indem Flaig sich bzw. seine Ansichten als Opfer der Cancel Culture stigmatisiert, scheint er die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ...

  5. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

    Ergänzend seien die ungewöhnlich langen Diskussionen zu Egon Flaig hier auf Piqd verlinkt:

    https://www.piqd.de/ze...

    https://www.piqd.de/ze...

    https://www.piqd.de/ze...

    1. Dennis Basaldella
      Dennis Basaldella · vor einem Monat

      Danke für die Links. Wie ich sehe, ist Herr Flaig schon mehreren "über den Weg gelaufen".

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