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Zeit und Geschichte

Neues zu multiperspektivischen Sichten auf Kolonialismus und Shoah

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergMontag, 10.05.2021
Im letzten Jahr gab es erschreckende, bundesweit wahrgenommene Anschläge (Stichwort: Halle, Hanau) und etliche Streits und Aufregungen zu den Themen Holocaust, Kolonialismus und die Folgen (Stichwort: Mbembe). Auf piqd wie anderswo erschienen zahlreiche Beiträge mit vielen Kommentaren. (Etliche finden sich im Artikel der Republik als weiterführende Links.) Mancher Streit lief heiß, überhitze so stark, dass man die Interessengegensätze vor lauter Rauch kaum mehr sah.

Diese Auseinandersetzungen sind Teil einer transnational geführten Debatte über das Selbstverständnis des "Westens" im erweiterten Sinn.

Jörg Heiser, Direktor des Instituts für Kunst im Kontext der Universität der Künste in Berlin, fasst in diesem Artikel gut zusammen, was Strohfeuer war und aus welcher Asche noch ein Phönix auffliegen kann, eine Zukunftsgestalt also.

Dabei sieht er Gefahren beim Vergleich von Kolonialverbrechen und Shoah, aber er sieht auch Chancen:

Um es vorwegzunehmen: Ich glaube, dass eine Vertiefung dieser Frage letztlich der Schlüssel ist, wenn nicht zur völligen Auflösung, so doch zur Entwirrung des – vermeintlichen – Widerspruchs zwischen der Bekämpfung des Antisemitismus in Nachfolge des National­sozialismus und des Rassismus in Nachfolge des Kolonialismus.

Gut, die Richtung ist damit vorgegeben, aber wie ist der Weg dahin?

Die koloniale Dimension der Nazi­verbrechen besteht ihnen (gemeint sind der Gedächtniswissenschaftler Michael Rothberg und der Historiker Jürgen Zimmerer, A. E.) zufolge in bestimmten «diskursiven Kontinuitäten», etwa wieder auftauchenden ideologischen Versatz­stücken; und Funktions­äquivalenzen, beispiels­weise der Stigmatisierung vermeintlicher Volksfeinde, Herrenrasse­fantasien, unmittelbare Bereicherung usw. All dies zu benennen, bedeutet nicht, eine direkte Kausalität (im Sinne von: Windhuk bewirkt Auschwitz) zu behaupten.

Dabei blendet Jörg Heizer weit zurück bis ins 17. Jahrhundert und zeigt die Dialektik der Aufklärung am Beispiel solcher Ausnahmedenker wie John Locke oder Thomas Hobbes, die an der europäischen Eroberung verdienten und diese teilweise begründeten:

Die Kolonisatoren verstanden sich als Repräsentanten der Zivilisation, die den «Wilden» und fremden Welten gegenübertritt, die es zu missionieren und zu erschliessen, auszubeuten und zu versklaven, im Extremfall aber auch einfach auszulöschen gelte – im Dienste der Urbarmachung und «Zivilisierung» der Welt. Und des Profits.

Obwohl dadurch auch Denkmöglichkeiten für Unterdrückte entstanden, blieben Haltungen, die bis heute Freiheiten begrenzen:

Das kolonialistische Denken operiert – im Grunde bis heute – mit der Ideologie einer Entgegen­setzung von «moderner» Zivilisation und dem Anderen, dem Tierisch-Barbarischen. Der National­sozialismus invertiert diese Ideologie: Es ist nun das Tierisch-Barbarische, das als Wahrheit des (homogen und rassisch definierten) Volkes freizulegen sei – freigelegt gegenüber dem Feind, der jüdisch-kosmopolitischen «Zivilisation». In diesem Sinne bleiben Kolonialismus und National­sozialismus im Zerrspiegel dieser ideologischen Inversion verbunden.

Einen eindeutigen Schluss findet Jörg Heiser bei der auch auf piqd zu findenden Auseinandersetzung zwischen Kolonialverbrechen und Shoah:

Wenn man der These einer national­sozialistischen Inversion der Kolonial­ideologie vor diesem Hintergrund mal einen Moment folgt, führt sie geradewegs aus der Sackgasse einer falschen Wahl zwischen «Kausalität, ergo Relativierung» und «Singularität». Denn sie zeigt auf, wie Kolonialismus und National­sozialismus untergründig verbunden sind – und der Holocaust dennoch ein singuläres Menschheits­verbrechen bleibt.

Bei vielem stehen wir noch am Anfang. Der mythische Phönix hat noch keine Gestalt angenommen.

Soweit meine Zusammenfassung. Der hier empfohlene kompakte Überblick über eine wohl richtungsweisende Debatte empfehle ich dringend, denn kürzer fand ich bislang keine Zusammenfassung von hoher Qualität, die die Haltung wichtiger Protagonisten skizziert.

Und eine nicht verratene Pointe gibt es ebenso.

Neues zu multiperspektivischen Sichten auf Kolonialismus und Shoah

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Kommentare 9
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 5 Monaten

    "Relativierung war auch der Schlüssel­begriff des deutschen Historiker­streits der 1980er-Jahre, als Ernst Nolte Auschwitz als Reaktion auf die stalinistischen Gulags einzuordnen, also tatsächlich zu relativieren versuchte und Jürgen Habermas vehement widersprach. Habermas bezichtigte Nolte beziehungs­weise seine Position des «Revisionismus» – was bis heute mehr als berechtigt erscheint.

    In der Tat war damals das Haupt­interesse des vergleichenden Ansatzes, deutsche Verantwortung zu relativieren, kleiner zu machen, in den Schatten des Stalinismus zu rücken. Es war die damalige Diskussion, die endgültig den Bannstrahl auf beinahe jedweden Versuch des Vergleichens richtete, der über das blosse Heraus­streichen von Unterschieden hinausgeht. Der Vergleich führe, da er auf Gleichsetzung hinauslaufe, quasi automatisch zur Relativierung der Spezifik und Einzigartigkeit der sich im Holocaust manifestierenden Verbrechen, sei also strukturell antisemitisch ....." - so Jörg Heissr im Artikel.

    Also wer heute noch meint, eine Einordnung bzw. ein Vergleich von Auschwitz und Gulag sei eine Relativierung und daher falsch, der hat nichts dazu gelernt. Ein Ansatz hat kein Hauptinteresse. Es sind immer die Protagonisten, die Interessen haben. Im Falle von Wissenschaftlern sollten es Erkenntnisinteressen sein. Und daher sollten inhaltliche Argumente dominieren. Diese Ebene hat Habermas verlassen mit dem Revisionismusvorwurf, nicht Nolte. Letztendlich ging es Habermas um Deutungshoheit und Definitionsmacht. Nicht um Erkenntnis und nicht um herrschaftsfreien Diskurs. Diese seine These hat Habermas da nebenbei mit erledigt.

    Und so ist das auch heute noch mit all diesen Vorwürfen falscher Gesinnung. Wissenschaft scheint mir das nicht zu sein.

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 5 Monaten

      Nicht der frühe Nolte, der teilweise immer noch lesenswerte Bücher schrieb, ist gemeint, sondern der ab Mitte der 1980er Jahre. Die weitere Entwicklung zeigt klar, dass Habermas richtig lag.

      Die Vergleiche zwischen den Morden der Nazis, Gulag/Großer Terror und Kolonialverbrechen waren und sind gang und gäbe. Spätestens seit Koestler bei den Schriftstellern, seit Arendt in der Wissenschaft.

      Falsch wird es stets, wenn Kausalitäten erfunden werden. Der Schlüsselsatz bei Jörg Heiser lautet:

      "Sie (Rothberg/Zimmerer, A. E.) versuchen gerade nicht, auf Teufel komm raus einen direkten Ursache-Wirkung-Konnex zwischen kolonialem Völkermord und Holocaust zu konstruieren, so wie einst Nolte zwischen Gulag und Auschwitz."

      Damals verließ Nolte nicht nur die Wissenschaft, sondern auch ernstzunehmende Publizistik wie etwa die von Haffner.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 5 Monaten

      @Achim Engelberg Also Nolte hat doch nie einen alleinigen Ursachen-Wirkungs-Konnex behauptet. Das der Bolschewismus eine starke Wirkung auf das Denken und Handeln vieler Menschen (und auch der Nationalsozialisten/Hitler hatte, das wird man wohl nicht bezweifeln können. Da hat Nolte einen „kausalen Nexus“ für wahrscheinlich gehalten. Was soll da erfunden sein oder gar konstruierter sein als bei Geschichtsnarrativen üblich? Jede Geschichtsschreibung ist konstruiert. Wir können nicht sagen, ob es Hitler, die Nazis und ihre Verbrechen ohne die Oktoberrevolution und ihre Folgen so gegeben hätte oder nicht. Aber die Welt wäre 1933 wahrscheinlich dramatisch anders gewesen.

      Und natürlich war Nolte nicht allein mit seinem Vergleich.

      Wenn man den Historikerstreit liest, dann auch mit der m.E. vernichtenden Kritik am damaligen Vorgehen von Habermas - unserem soziologischen Säulenheiligen.

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 5 Monaten

      @Thomas Wahl Ich bin kein großer Fan von Habermas, vor allem nicht seiner teilweise schlecht geschriebenen Büchern, aber hier lag er richtig.

      Rückblende: Der im April 1985 uraufgeführte französische Film SHOAH führt zu einem Streit in den ARD-Anstalten, ob er gezeigt werden soll.

      Am 8. Mai 1985 hält Bundespräsident Weizsäcker seine berühmte Befreiungs-Rede.

      Die Hinwendung zur deutschen Schuld ist offensichtlich und setzt sich durch.

      Der Gegenschlag kommt am härtesten von Ernst Nolte, er versteigt sich zur Behauptung, die Shoah wäre Hitlers „asiatische“ Tat.

      Darauf legt Habermas Widerspruch ein.

      Später spricht Nolte sogar vom Nationalsozialismus als „eine Kopie des bolschewistischen Originals".

      Der kürzlich verstorbene Wippermann kommt deshalb 2006 zu diesem Fazit:

      „Der ‚kausale Nexus‘ wurde von den weitaus meisten Diskutanten zurückgewiesen, und zwar häufig mit der Begründung, dass die deutsche Schuld und Verantwortung relativiert werden würde, wenn die deutschen Verbrechen nur eine Art Notwehrreaktion gewesen sein sollten.“

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 5 Monaten · bearbeitet vor 5 Monaten

      @Achim Engelberg Also ich habe Nolte anders gelesen und auch der ganze Historikerstreit läßt sich nicht auf so klare Aussagen - oft aus dem Kontext gerissen - reduzieren. Nolte hat doch nicht behauptet, Hitler war eine Notwehrreaktion. Das ist die übliche miese Methode dem politischen Gegner was unterzujubeln. Sehen wir heute verschärft in der Cancel Culture. Habermas war da ziemlich geschickt.

      Ich kann Dir nur empfehlen Nolte mal selbst zu lesen und dazu "Historikerstreit: Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung".

    5. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 5 Monaten

      @Thomas Wahl Ich schrieb ja, der frühe Nolte ist interessant. Den mittleren kenne ich nicht. In den 1990er Jahren erlebte ich den Emeritus bei einem Vortrag: Er war zu einer skurrilen Figur mutiert.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 5 Monaten

      @Achim Engelberg Mit lesen meine ich "Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus." Ich kann mir schon vorstellen, das die Angriffe und Auseinandersetzungen etwas mit dem Menschen machen. Wir haben ja sowas auch bei Sarrazin gesehen. Man wird in eine Ecke gestellt, wehrt sich, fühlt sich unverstanden, ist es wohl auch, ist allein gelassen und wird dabei immer skurriler.

  2. Ruprecht Polenz
    Ruprecht Polenz · vor 5 Monaten

    Dann will ich die Pointe mal verraten: „ Die Kolonisierung zur Ausbeutung anderer Erdteile und anderer Völker bleibt dabei jedoch etwas fundamental anderes als dann im Dritten Reich die Absonderung eines riesigen Bevölkerungs­teils aus dem «eigenen» Territorium mit dem Ziel, ihn völlig zu vernichten.“

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 5 Monaten

      Nein, das ist nicht der Schluss des Beitrages und damit auch nicht die Pointe.

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