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Die Show des ehemaligen Johnson-Beraters Dominic Cummings

Silke Jäger
Freie Journalistin und Texterin für Gesundheitsinfos

Ich lebe in Marburg und schreibe über Gesundheit, eHealth, Gesundheitspolitik und den Brexit. Für: Krautreporter, Gute Pillen – Schlechte Pillen und RiffReporter. Non-Profit-Projekt: Podcast http://evidenzgeschichten.podigee.io/

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Silke JägerDonnerstag, 27.05.2021

Großbritannien erlebt gerade so etwas wie eine Operation am offenen Herzen ohne Narkose. Der ehemalige Chefberater in Downing Street No. 10, Dominic Cummings, hat sieben Stunden lang vor zwei parlamentarischen Ausschüssen ausgepackt (eine ordentliche – wenn auch an manchen Stellen zu unkritische – Zusammenfassung gibt's bei der Zeit). Ausgepackt müsste man eigentlich in Anführungszeichen setzen, denn das allermeiste, was er sagt, ist schon lange bekannt. Das Explosive an seinem Auftritt sind andere Dinge:

  • Erstens bestätigt er lediglich viele schon lange existierende Vermutungen und gibt Einzelbeobachtungen einen roten Faden. Zum Beispiel zu der Frage, welche Strategie die britische Regierung am Anfang der Pandemie verfolgte. Allen, die genauer hingesehen haben, war klar, dass Boris Johnson auf Herdenimmunität setzte, statt auf Eindämmung. Cummings bestätigt das nur, setzt aber noch einen oben drauf: "Johnson wollte sich vor laufender Kamera mit dem Virus infizieren lassen, um zu zeigen, wie harmlos es ist." (Genau genommen hat Johnson genau das getan, als er von Medien begleitet händeschüttelnd durch Krankenhäuser zog.) Solche "Handgranaten" wirken durchaus vor allem wie eine persönliche Abrechnung, weil sie Johnsons chaotischen Führungsstil illustrieren und ihn der heimischen Skandalpresse zum Fraß vorwerfen.

  • Zweitens lenkt Cummings geschickt von seiner eigenen Rolle ab. Er selbst war Teil des britischen Pandemierats SAGE, von dem lange weder das Team noch die Beschlüsse der Öffentlichkeit bekannt wurden. Bei der Anhörung entschuldigt er sich zwar für Fehler, die er selbst gemacht habe, aber er spielt deren Bedeutung runter. Stattdessen beschuldigt er sehr offensiv den Gesundheitsminister, über das Versagen beim Schutz von Altenheimbewohner:innen gelogen zu haben. Vor allem im Frühjahr 2020 wurden viele Menschen aus Krankenhäusern ohne Corona-Tests in Altenheime "entlassen". Offenbar war dies nicht nur auf Unfähigkeit zurückzuführen, sondern Teil des Plans, den Nationalen Gesundheitsservice NHS vor dem Kollaps zu bewahren. Dafür mussten viele Menschen ihr Leben lassen. Das dürfte den Gesundheitsminister nun in große Schwierigkeiten bringen.

  • Drittens kommt Cummings Rolle bei undurchsichtigen Deals mit Gesundheitsdaten aus der Pandemie kaum in den Berichten über seine Enthüllungen vor. Vielleicht, weil es darin noch sehr viele offene Fragen gibt. Fest steht aber, dass es mit den großen Tech-Firmen Gespräche und zum Teil auch Verträge gibt, nach denen sie Daten aus dem NHS verarbeiten dürfen – zu welchem Zweck und für wessen Nutzen ist nicht ganz ersichtlich. Dazu hat die Labour-Abgeordnete Dawn Butler im Ausschuss recht vage Antworten von Cummings bekommen. Sie hat den entscheidenden Moment in einem Video-Snippet bei Twitter geteilt. Wer sich für die NHS-Daten-Deals interessiert, dem lege ich diesen ausführlichen Bericht des Investigativ-Journalisten-Kollektivs The Bureau aus dem Februar ans Herz. Sie haben zusammen mit den Journalist:innen von opendemocracy.net das Gesundheitsministerium auf Veröffentlichung der Verträge verklagt und gewonnen. Es ist schon einigermaßen erstaunlich, wie klein die öffentliche Debatte darüber ist.

  • Viertens ist allein die Tatsache, dass Cummings vor diesen Ausschüssen erscheint, während er bis heute unbehelligt eine andere Befragung "schwänzt", ein ziemlicher Hammer. Im Zusammenhang mit dem Cambridge-Analytica-Skandal war er vor den Ausschuss geladen, der die Rolle von Vote Leave untersucht. Er sollte als Zeuge aussagen, weil er beim Brexit-Votum die Vote-Leave-Kampagne verantwortet hatte und von den Gesetzesbrüchen und dem Datenmissbrauch mehr weiß, als er sagen will. Die britische Regierung hat nicht nur seine Hand schützend über ihn gehalten und ihn vor den Konsequenzen dieser Verweigerung bewahrt. Sie hat ihn sogar als Chef-Berater eingestellt. Wie gesagt, allein das sollte alle, die über ihn und seine Aussagen jetzt berichten, höchst vorsichtig sein lassen bei der Einordnung. Bis heute sind Cummings' Motive für seine politischen Aktivitäten mehr als undurchsichtig (einige werfen ihm auch Verbindungen zum russischen Geheimdienst vor).

Gepiqd habe ich ein Video der Aktivisten-Gruppe "The Citizens". Diese Gruppe will der UK-Regierung ihre Intransparenzen nicht durchgehen lassen. Hier erzählt sie die Geschichte des unabhängigen Pandemierats "Independent SAGE". Und das verdient meiner Ansicht nach mehr Aufmerksamkeit als die Cummings-Show.

Die Show des ehemaligen Johnson-Beraters Dominic Cummings

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