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Project Avenue: Ukrainische Geheimdienste in Aktion

Lars Hauch
Researcher. Schwerpunkte: Mittlerer Osten, insbesondere Syrien.
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Lars HauchSonntag, 17.04.2022

Am 28. Juli 2020 stürmten belarussische Spezialeinheiten ein Hotel nahe Minsk und verhafteten 33 russische Staatsbürger, allesamt angeblich Mitglieder einer russischen Söldnertruppe. Laut Staatsmedien hatten sie den Auftrag, das Land während der Präsidentschaftswahlen zu destabilisieren. Viele Medien, so auch die Deutsche Welle, schlussfolgerten damals, die Beziehungen zwischen Russland und Belarus seien anscheinend alles andere als freundschaftlich.

Tatsächlich handelte es sich wohl um eine gescheiterte Operation ukrainischer Geheimdienste. Das Ziel: Russische Söldner, die in der Ost-Ukraine gekämpft hatten, auf ukrainisches Territorium locken und dort verhaften.

Bellingcat und The Insider haben mit Angehörigen ukrainischer Geheimdienste und einigen der angeworbenen Söldner gesprochen, um Project Avenue zu rekonstruieren. Im Sommer 2019 hatten die Geheimdienste bereits einen ukrainischen Staatsbürger aus den von Russland kontrollierten Gebieten entführt, der mit dem Abschuss der MH17 in Verbindung gebracht wurde. Agenten hatten ihn sediert, in einen Rollstuhl gesetzt und behauptet, er brauche dringend medizinische Hilfe, und so die Checkpoints der Separatisten passiert. Mit Project Avenue verfolgten die Ukrainer ambitioniertere Ziele. Dutzenden russischen Staatsbürgern, die für Wagner & Co. gekämpft hatten, sollte der Prozess gemacht werden.

Die Agenten kreierten eine gefälschte Internetpräsenz einer vermeintlich russischen Söldnerfirma namens MAR, die es tatsächlich einmal gegeben hatte, die jedoch nicht mehr existierte. Sie starteten eine Rekrutierungskampagne für mehrmonatige Missionen, angeblich zur Objektsicherung von Rosneft-Infrastruktur im Mittleren Osten. Ein manipuliertes Handy lies potenzielle Kandidaten am anderen Ende der Leitung glauben, der MAR-Kontaktmann namens „Sergey Petrovich“ — in Wahrheit ein ukrainischer Agent — befände sich gerade in Syrien.

Angeblich trudelten massig Bewerbungen ein, allerdings kaum von Veteranen des Krieges in der Ost-Ukraine. Also setzte man auf ein Schneeballsystem. Petrovich kontaktierte einen vielversprechenden Bewerber mit dem Codenamen „Shaman“, der angegeben hatte, in der Ostukraine über 100 Kämpfer unter seinem Befehl gehabt zu haben. Petrovich stellte Shaman eine Führungsrolle in Aussicht, wenn er kampferfahrene Kameraden rekrutieren könne. Das tat Shaman recht eifrig. Am Ende einigte man sich darauf, insgesamt 150 Männer in drei Platoons zu organisieren. Shaman sollte eines davon kommandieren.

Nun mussten die Geheimdienste die Daten der Kandidaten prüfen, um genau jene herauszufiltern, die man im Visier hatte. Petrovichs Leitung glühte derweil. Die Kandidaten wurden ungeduldig, manche misstrauisch. Immerhin hatten sie Petrovich noch nie getroffen. Um Zeit zu schinden, täuschten die Ukrainer im Sommer 2020 deshalb den Tod von Petrovich vor. Angeblich sei er in Syrien gefallen. Sein „Nachfolger“, ein weiterer ukrainischer Agent, bekam den Namen Artur Pavlovich. Angeblich in Venezuela stationiert, sollte die Söldnertruppe nun dort Sicherungsaufgaben übernehmen.

Der durch die Corona-Pandemie eingeschränkte Flugverkehr verkomplizierte die Dinge weiter. Letztlich entschied man sich, die Söldner über Belarus nach Istanbul fliegen zu lassen. 28 Minuten würde das Flugzeug sich dabei in ukrainischem Luftraum befinden. Genug, um eine Zwangslandung herbeizuführen. Geschehen sollte das durch eine fingierte Bombendrohung.

Project Avenue ging also in die heiße Phase. Wegen der politischen Tragweite wurde an diesem Punkt offiziell um grünes Licht der ukrainischen Regierung gebeten. Laut Aussagen einiger Interviewpartner stimmte Präsident Selenskyj dem Plan im Juni 2020 zu. Gemeinsam erstellten die verschiedenen Geheimdienste eine Liste von primären Zielpersonen. Einige weitere ohne Verbindung zum Ukrainekrieg wurden der Gruppe hinzugefügt, um kein Aufsehen zu erregen.

Shaman, der angehende Platoon-Kommandeur, sammelte am 24. Juli wie befohlen die Männer in Moskau. Gemeinsam stiegen sie in einen Bus nach Minsk. Einen Tag später sollte der Flug nach Istanbul gehen. Jedoch wurde die Operation verschoben, angeblich auf Drängen aus Selenskyjs Büro. Laut einem Mitarbeiter wollte man verhindern, einen potenziellen Waffenstillstand zu torpedieren, der zeitgleich zwischen Russland, den Separatisten und der ukrainischen Regierung verhandelt wurde.

Also wurde die Operation um einige Tage verschoben, die Flüge umgebucht und die Söldner in einem Hotel nahe Minsk untergebracht. Shaman hatte seine Männer anscheinend unter Kontrolle. Ein Hotelmitarbeiter gab später an, die Russen seien wegen ihrer Disziplin aufgefallen — und, weil sie keinen Alkohol tranken.

Die belarussischen Behörden fanden das offenbar auch auffällig. Am Morgen des 28. Juli flogen Blendgranaten durch ihre Zimmerfenster. Belarussische Spezialeinheiten nahmen die ganze Truppe in Gewahrsam. Präsident Lukaschenko, der in Zeiten des Wahlkampfes überall politische Verschwörungen vermutete, erklärte öffentlich, die Söldner seien geschickt worden, um das Land ins Chaos zu stürzen. Der Kreml stritt das ab und war, zumindest anscheinend, anfangs verwirrt. Es vergingen einige Tage, bis russische Geheimdienste die erfundene Söldnerfirma enttarnten.

Sowohl Russland als auch die Ukraine versuchten Lukaschenko daraufhin zu überzeugen, ihnen die Söldner auszuliefern. Was genau in dieser Zeit geschah, ist nicht dokumentiert. Letztlich landeten sie aber wieder in Russland.

Obwohl die Recherche ziemlich detailliert ist, bleiben Fragen offen. Einige davon werden hier bei der BPB aufgegriffen. Wieso drängte Selenskyjs Büro darauf, die Operation zu verschieben? Ging es wirklich darum, die laufenden Waffenstillstandsverhandlungen nicht zu gefährden, oder wollten Teile der Regierung die Operation grundsätzlich sabotieren?

Trotz einiger Fragezeichen lohnt es sich wegen zahlreicher Details und Anekdoten, die ganze Recherche zu lesen. 

Project Avenue: Ukrainische Geheimdienste in Aktion

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