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Reportagen und Interviews

Zwangsadoptionen – ein düsteres bundesdeutsches Kapitel

charly kowalczyk
journalist

Im badischen Singen am Hohentwiel geboren und in Potsdam lebend. Schreibe Radiofeature für den Deutschlandfunk bzw. für DLF Kultur und für die Sender der ARD. Mitgründer des Bremer Hörkinos. Seit 17 Jahren stellen wir in Bremen ein Radiofeature der Öffentlichkeit vor.
www.bremer-hoerkino.de

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charly kowalczykMittwoch, 20.10.2021

Zwangsadoptionen gibt es nach dem 2. Weltkrieg fast überall in Europa. Seit einigen Jahren holt uns diese Vergangenheit endlich ein. Bis in die 60er, 70er oder in der Schweiz sogar bis Anfang der 80er Jahre hat man vielen ledigen Müttern ihre Kinder einfach weggenommen. Zumeist aus moralischen Gründen. Zwangsadoptionen sind ein Verbrechen und sorgen für unermessliches, lebenslanges Leid bei Betroffenen. Die Journalistin Sabine Adler erzählt im Deutschlandfunk unprätentiös davon. Die Zwangsadoption geschah in Villingen im Schwarzwald.

Die 61-Jährige Martina Gutensohn erzählt Sabine Adler die Leidensgeschichte ihrer Mutter, die sie 1960 zur Welt bringt. Sie nennt ihre Tochter Andrea, die Adoptiveltern werden ihr wenige Wochen später einen anderen Namen geben. Das wird zur damaligen Zeit häufig so gehandhabt. Die Entbindung findet in einem Kreißsaal statt, der zu einem Waisenhaus gehört. Die Frauen, die hier ihre Kinder bekommen, müssen sie zu jener Zeit auch hier zurücklassen. Es wird dort umgehend dafür gesorgt, dass die Mutter keine Bindung zu ihrem Baby aufnimmt. Also sie darf Andrea nicht stillen und sie nur in den ersten 14 Tagen besuchen. Dass die Mutter von Martina Gutensohn ein Leben lang an ihre Tochter denken wird und vor allem jedes Jahr ihren Geburtstag psychisch kaum aushalten kann, wird damals nicht einmal zur Kenntnis genommen.

„Die hat ein einziges Bild von mir, wo sie mich auf dem Schoß hat. Ein einziges kleines Bildchen.“

Martina Gutensohn ist überzeugt davon, dass Frauen wie ihre Mutter, die man damals als „gefallene Mädchen“ bezeichnete, von sich aus nicht über ihr Schicksal reden werden. Dass sie es lieber bis zuletzt stumm ertragen. Doch so lange die damals ledigen Mütter aus Scham schweigen und die Behörden bis heute nur zögerlich Akten herausgeben, wird kaum Licht in dieses düstere Kapitel bundesdeutscher Geschichte gebracht werden können. Deswegen sucht Martina Gutensohn ganz bewusst die Öffentlichkeit, erzählt Sabine Adler.

Das Sorgerecht für die Tochter hatte das Jugendamt Villingen im Schwarzwald. Sie besaß auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht. So entschieden letztlich städtische Beamte, nicht die Mutter, wo das Kind lebt. Ursula Schneider, so heißt die leibliche Mutter von Martina Gutensohn, darf ihr Kind nicht mit nach Hause nehmen. Begründung des Jugendamtes Villingen: Die 22-jährige Mutter ist ledig. Unverheiratet sein genügt, der Mutter 1960 ihre Tochter wegzunehmen. 

Martina Gutensohn trifft nun Jahrzehnte später ihre leibliche Mutter. Sie erfährt von ihr, was damals geschehen ist. Wer ihr Vater ist. Auch wie es zur Schwangerschaft kam:

„„Sie ist an die Riviera gegangen. In ein Hotel, sie hat da gearbeitet. Hat da den Hotel-Juniorchef kennengelernt, war genau einmal mit dem zusammen im Bett, ist schwanger geworden. Die Schwangerschaft war schwierig und sie musste dann nach Deutschland ziemlich schnell zurück. Und er hat dann versprochen, ja klar, und ich schreibe dir und kümmere mich und blablabla. Und hat niemals wieder von sich hören lassen. Und dann ist meine Mutter eben auch sehr stolz, die dann sagt: Okay, dann ist das eben so. Dieser Mann hat meiner Mutter unsäglichen Schmerz zugefügt.“ 

Sabine Adler zieht den Bogen weit, endet nicht bei Martina Gutensohns Geschichte. Sie macht in diesem Bericht deutlich, wie wichtig es für fast jeden Menschen ist, zu wissen, wer ihre Eltern sind. Insofern ist es in diesem Zusammenhang auch interessant, dass auch Kinder von Samenspendern das Recht haben, zu wissen, wer ihr biologischer Vater ist.

Martina Gutensohn sieht es ein wenig anders. Für sie geht es zu weit, dass Kinder ihren Samen spendenden Erzeuger persönlich kennenlernen wollen und können. Vielleicht auch, weil ihr Vater nicht über die Erzeugerrolle hinauskam. Denn er wollte weder von der Mutter noch von seiner Tochter je wieder etwas wissen. Deshalb wollte Martina Gutensohn ihn auch nie kennenlernen. Aber eines wünscht sie sich von Adoptivkindern ihrer Generation sehr:

„Also wer kann, hat die Verantwortung, seine Mutter zu suchen. Und sei es nur, um zu sagen: Ich lebe, es geht mir gut. Du musst dir keine Gedanken machen. Du musst keine Schuldgefühle haben. Es ist alles gut geworden.“

Zwangsadoptionen – ein düsteres bundesdeutsches Kapitel

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