Kanäle
Jetzt personalisiertes
Audiomagazin abonnieren
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Reportagen und Interviews

charly kowalczyk
journalist
Zum piqer-Profil
piqer: charly kowalczyk
Freitag, 29.01.2021

„Ich musste immer mit dem Gesicht zur Wand schlafen"

Als kleiner Bub wurde ich Mitte der 60er Jahre in ein Erholungsheim in den Schwarzwald verschickt. Grund: ich war zu dünn und sollte zunehmen. Das Heim wurde von Nonnen geführt. Der Ton war rau, Schläge waren an der Tagesordnung, das Essen miserabel. Zum Glück bekam ich Windpocken. So kam ich vorzeitig und noch dünner aus dem Erholungungsheim nach Hause zurück. Ich war nur eines von 8-12 Millionen Kindern, die in den 1950er- bis in die 80er-Jahren wochenlang in "Kinderkur" verbrachten. Viele Kinder haben sich in diesen Wochen nicht wirklich erholt. Johannes Möllers zum Beispiel wurde als Achtjähriger 1972 neun Wochen in ein Kinderkurheim nach Bad Sassendorf bei Soest verschickt:

„Ich kann mich daran erinnern, dass ich eigentlich in den neun Wochen nur klebrigen, stacheligen trockenen Reis bekommen hab. Man konnte ihn eigentlich auch überhaupt nicht essen. Wenn man den halt ausgebrochen hatte, dann musste man ihn halt nochmal essen. (…) Das Weinen der Kinder habe ich also heute noch in den Ohren. (…) Ja und als Bettnässer war man natürlich auch das Allerletzte, sage ich mal so, wurde wohl irgendwie erniedrigt, immer wieder. Und ich weiß auch, dass ich immer auf der Seite schlafen musste, also mit dem Gesicht zur Wand. Wahrscheinlich um psychischen Druck aufzubauen. Man hat immer Angst gehabt. Tag und Nacht."

Eigentlich erhofften sich die Eltern damals so eine Art Kur für ihre Kinder. Sie sollten sich an der frischen Luft mit anderen Kindern zusammen entspannen. Dabei gut versorgt werden. Manche Eltern nutzten die Zeit auch für sich selbst zum Auftanken, auch um Kraft für den Alltag zu schöpfen. Doch viele Kinder kamen traumatisiert und nicht eben erholt zurück. Die Kleinen erlebten nicht selten „Gewalt, Sadismus, Zwangsernährung“. Vor drei Jahren erinnerte die Journalistin Lena Gilhaus zum ersten Mal an das Leiden der Erholungskinder im Deutschlandfunk.

Jetzt hakt die Autorin nach. Nun will Lena Gilhaus wissen, ob in der Zwischenzeit, also drei Jahre später, die damaligen und zum Teil auch noch heutigen Träger der Erholungsheime sich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben. Ob sie sich wirklich um Aufklärung bemühen. Sich ihrer Geschichte stellen.

Mitnichten. So könnte man im Augenblick ein Fazit ziehen. In dem etwa 12-minütigen Beitrag des Deutschlandfunks wird deutlich, dass sich die Träger der Erholungsheime und auch die zuständigen Ministerien mehr oder weniger weigern, sich mit einem Teil ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Es erinnert unwillkürlich an die Anfänge der Auseinandersetzungen um sexuellen Missbrauch oder Medikamentenversuchen in konfessionellen- und staatlichen Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Ist ja zum Teil bis heute noch so, wenn man bspw. an die Auseinandersetzungen im Erzbistum Köln um das bislang nicht veröffentlichte Missbrauchsgutachten denkt. Eigentlich immer das gleiche Ritual. Schweigen, Verschleppen, die Betroffenen auflaufen lassen. Leiden lassen. Am besten so lang, bis die Betroffenen nicht mehr am Leben sind. Bei niemanden mehr um Entschuldigung bitten zu müssen. Und sich die Entschädigung sparen. Johannes Möllers erlebt es grad, wie es ist auf Mauern zu stoßen. Er wollte wissen, wo und was damals genau geschah mit ihm. Niemand wollte sich mit seiner Vergangenheit im Kindererholungsheim auseinandersetzen:

„Man ruft überall an und jeder sagt. Aber nee, weiß ich nicht. Man wird dann weiter verwiesen. Irgendwo hat man immer den Eindruck, man will auch gar nicht darüber reden. Das ist irgendwie immer noch ein Tabuthema und ich vergleiche das eigentlich auch immer mit der Kirche, sage ich mal. Mit diesen sexuellen Misshandlungen, da will auch keiner drüber reden.“

Es ist unter anderem der Autorin Lena Gilhaus zu verdanken, dass sich konfessionelle- und stattliche Institutionen mit der Vergangenheit der "Kinderverschickung" auseinandersetzen müssen. Der brutalen Gewalt, die dort zum Teil geschehen ist. Endlich Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie können es letztlich verzögern, aber davon kommen sie nicht. Die „Erholungskinder“ haben ein Recht darauf zu erfahren, was mit ihnen geschehen ist.

„Ich musste immer mit dem Gesicht zur Wand schlafen"

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Kommentare 5
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 12 Tagen

    ich bin so froh dass ich - regelmäßig Teilnahme bei Ferienfreizeiten in Sylt und Kiel-Schilksee ab 1984 - das nicht erlebt habe. Andere zeit? Andere Heime und Betreuer? Glück?
    wenn ich mir vorstelle dass Eltern es gut meinten und ihre Kinder dann so schlimmes erlebten (!), furchtbar. und wir reden ja hier von Zeiten die schon pädagogisch eigentlich aufgeklärter waren sogar antiautoritär zT. Ich meine: die 70iger! Nicht "irgendwas" kurz nach dem Krieg oder so (nicht dass das viel besser gewesen wäre, ich hoffe man versteht mich hier richtig.)
    Hier hilft nur Aufarbeitung - durch die Institutionen. und Entschädigung derjenigen die gelitten haben. Manchmal mag da schon eine ehrliche Entschuldigung helfen.

  2. charly kowalczyk
    charly kowalczyk · vor einem Monat

    Ja, das ist irgendwie ein Dilemma. Es gibt da kein richtig oder falsch. Es stellt sich als Betroffener da immer die Frage: Wie viel Erinnerung tut gut? Wo schadet es mir mehr als es mir nützt?
    So ist es bei allen Themen, die mit Gewalt zu tun haben. Wichtig ist für mich hierbei, dass die Träger der Verschickungsheime Verantwortung übernehmen. Sich nicht wegducken. Sondern sich den Menschen stellen, die Fragen über den damaligen Aufenthalt als Kind in Erholungsheimen haben.

  3. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

    Als Betroffener verfolge ich diese Entwicklung gespannt und mit gemischten Gefühlen.
    Gespannt zu sehen, was alles an die Öffentlichkeit kommt, politisch und bei mir persönlich.

    Als stark asthmatisches und dazu noch mageres Kind, wurde ich seit frühester Kindheit, also seit Anfang der 60er Jahre, ständig in diverse Verschickungsheime in Süddeutschland und an der Nordsee gebracht.

    Bin mir nicht sicher, wie sehr ich mich jetzt auf das Thema einlassen will/kann. Die damit verbundene Auseinandersetzung setzt erst mal Depression frei, massiv erlebte ich das als ich vor einem Jahr begann, meinen Input bei der Initiave Verschickungskinder einzugeben. Verdrängte Traumate (Verdrängung als emotionale Üerlebensstrategie des kindes) machten sich bemerkbar. Trotz Therapie (vor 30 Jahren). Durch die Therapie kam ich an die verschütteten Schichten der Erinnerung. Schrecklich, endlich weinen (!) etc. Will ich das nochmal? Nein, deshalb wurde ich bei Verschickungskinder auch nicht aktiv.

    Verschüttete Kindheit. Verklemmte Pubertät. Jugend voll Wut und Hass. Zuerst auf die Eltern, die damals meine Ängste und Schrecken nicht ernst nahmen ("der Bub hat immer so Heimweh"). Dann Hippie, Anarcho, Punk (No future!) und Militanz. Friedlich geworden mit dem ersten Kind, aber die Dämonen waren noch da. Die Kinder erinnern sich an einen cholerischen Vater. Ruhig geworden durch Laufen, Laufen, Laufen.
    Mit 60 Jahren endlich glücklich bei mir angekommen. Die Liebe. Die Musik. Malen. Lesen. Immer noch jeden Tag laufen und wandern. Der Wald, der große verwilderte, sonnige Garten. Die Berge. Alleine. Im Glück.

    Will ich in das schwarze Loch schauen und womöglich fallen? Nein, lieber Abstand halten. Gleichzeitig dieser Sog, das Thema lässt mir keine Ruhe. Da ist halt immer das große schwarze Loch tief in mir.

  4. charly kowalczyk
    charly kowalczyk · vor einem Monat

    Dankeschön für den Tipp. Ich werde es mir gespannt anhören.

  5. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · vor einem Monat

    Bei 1Live gibt es eine längere Reportage mit der Reporterin zum gleichen Thema, die sich inhaltlich überschneidet, aber noch weiter in die Tiefe geht https://www1.wdr.de/ra...

Bleib immer informiert! Hier gibt's den Kanal Reportagen und Interviews als Newsletter.

Abonnieren

Deine Hörempfehlungen
direkt aufs Handy!

Einfach die Hörempfehlungen unserer KuratorInnen als Feed in deinem Podcatcher abonnieren. Fertig ist das Ohrenglück!

Öffne deinen Podcast Feed in AntennaPod:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Downcast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Instacast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Podgrasp:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Bitte kopiere die URL und füge sie in deine
Podcast- oder RSS-APP ein.

Wenn du fertig bist,
kannst du das Fenster schließen.

Link wurde in die Zwischenablage kopiert.

Öffne deinen Podcast Feed in gpodder.net:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Pocket Casts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.