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Ostmoderne

Quelle: "Ostmoderne - Architektur in Berlin 1945-1965" (Andreas Butter, Ulrich Hartung)

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 19.05.2016

Ostmoderne

"Ostmoderne – Architektur in Berlin 1945-1965" (Andreas Butter, Ulrich Hartung) erschien 2004 anläßlich einer Ausstellung des Deutschen Werkbunds. Inzwischen ist der Begriff "Ostmoderne" allgemein gebräuchlich, aber damals mußte er erst etabliert werden, und mit ihm ein Bewußtsein für die ostberliner Baudenkmale dieser Jahre. Es sind gerade Zweckbauten, Industrieanlagen, Forschungsinstitute, Wasserwerke, bei denen damals auf gute Gestaltung geachtet wurde, was man hier sehr überzeugend erläutert bekommt. Heute ist vieles davon verwahrlost oder abgerissen. Ein Blick aufs Detail lohnt sich, die Ostmoderne war mehr als Fernsehturm und Palast der Republik. Das Buch ist wunderbar bebildert, mit vielen historischen und aktuellen Aufnahmen, an denen man wie bei Suchbildern genau die Veränderungen studieren kann: Finde die 5 Unterschiede! Es bricht einem das Herz, wenn man z.B. die frisch errichtete Fassade vom Milchhof in Pankow sieht, die schön gestaltete Leuchtschrift, die stilisierte Uhr mit angekippter Milchflasche ("Milch rund um die Uhr"), und erfährt, daß das alles heute abgerissen ist. Diesen Anspruch auf Schönheit und Klarheit in der Gestaltung bei Industriebauten würde man sich heute wieder wünschen! Bei uns regiert ja ein antimodernes Vorurteil, die Qualitäten der Nachkriegsmoderne sind kaum noch bekannt. Unsere Städte werden von Renditearchitektur, Neohistorismus und postmoderner Langeweile dominiert, das Ideal der grünen, aufgelockerten Stadtlandschaft hat einem spätmittelalterlichen Leitbild von Stadt Platz gemacht, bei dem noch die letzte Lücke zugebaut werden muß. (Ich paraphrasiere aus dem Vorwort.) Lange Zeit galt, was aus dem Osten stammte, mußte weg oder unkenntlich gemacht werden. Dabei hält diese Generalkritik den Tatsachen nicht stand. Schon deshalb, weil die Ostmoderne ganz verschiedene Epochen hatte, mit ideologischen Umschwüngen, unter denen die Gestalter damals zu leiden hatten, die aber keinen einheitlichen Stil hervorgebracht haben. Aus der Aufbauzeit bis 1951 stammte das Stadion der Weltjugend. Selman Selmanagic, der in den 30ern in Palästina mit Erich Mendelsohns Architekturauffassung in Berührung gekommen ist, hatte nicht nur den eleganten Zeitnehmerturm gestaltet, sondern auch die Sitzbänke, das war sowieso ein Vorzug des damaligen Bauens, die Durchgestaltung durch den Architekten bis ins Detail. (1992 ist das Stadion für die verkorkste Olympiabewerbung Berlins abgerissen worden, heute sitzt dort der BND.) Der Einschnitt der "Nationalen Traditionen" bis 1956 "sozialistisch im Inhalt, national in der Form". Selbst diese Epoche hat heute ihren Reiz, die Frankfurter Allee mit unzähligen Fassadendetails, zu Unrecht mit "Zuckerbäckerstil" bezeichnet. Dann die Rückbesinnung auf Sachlichkeit bis 1965 mit Bauten, wie dem zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee mit dem Kino International, dem Parkcafé am Weinberg, dem Tränenpalast, dem Freibad Pankow (1958-1960) und dem Milchhof in Pankow (1961-65). Manchmal sind es winzige Details, wie bei einer Schule in Müggelheim, von 1950, die ursprünglich unsymmetrische Fensterkreuze hatte, 2004 hat man sie durch symmetrische ersetzt. Die Bilder von Vorher und Nachher machen den Verlust sofort deutlich. Der Architekturdiskurs ist ja, nicht zu unrecht, demokratisiert, jeder darf mitreden und hat seine Meinung. Der kleine Mann hat seine Ideologie und die Politik ebenso. Es tut gut, von Fachleuten zu lesen, die wirklich belegen können, wovon sie sprechen und differenzieren. Außerdem lernt man schönen Architekturhistorikerwortschatz, wie "bekriechbares Drempelgeschoß".

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Kommentare 3
  1. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · Erstellt vor mehr als 3 Jahren ·

    Wenn du nicht bald aufhörst, brauche ich ein bekriechbares Drempelgeschoß alleine für deine fantastischen Architektur-Empfehlungen. Stop! Nein! Doch! Oh!

    1. Jochen Schmidt
      Jochen Schmidt · Erstellt vor mehr als 3 Jahren ·

      Da kommen aber noch mehr, ich hatte da gerade so eine "Phase".

  2. Jan Brandt
    Jan Brandt · Erstellt vor mehr als 3 Jahren ·

    Wirklich ärgerlich, was da alles platt gemacht wurde, oft aus politischen Gründen, aber auch aus purer Profitorientierung. Die Großgaststätte Ahornblatt zum Beispiel. Und wie dicht alles mit extrem Hässlichem bebaut wird und was das dann auch noch für den Steuerzahler kostet, sieht man am Tränenpalast und dem Bau-Skandal am Spreedreieck. Es ist leider nicht zu sehen, dass es in Berlin eine architektonische Vision gibt, irgendeine Utopie, wie das Leben für die Menschen in der Stadt besser werden könnte. Aber Utopien scheinen ja generell ein Ding der Vergangenheit zu sein.

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