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Literatenfunk

Kinderbücher 4: "Omas Haus"
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 25.01.2017

Kinderbücher 4: "Omas Haus"

Geschmacksurteile anderer sind oft ärgerlich, vor allem, wenn sie nicht begründet werden. Man möchte dann schon aus Protest das Gegenteil behaupten. Begründen ist natürlich schwer, wenn es um Schönheit geht, diesen Bibliotheken füllenden Begriff. Bei Proust ist von einem Archäologen die Rede, der weinen muß, wenn er ein echtes Stück sieht, worauf man es für das kaiserliche Museum ankaufen läßt. Andernfalls verklagt man den Händler als Fälscher. Wenn ich Gegenstände beurteile, kann ich leider meistens auch nur mit meiner Wut über Häßliches und meinen Tränen über Schönes argumentieren. Ich finde z.B. die speziell für Mädchen gedachten Barbie-Überraschungseier häßlich und falsch, aber auch Dorffriedhof-Grabsteine, die aussehen wie von Bijou Brigitte, und wenn ich bei einem Kleinstadtbäcker den Musterordner mit Torten durchblättere, die man sich dort vom Händler bestellen kann, verzweifle ich, angesichts dieser unfaßbar häßlichen, figurenbestückten Genußskulpturen, an der Menschheit. Es gibt eindeutig zu wenig gute Tortendesigner! Davon, daß die Schlümpfe seit den computeranimierten Schlumpffilmen Gollum-Glubschaugen haben, will ich gar nicht sprechen. Wie selten betritt man eine Wohnung, in der man alles in die Hand nehmen und betrachten möchte, weil die Gegenstände Esprit haben, was gar nichts mit Geld zu tun haben muß. Eine gute Chance, positiv aufzufallen, haben natürlich Dinge, die alt sind. Glücklich, wer als Kind eine Oma hatte, deren Haus eine Entschleunigungsinsel war, voller schöner und praktischer Dinge, die sich ein Leben lang bewährt haben. In "Omas Haus" von Alice Melvin besucht die kleine Alice nach der Schule ihre Oma, hängt ihre Jacke am, offenbar extra für sie etwas tiefer angebrachten vogelförmigen Jackenhaken auf und sucht überall im Haus nach ihrer Oma, wobei sie sich ständig ablenken läßt und, wie man auf den Uhren sieht, die in jedem Raum, den sie betritt, ein bißchen weitergelaufen sind, ungefähr eine Stunde braucht, um alle Rituale durchzugehen. Denn das ist das Tolle an einem Omahaus, es ist immer alles gleich, und man besucht seine Lieblingsgegenstände, das kuhförmige Milchkännchen in der Küche, die Spieluhr, die Keksdose, den Thonet-Schaukelstuhl, den Globus, mit denen man natürlich erstmal spielen muß. Das Haus hat auch ein Unterbewußtsein, den Dachboden, den man findet, wenn man die entsprechende Seite nach oben klappt und auseinanderfaltet, bis das Licht angeht. Dort oben ist das Spielzeug aus Omas Kindheit abgestellt, Schaukelpferd, Brummkreisel und Puppenwagen. Wie glücklich sich Familien schätzen können, die so viel Platz haben, daß sie nichts wegwerfen müssen! Was für lehrreiche, begeisternde Stunden können die Kinder oder Enkel damit verbringen, alte Dinge zu untersuchen, wozu braucht man dann noch Museumspädagogik? Wie schön man mit einem Teppichklopfer spielen kann. Oder mit dem Tintenfaß auf dem Schreibtisch. Und mit der Wärmflasche aus Messing. Ich habe als Kind manchmal einen besonders schönen Traum gehabt, bei dem ich im Haus meiner Oma ein Zimmer entdeckte, das ich noch nicht kannte, ein neuer Kontinent an Schubladen und Schränken, die ich erkunden konnte, ich erinnere mich genau an die Vorfreude und an die Enttäuschung beim Aufwachen. Ins Haus von Alice Melvins Oma will man sofort einziehen, die Jugendstil-Bleiglasfenster, die Holztreppen, der Kamin, die gehäkelte Tagesdecke auf dem Metallbett. Das Haus erzählt von einer offensichtlich ein Leben lang ausbalancierten Ordnung der Dinge, die ein Kind fasziniert, weil sie anders ist als zuhause, aber vertraut. Ein alter Fächer, ein Barometer, ein Sekretär, die Durchreiche von der Küche zum Wohnzimmer (eine der vielen Öffnungen, durch die man durch die Buchseiten ins jeweils nächste Zimmer gucken kann), das Klavier mit Metronom (und, kaum zu erkennen, den Noten von "Happy Birthday", offenbar hat Alice Geburtstag), Hüte und Blusen im Kleiderschrank, die man ausprobieren kann, die Ecke mit Familienfotos, wo man die Vorfahren sieht, auch Oma selbst als altmodisch gekleidetes Baby. Ein Zaunkönig aus Porzellan, der drei Perlen als Eier enthält, eine Sammlung Ballerinenpuppen, blaue Majolika-Kacheln im Bad, ein Wintergarten mit Rattan-Möbeln und Palmen und allerhand Schäufelchen und Harken zum Umgraben. Es gibt bei einer Oma mit etwas Glück vielleicht sogar Dinge, von denen man gar nicht weiß, wozu sie dienen! Überall findet Alice Spuren von Omas Beschäftigungen, in der Küche ist Kuchen gebacken worden, an der Nähmaschine ist eine Wimpelkette genäht worden, der Vogelbauer steht offen und der Papagei ist verschwunden, als Erwachsener hat man schon Angst, daß es ein Problembuch sein könnte, in dem am Ende die Oma selbst verschwunden ist und das Kind etwas über den Tod lernen soll, aber nein, Oma steht im Garten am mit einem Geburtstagskuchen gedeckten Tisch unter dem mit Wimpelketten geschmückten Apfelbaum, die so lange gesuchte Oma, bei der die Enkelin sich mit Kuchen und Limonade von der Schule erholen kann. Der Erfindungsreichtum bürgerlicher Wohnkultur ragte in mein Leben nur als Rest, in Gestalt eines Kerzenlöschers an einem langen Stab, als Teekanne mit Filzdämmung unter einem Metallmantel, oder als "Schieber", einem Besteckteil, mit dem man etwas auf seinem Teller hin und herschieben konnte. Wenn ich "Das Haus am Eaton Place" sehe, freue ich mich besonders über die Küchentechnik, wenn der Butler Hudson z.B. mehrere Messer auf einmal schleift, mit einem an der Wand angebrachten Messerschleifgerät, in das man die Messer steckt, um danach an einer Kurbel zu drehen. Ich glaube, für Kinder gibt es keine schöneren Spielzeuge, als solche Geräte, die sie von zuhause nicht mehr kennen (eine Brotschneidemaschine!). Ich habe bei meiner Oma Stunden mit einem kurbelbetriebenen Schlagsahneschlaggerät verbracht, eine durchsichtige Plastedose mit außen angebrachter Kurbel und drinnen einem Teil, das sich, durch die Zahnradübersetzung entsprechend schnell drehte, leider ist die Dose inzwischen unauffindbar. Schlagsahne konnte man damit zwar gar nicht erfolgreich herstellen, aber es war eindeutig ein Spielzeug und kein Küchengerät für uns. Leider habe ich keine Oma mehr, die solche Dinge noch benutzt, ich fürchte, diese Entschleunigungsfunktion übernehme ich inzwischen schon selbst für andere. Umso mehr hat mich "Omas Haus" angesprochen, das vom Zauber des Immergleichen erzählt, von Stille, Neugierde, Schönheit und Geborgenheit.

9,2
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Kommentare 1
  1. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · vor 7 Monaten

    Omas Haus - give me a break: Wo bleibt der C.H. Beck-Katalog??