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Literatenfunk

Auferstanden aus Platinen
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 26.09.2019

Auferstanden aus Platinen

Viele Jahre nach der Wende fragte mich einmal ein taz-Redakteur ungläubig, ob wir in der DDR denn auch Computer gehabt hätten? Er meinte wohl Heimcomputer, aber ich war trotzdem verblüfft. Es war einer der Momente, in denen mir klar wurde, wie wenig viele meiner Altersgenossen aus dem Westen immer noch von meinem Vorleben in der DDR wußten, und wie wenig sich daran ändern würde, wenn man ihnen nicht, ob sie wollten oder nicht, immer wieder davon erzählte (in der Zwischenzeit gilt das allerdings auch für meine Kinder). Es gibt unendlich viele Dokus, Sachbücher, Romane und sicher auch Doktorarbeiten, die sich mit überraschenden und skurrilen Teilaspekten des DDR-Alltags befassen. Ich habe einiges davon gelesen, weil ich auf diese Zeit immer noch neugierig bin, man hat sich ja damals nicht wirklich dafür interessiert. Sachbücher über "Das Westpaketoder "Jeans in der DDRerweisen sich dann als Studien, die ausgehend von eigentlich eng gefaßten Themenstellungen sehr viel von der damaligen Realität und von den politischen Verhältnissen erzählen, es war ja alles politisch, auch eine Levis-Jeans. Zu immer neuen Jugendkulturen und eskapistischen Subkulturen wird geforscht, oft waren sie vom Westen inspiriert (Break Dance, Punk, "Brettsegeln", Karate, Triathlon, Depeche Mode), manchmal aber auch relativ endogen (FKK, Indianer-Reenactment, illegaler Alpinismus). Ich hätte mich damals als breakdancenden Punkgitarristen und Hacker, der sich auf Jugendveranstaltungen der Kirche rumtrieb, gesehen, und das ohne eine E-Gitarre zu besitzen, ohne wirklich an Gott zu glauben, ohne Iro und ohne den Mut, in der Öffentlichkeit zu smurfen, aber – was alle bis dahin bekannten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in den Schatten stellte–: mit einem C64 im Kinderzimmer.

Eine Doku über das Heimcomputerfieber, die schon von 1984 stammte, habe ich bei piqd vorgestellt, hier wurde das Phänomen aus Westberliner Sicht betrachtet, der Film erlaubt eine Zeitreise in eine ferne Epoche: unsere unmittelbare Vergangenheit. Was völlig fehlte, war der Blick in den Osten, der nun Dank "Auferstanden aus Platinen – Die Heimcomputerszene in der DDRfür Nachgeborene endlich möglich ist. Volker Strübing (Jahrgang 1971) hat für 3sat einen wundervollen Film gedreht, dem man nur vorwerfen kann, daß er viel zu kurz geworden ist (er ist noch bis zum 19.9.2020 in der Mediathek abrufbar.) Strübing, der selbst im richtigen Alter war, um vom Virus infiziert zu werden, geht seiner eigenen Begeisterung auf den Grund, er erinnert sich manchmal ungläubig, oft sehnsüchtig und interviewt Protagonisten der Szene, einige davon alte Bekannte von ihm. Viele sind dem Computer treu geblieben, als Besitzer einer Software-Firma, die aufwendige, kommerzielle Computerspiele produziert, als Systemadministrator oder als Forschungskoordinator am Fraunhofer-Institut. (Eines der Gespräche findet im großartigen Berliner Computerspielemuseum statt, in dem auch ein seltenes Exemplar von Polyplay steht, dem einzigen Arcade-Automaten der DDR.) Er montiert seltene, alte Aufnahmen, Bilder aus seinem persönlichen Archiv und von ihm für den Film programmierte C64-Sounds und -Animationen (eine DDR-Fahne mit einem Joystick statt Hammer und Zirkel), die dem Ganzen den Anschein eines Gesamtkunstwerks geben und dem Betrachter immer wieder den begeisternden Verfremdungseffekt und die immanente Komik der 8-Bit-Ästhetik vor Augen führen. (Das Rauschen und das bunte Flimmern des Bildschirm beim Laden eines Programms sind unsere Madeleine.) Das Narrativ ist, daß in der grauen DDR (eindrucksvolle Bilder von einer Straßenbahnfahrt aus Marzahn ins Zentrum) die acht C64-Farben besonders bunt und verheißungsvoll wirkten. Wenn sich Strübing selbst als bunten C64-Sprite programmiert, der im ungelenk-mechanischen, aber unaufhaltsamen C-64-Schritt hinter DDR-Bürgern in grauen DDR-Klamotten eine Marzahner Kreuzung überquert, ist das wundervoll anzusehen und sagt viel über die Sehnsucht dieser Zeit: das Land nicht über die Grenze zu verlassen, sondern indem man sich in einen Nerd verwandelt (damals "Computer-Freak" genannt), vielleicht sogar in eine Computerspielfigur, die ja, soweit wir wissen, keine Gefühle hat. Eine wunderbare Möglichkeit, sich fern offizieller Angebote kreativ auszuleben, tat sich auf, man war plötzlich Schöpfer eines Universums und Herr über ein Elektronengehirn (wie viel attraktiver, als am Wochenende unter einem Trabi zu liegen und am Motor zu fummeln). Der C64 machte ja nichts, wenn man ihn nicht programmierte, oder zumindest ein Programm lud. Man mußte sich als "User" viel direkter mit der Funktionsweise der Maschine befassen als bei heutigen Computern, die einen von ihrem Innenleben fernhalten. Wenn man nicht nur Basic programmierte, sondern in "Maschinensprache" (was für ein wundervoller Begriff für einen 16-Jährigen, der pubertätsbedingt seine Probleme mit der normalen Kommunikation hat …), konnte man noch eine Ebene tiefer gehen und praktisch am offenen Herzen des "Rechners" (wie man Computer lässig nannte) operieren. Dabei erlebte man ein demiurgisches Moment, wie Tobias "Tube" Herre (u. a. bei der WM 2010 Programmierer des legendären Vuvuzela-Filters) im Film ausführt, weil die Software, die man programmierte, anschließend "lebte". (Tube hat nicht nur, wie alle damals, im Unterricht oder in den Ferien auf Kästchenpapier Programme geschrieben, sondern sie auch im Kopf durchlaufen lassen, weil er keinen Computer hatte.)

In meinem Fall ließen sich die Eltern zum Kauf eines Computers im Intershop erweichen, sie hofften sicher, wir würden uns mit dem Computer auf eine attraktive berufliche Zukunft vorbereiten. (Aus dem Film erfahre ich, wie viel Geld wir für Computer und Zubehör beim Weiterverkauf bekommen hätten, es hätte fast für ein Auto gereicht! Schon der Joystick war laut Kleinanzeigen 300 DDR-Mark wert, eine Floppy-Disk 40 DDR-Mark, ein C64 um die 5.000 DDR-Mark, was ungefähr einem Kurs von 1 zu 25 entsprach.) Es ist schwer zu beschreiben, was es bedeutet hat, die Macht über den Fernsehbildschirm zu bekommen, von innen darauf zu schreiben oder zu malen, sich durch Programmieren an vorderster Front der Moderne zu fühlen, den Erwachsenen überlegen, dem Kalten Krieg entwischt, mit "Elitedirekt ins Weltall katapultiert, wo "in Echtzeit" und mit revolutionärer Vektorgrafik größere Abenteuer warteten als die, von denen man in der Schule erzählt bekam. (Nicht bunte Bildschirme, sondern die schwarze DOS-Oberfläche mit weißer Schrift erzeugt bei mir noch heute dieses Gefühl. Der Rechner, den ich zum Arbeiten benutze, ist dagegen ein lästiges, ständig bockendes Gerät, das einen zu einer permanenten Weiterbildung zwingt. Ihn zu beherrschen, hat für mich inzwischen weniger Appeal als der Klempnerberuf.)

Es gab überall im Land Computerzirkel, viele natürlich in den Pionierhäusern. Im Film wird vom legendären Computerclub im HdjT ("Haus der Jungen Talente", heute Podewil) erzählt, zu dem Strübing jeden Mittwoch ging (wie auch ich, ohne mich an ihn zu erinnern. Wir alle trugen damals die Tarnkappe unseres Outfits und unserer stockenden Rede). Dort wurden einmal in der Woche kurze Vorträge gehalten (ich erinnere mich, wie von einem Blinden ein Programm vorgestellt wurde, das den Bildschirminhalt vorlas, allerdings ohne englische Begriffe englisch auszusprechen, oder daß ich dort zum ersten Mal von "Fraktalen" hörte, äußerst attraktiven geometrischen Figuren, von denen mein Mathe-Lehrer noch nichts gehört hatte) danach (oder auch schon währenddessen) wurden zahlreiche C64 ausgepackt und es ging ans Kopieren von Software (vorwiegend neue Spiele. Besonders beeindruckte es mich, daß jemand einen Adapter für Datasetten gebaut hatte, so daß mehrere davon an einen Rechner angeschlossen und ein Programm gleichzeitig fünfmal kopiert werden konnte. Ich hatte allerdings nie vor, mich an solche Hardwarezaubereien zu wagen, mich interessierte nur der reine Geist, die Software). Mein erstes auf diese Weise ergattertes Spiel war "Bruce Lee", mit dem ich dann (ohne zu wissen, wer Bruce Lee eigentlich war) Wochen verbrachte, am Schwarz-Weiß-Fernseher, denn auf dem Farbfernseher sah mein Vater langweilige Nachrichten. Level für Level schlug ich mich mit einem buddhistischen Mönch und einem Ninja-Krieger rum, bis es endlich hieß "Congratulations!" (warum nicht "Gratulations!" fragte ich mich? Ich hatte damals nur Russisch und Französisch in der Schule.) Ich behaupte immer, daß es mit dem C64 eine schöne Zeit war, aber vielleicht war die Zeit auch nur erträglich durch den C64.

In diesem Computer-Klub trafen sich natürlich ausschließlich Jungen und Männer, heute würde man viele davon "Nerds" nennen. (Klamotten und Frisur, mit denen sich Strübing auf alten Aufnahmen zeigt, sind unfaßbar. So hat die Ausstattung in den zahllosen DDR-Verfilmungen noch niemanden aussehen lassen, weshalb sie mich auch nie überzeugt haben.) Erotische Erlebnisse hatten wir nur mit Samantha Fox, gegen die man auf dem C64 Strippoker spielen konnte, bis sie nackt war (oder man hackte sich in den Speicher ein und zog sich das Pixel-Bild heraus.)

Es war klar, daß ich Informatik studieren wollte, um mitreden zu können und vielleicht beruflich mit Computern zu tun zu haben. Ich wollte derjenige sein, der im Schlabberlook die Volkswirtschaft am Laufen hielt und sich politisch mehr erlauben konnte, weil sein kostbares "Brain" unverzichtbar war. (Überhaupt ein Lebensziel: vom Schreibtisch aus arbeiten zu können, so wie Captain Kirk bequem vom Sessel aus mit zahllosen Knöpfen in der Lehne sein Raumschiff steuerte.)

Direkt nach der Wende hat Strübing mit Freunden selbst ein Computerspiel für den C64 programmiert "Atomino" (der Packung war als Gadget ein echtes, wenn auch unsichtbares Atom beigelegt). Hier gibt es die von Strübing geschriebene C64-Monosynthesizer-Musik und hier wird es durchgespielt. Der Spiegel berichtete damals ganzseitig über die Newcomer aus dem Nichts (bzw. aus dem Osten), aber für einen kommerziellen Erfolg war es, irgendwie typisch für uns alle, schon zu spät. Wenn ich mir eine Geschichte aus der DDR oder aus der Wendezeit als Spielfilm wünschen würde, dann diese. 

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Kommentare 1
  1. Uwe Protsch
    Uwe Protsch · Erstellt vor 2 Monaten ·

    "Das Rauschen und das bunte Flimmern des Bildschirm beim Laden eines Programms sind unsere Madeleine." ===> Interessanter Satz; aber ich vermute, statt "Madeleine" ist "Marseillaise" gemeint? Tja, "intelligente" Fehlerkorrektur war zu C64-Zeiten noch nicht angesagt, aber womöglich konnte man damals besser programmieren...

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