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Behind The Wall: DEPECHE MODE - Fankultur in der DDR

Quelle: Depeche Mode in den Farben der DDR (c) Behind The Wall

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 27.03.2018

Behind The Wall: DEPECHE MODE - Fankultur in der DDR

Woran liegt es, daß Depeche Mode in der DDR unter Jugendlichen zeitweise so populär waren wie keine andere Band? Weil sie auch aus der Provinz kamen? Weil sie die Sozart-Ästhetik so geschickt einsetzten, daß sie sich plötzlich als popkulturtauglich erwies? Weil sie in "Stripped" einen Lada zertrümmerten? Weil Martin Gore bei "Everything counts" auf einer Triola zu spielen schien, dem DDR-Pendant zur Blockflöte, mit dem zerkauten Plastikmundstück? Oder etwa doch, weil die Musik so gut und Dave Gahan so charismatisch war? Die beiden Autoren von "Behind the Wall" nähern sich dem Phänomen als Archivare und Historiker, nachdem sie bereits eine große Ausstellung zum Thema organisiert haben. Für diejenigen, die es als Jugendliche verpaßt haben, oder die sich nicht mehr so genau erinnern, werden im Buch die DDR-Besonderheiten einer popkulturellen Sozialisation beschrieben, in erster Linie natürlich der Mangel und die daher notwendige Beschaffungskreativität. Man liest sich in handgetippten, fotokopierten Fanclub-Newslettern fest ("Eine neue LP dürfte erst im Herbst aktuell sein ... Wie können Depeche uns nur so quälen?"), bewundert privates Fotomaterial von sächsischen Depeche-Mode-Fan-Partys und von Lookalike-Sessions, bei denen Mitglieder diverser Fanclubs (meist nach Depeche-Mode-Songs benannt, daher mußten sich viele denselben Namen teilen, wenn sie sich nicht "Nju Moud" oder "De-Mo-Interessengemeinschaft Geithain" nannten) die Band (teilweise vor Orginal-Locations bekannter DeMo-Fotos) nachstellen. Aus Stasi-Quellen wird ein komplizierter Stammbaum von Jugendkulturen abgedruckt, der den verzweifelten und strukturell natürlich immer verspäteten Versuch des Geheimdienstes dokumentiert, zwischen "Schmuddelpunk", "Modepunk", "Anarchiepunk", "Nazipunk" "Gotiks", "Grufts", "Poppern" oder "Mantics" irgendwie noch durchzusehen. Wo sollte man hier Depeche-Mode-Fans einordnen, die vordergründig nicht politisch waren, sich aber, wie die meisten Jugendlichen, innerlich von der DDR verabschiedet hatten, was natürlich, wenn es so viele Jugendliche betraf, irgendwann das Ende der DDR bedeuten mußte? Dabei hatten die meisten vor allem einfach nichts für das offizielle Unterhaltungsangebot übrig. In der DDR war irgendwann praktisch alles aus dem Westen populär. (Ich erinnere mich z. B., wie die Junge Welt 1988 über eine Ostberliner Dirty-Dancing-Party berichtete, in einer ausverkauften Halle mit 1.000 Besuchern, der Film lief damals wegen der großen Nachfrage ca. sechs Mal am Tag im Kino "International".) 1987 gaben nach internen Studien des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung noch 11 % der Befragten an, daß ihre Lieblingsmusiker aus dem Osten stammten. (Die Zahl kommt mir eher hoch gegriffen vor.)

"Behind The Wall" müßte es eigentlich als Film geben: Wie sich ab Mitte der 80er in der DDR immer mehr Fanclubs der Band, die am 27.4.82 in der Sendung "Bananas" zum ersten Mal im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen war, gründen (am Ende waren es 70, die dokumentiert sind.) Wie neue Mitglieder in einer Aufnahmeprüfung einem Wissenstest unterzogen werden, um sie auf Depeche-Mode-Kenntnisse zu prüfen und sicherzustellen, daß es sich um "echte Fans" handelt. Wie Schüler einer 10.-Klasse-Abschlußparty in der Erfurter HO-Gaststätte "Druschba" einen unangekündigten Depeche-Mode-Lookalike-Playback-Auftritt hinlegen (Dave in weißen Jeans und Unterhemd, Martin mit Lederhose und Hosenträgern, der Rest der Band auf der mit russischen Holzpaneelen verkleideten Empore vor Synthie-Attrappen). Ältere Anwesende sollen geglaubt haben, wirklich Depeche Mode vor sich zu haben, und in der Stadt kursierte lange das Gerücht, Depeche Mode seien in der DDR aufgetreten. Wie man auf Rummelplätzen an Schießbuden selbst vervielfältigte, ausweisgroße, in Schwarz-Weiß aus der Bravo abfotografierte Poster von Depeche Mode gewinnen kann. Wie zwei Jugendliche vor aller Augen in Arbeitsmontur an der Leipziger S-Bahn-Station "Ho-Chi-Minh-Straße" mehrere RFT-Lautsprecher demontieren, weil sie fast so aussehen wie die Megaphone auf dem Cover von "Music for the masses". Wie die Geräte orange gespritzt und bei der nächsten Depeche-Mode-Fan-Party benutzt werden. (Und wie die Stasi Ermittlungen aufnimmt, weil sie fälschlich vermutet, jemand wolle die Lautsprecher beim 1. Mai zum Verbreiten von Gegenparolen einsetzen). Wie Jugendliche sich Martin Gores Handschellen aus zurechtgebogenen Gardinenleisten basteln, dazu Ledergeschirre aus Gürteln und Riemen, und, wer sich traut, Mutters Kleiderschrank plündert, um in der Disko mit Rock bekleidet aufzutauchen und den DJ ("Plattenunterhalter") zu beknien, eine Depeche-Mode-Runde mit "Piepel ar Piepel so" oder "Master and zerwanst", auf jeden Fall aber mit 3-4 Depeche-Songs am Stück zu spielen. Wie sich am 23.8.1989 (Teile der Bevölkerung machen sich gerade über Ungarn aus der DDR davon) auf dem Marktplatz von Annaberg-Buchholz fast 200 DeMo-Lookalikes (manche mit Dave-Bürste, andere mit Martin-Gore-Locken, wobei die Haare beim Blondieren, wenn man Pech hat, rötlich werden wie bei Boris Becker) einfinden, gemeinsam zu Fuß ins Neubauviertel ziehen, wo man einen Jugendklub gemietet hat (den zuständigen FDJ-Sekretär hat man vorher durch eine Schrottsammelaktion für sich eingenommen), um eine Depeche-Mode-Party zu feiern, auf der natürlich wie immer auch einer einen Vorschlaghammer dabei hat (den man auf dem Sozart-inspirierten Cover von "Construction time again" gesehen hat.) Wie der Vater eines DeMo-Fans in seinem Betrieb, einer mit Stacheldraht gesicherten Waffenschmiede, die Lizenz-Kalaschnikows herstellt, für seinen Sohn und dessen Freunde Messing-Anhänger mit dem DM-Logo herstellt. Wie sich zum ersten und einzigen DDR-Konzert von Depeche Mode in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle (offiziell ist das Konzert als "Geburtstagskonzert der FDJ" deklariert und Depeche Mode sind die Gratulanten), tausende Fans, vor der Halle versammeln, die Karten wurden über Berliner Schulen verteilt, aber nicht an die, die sie am meisten haben wollten, sondern an die, die sie nach Meinung der Lehrer verdient hatten, weshalb sie auf dem Schwarzmarkt für bis zu 1000 Mark gehandelt werden (ein Glücklicher ist angeblich am Tag vorher über die Lüftungsschächte in die Halle gekrochen.) Wie die Fans sich noch ein Jahr später vor der Werner-Seelenbinder-Halle treffen und für eine Fotosession zum Ostberliner Grand Hotel ziehen, in dem Depeche Mode bei ihrem Konzert gewohnt haben. Wie einen Tag nach dem Mauerfall Depeche-Mode-Fans in einen Moskwitsch steigen wollen, um erstmals den Westen zu besuchen, das Auto dann aber nicht anspringt und man kurzerhand, wie ursprünglich geplant, in Radebeul eine Depeche-Mode-Party feiert (die Fanclub-Dichte war in Sachsen am größten.) Wie es als Höhepunkt wie immer zur Dave-Dancing-Runde kommt, bei der alle einen großen Kreis bilden, und, wie bei den Breakdancern, abwechselnd einer in die Mitte geht und für Minuten seine Identität eintauscht.

Vielleicht sollte ich mir die letzten fünf Studioalben von Depeche Mode doch einmal anhören.

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