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Flucht und Einwanderung

Umrisse einer neuen Erinnerungskultur – der Globalhistoriker Conrad

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergMittwoch, 04.08.2021

Unlängst sprach ich in einem Unpiq davon, dass der neue Streit um eine Erinnerungskultur in ein Gezänk übergegangen ist. Der Globalhistoriker Sebastian Conrad schreibt von Rückzugsgefechten.

Die grundlegenden und strukturellen Veränderungen, die mit Globalisierung und digitalisierter Wissensökonomie einhergehen, bringen auch ein verändertes Erinnerungsregime hervor, überall, auch in Deutschland. Die Frage ist nicht mehr, ob – sondern wie man sich darauf einlässt.

Zuvor gibt er einen kompakten Überblick (hier als pdf) über internationale Verflechtungen. Nicht zuletzt durch Flucht und Einwanderung sind die bisherigen Erzählungen für das heutige Deutschland veraltet.

Aber schon nach 1945 war der internationale Kontext entscheidend. Das arbeitet der Berliner Historiker markant im Vergleich zu Japan heraus. Nach dem Sieg der Alliierten waren oberflächlich Deutschland und Japan in einer ähnlichen Situation, aber die Erinnerungskulturen entwickeln sich verschieden:

Die Integration in der Region fand in Ostasien nicht statt. Es gab keine Asiatische Union, keine Entsprechung zur Europäischen Gemeinschaft oder heute der EU. Für Japan spielten daher die Nachbarländer für den Umgang mit der Vergangenheit kaum eine Rolle. Im Gegenteil: Die Zweiteilung der Welt im Kalten Krieg löste Japan aus Asien heraus. Nicht nur politisch und ökonomisch, sondern auch erinnerungskulturell war die japanische Gesellschaft fortan beinahe ausschließlich auf die Vereinigten Staaten bezogen. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Die Bundesrepublik legte deutsch-französische Austauschprogramme auf, setzte auf Verständigung mit den Nachbarn (während gleichzeitig die Systemkonkurrenz mit der DDR zu einer Auseinandersetzung mit den sehr viel kritischeren Deutungen aus Ost-Berlin zwang). Solche Stimmen aus den Nachbarländern, so zentral für die deutsche Diskussion, blieben in Japan ungehört. Während die Bundesrepublik immer europäischer wurde, wurde Japan von Asien getrennt.

Wie weit heute die geschlagenen Blockierer schon zurückgedrängt sind, zeigt sich darin, wie noch in den 1980er-Jahren in der alten Bundesrepublik über den Kolonialismus geschrieben werden konnte.

Sebastian Conrad veranschaulicht es am Beispiel des Historikers und FAZ-Leitartikler Michael Stürmer. In seinem Buch "Das ruhelose Reich" über die erste deutsche Einheit erzählt er den mittlerweile als Völkermord anerkannten Krieg gegen die Hereros und Namas ganz unbefangen als deutsche Opfergeschichte:

»Diese Kriege«, so heißt es da, »ähnelten in nichts dem Kriegsbild, mit dem Soldaten und Offiziere aufgewachsen waren […] Statt begrenzter Kriegsführung blinde Wut, […] Wasserstellen wurden zu Hinterhalten, gefangene deutsche Schutztruppensoldaten wurden qualvoll gemartert.« Von den Ursachen dieses Befreiungskriegs, von den Motiven der Aufständischen ist nicht die Rede; die Perspektive bleibt durchgehend die der Kolonisatoren: »Die Psychologie dieser Kriege war für die Deutschen ein Alptraum.« Kein Druckfehler: Stürmer schrieb tatsächlich: »für die Deutschen«! Stürmer, damals auch außenpolitischer Berater der Regierung Kohl, deckte den von Deutschen verübten Genozid mit rassistischen Formulierungen zu: »Alle taktischen Lehren, alle Strategie Europas war hinfällig, wo der Gegner überall und nirgends war, der Schlacht auswich und aus dem Dunkel der afrikanischen Nacht zuschlug, hilflos und zugleich heimtückisch und grausam. Krieg war in Afrika nicht Krieg, Friede nicht Friede.«

Ergänzen sollte man, dass Uwe Timm seinen gerade mit einem Nachwort von Robert Habeck neu edierten Roman "Morenga", der wenige Jahre vor Stürmers Buch erschien, als Mitglied der DKP geschrieben hatte. In der DDR war die Geschichtsschreibung über den Kolonialismus durch Historiker wie Walter Markov weiter als in der alten BRD.

Allerdings: Uwe Timm trat nicht zuletzt durch die nähere Kenntnis der Verhältnisse aus der DKP aus – wegen der unkritischen Haltung der Partei zur DDR.

Zurück zu Sebastian Conrad. Für ihn war für die Herausbildung der alten Erinnerungskultur das Medium Fernsehen so wichtig wie heute die sozialen Medien prägend sind, die zu einer neuen kulturellen Matrix führen,

die individuelle oder partikulare Gruppenidentitäten samt ihrer Genealogien und Vergangenheitsbezüge konstruieren, die sich nicht mehr einfach in einem kollektiven (nationalen) Deutungsrahmen einfangen lassen.

Die Herausbildung des neuen Erinnerungsregimes ist mit diesen Veränderungen untrennbar verbunden.

Umrisse einer neuen Erinnerungskultur – der Globalhistoriker Conrad

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