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Zeit und Geschichte

Gestern & Heute: In Zeiten, in denen das Menschentöten geboten ist

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergDienstag, 09.08.2022

Glücklicherweise ist der Krieg für die meisten keine erlebte Realität, aber er taucht in unseren Gesprächen öfters auf, so lange das große Töten im Osten weitergeht. Wir bekommen in bekömmlichen Portionen Einblicke über unsere Medien, manchmal tauchen Schutzsuchende auf und viele haben Erinnerungen an ihre Vorfahren, die im Krieg waren. Hinter einem Schleier ist der Krieg für uns versteckt.

Der Osteuropa-Historiker Jörg Barberowski ist einer, der die große Menschenschlächterei analysierend beschreibt. Im ersten Text sucht er Antworten auf die Frage: Warum plündern und vergewaltigen Soldaten und ermorden Zivilisten zum Zeitvertreib?

Der Krieg verändert alles. Kein anderes Geschehen bringt den Menschen so sehr zu Bewusstsein, das Leben nicht zu ihrer freien Verfügung zu haben. Das erste Gefecht öffnet das Tor zu einer neuen Welt, in der andere Regeln gelten und das Selbstverständliche zum Außergewöhnlichen, das Außergewöhnliche zum Alltäglichen wird. Die Soldaten sehen, wie Kameraden in ihrem Panzer bei lebendigem Leib verbrennen, sie hören die unmenschlichen Schreie der Verwundeten, die mit abgetrennten Gliedmaßen und verbrannten Gesichtern auf der Straße liegen, um sie herum Tod und Verwesung. Jetzt wollen sie die anderen nur noch überleben, nicht erleiden, was ihre verwundeten und getöteten Kameraden erlitten haben. Darum geht es in allen Kriegen: töten, um nicht getötet zu werden.

Wichtig erscheint mir auch diese Bemerkung, die mich vor allem aufgrund von Erlebnissen mit Soldaten in der Ostukraine überzeugt:

Die russische Armee ist schon immer ein großes Gefängnis gewesen, in dem die Soldaten von ihren Offizieren wie Leibeigene behandelt und gedemütigt wurden. Nichts hebt das Selbstwertgefühl der Gedemütigten so sehr wie die Erniedrigung, in die sie andere Menschen stoßen. Einmal in ihrem Leben dürfen sie, die stets nur Opfer gewesen waren, Macht ausüben.

Ständig spielt der Kreml mit einer Weltkriegsrhetorik, behauptet eine "Entnazifizierung" der Ukraine, begeht den 9. Mai als Tag des Sieges als eigentlichen russischen Nationalfeiertag. Das ist aber keine alte Melodie, die seit 1945 immer wieder gespielt wird, sondern eine neue. Unmittelbar nach 1945 war es anders, ganz anders:

Stalin und seine Helfer verstanden sofort, das ihre Macht auf dem Spiel stand, wenn sie den Untertanen erlaubten, über das Erlebte so zu sprechen, wie sie es in Erinnerung hatten. Für die totale Diktatur wären freie Menschen verloren gewesen. Niemals würde Stalin ihnen erlauben, dass der Sieg als Leistung von Soldaten öffentlich erinnert wurde. Er durfte nichts anderes als ein Triumph des Führers gewesen sein. Schon im Jahr 1947 war der 9. Mai kein Feiertag mehr, weil der Diktator an den Sieg des Volkes nicht erinnert werden wollte. Die verordnete Wirklichkeit aber ließ sich nur erzwingen: durch Einschüchterung, Zwang und Gewalt.

Ja, das ist kein Tippfehler. Schon 1947 war der 9. Mai kein Feiertag mehr. Das ist ein Zitat aus einem zweiten Text, in dem Jörg Barberowski das andere, verspätete Ende des Zweiten Weltkriegs im Osten beleuchtet.

In den Ländern im Westen Europas war der Krieg 1946 zu Ende, für Amerikaner, Briten und Deutsche sogar früher. In der Sowjetunion aber ging er erst zu Ende, als Stalin starb und das Imperium seine innere Macht wiederhergestellt hatte. So gesehen war für Millionen Bürger der Sowjetunion nicht das Jahr 1945, sondern das Jahr 1953 das Ende ihrer Leiden.

Die ungeheure, alte, oftmals verschwiegene und einseitig wahrgenommene Gewalt im Osten muss man mitdenken und -fühlen, wenn man die Tagesnachrichten sieht. Diese prägt das Leben in den Trümmern des Imperiums in der immer noch zerfallenden Sowjetunion. Damit sind nicht nur die letzten Zeitzeugen gemeint. Jeder kennt aus seiner Familie, seinem Bekannten- und Freundeskreis Überliefertes über diese Schreckenszeit.

Gestern & Heute: In Zeiten, in denen das Menschentöten geboten ist

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Kommentare 11
  1. Ruprecht Polenz
    Ruprecht Polenz · vor 2 Monaten

    Was will uns Baberowski sagen? Dass Krieg verrohend wirkt und seine brutalisierenden Gesetze hat? Das ist keine neue Erkenntnis.Dass der 🇺🇦 deshalb besser keine weiteren Waffen geliefert würden? Dann bliebe seine Verurteilung des russ. Überfalls folgenlos

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 2 Monaten

      Ich antworte indirekt, weil ich die Intentionen von Jörg Baberowski nicht kenne.

      Für mich ist der erste Text in Form einer "dichten Beschreibung" (Geertz) eine Möglichkeit, näher an die Wirklichkeit der Soldaten zu kommen.
      Der zweite Essay zeigt wie nah die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der Sowjetunion noch ist. Nach meinen Erlebnissen wissen hierzulande viele nicht, dass der 9. Mai erst unter Putin diese enorme Bedeutung erhielt.

      Zusammen rücken beide Artikel uns Geschehen und Geschichtsbilder näher.

    2. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor 2 Monaten

      @Achim Engelberg Danke für die Antwort. Was den 2. Text angeht, finde ich es eine steile These, dass mit Stalins Tod das Leiden der Menschen in der Sowjetunion aufgehört hätte.

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 2 Monaten

      @Ruprecht Polenz Ich verstehe Ihre Bedenken. Sagen wir es mal so: Viele Zeitzeugen berichten, dass es eine ungeheure Befreiung war. Als ich 2008 einen Dokumentarfilm für die ARD über das KARlag in Kasachstan drehte, war das die übereinstimmende Meinung der letzten damals noch lebenden Häftlinge. Die Epoche ging als "Tauwetter" (nach einem schwachen Roman von Ehrenburg genannt) in die Historie ein. Etliche Nachgeborene sprechen davon, dass sie nur die "vegetarische" Zeit erlebt haben. Im Jahr 1954 gab es viele Geburten. Es gab und gibt eine Generation der 1954er. Unter anderem wurde damals der deutsche Schriftsteller Eugen Ruge im Verbannungsort seines Vaters geboren.

    4. Michael Praschma
      Michael Praschma · vor 2 Monaten

      Nein, was Baberowski schreibt, ist keine neue Erkenntnis, aber es ist richtig, diese Erkenntnis auch auf den Ukrainekrieg anzuwenden. Denn auch wenn ich mir nicht anmaße zu beurteilen, inwieweit Kriegspropaganda für die Kampfmoral ukrainischer Soldaten notwendig ist – wir in der "Etappe" müssen es uns leisten, durch saubere Reflexion auf dem schmalen Grat zwischen gerechter Unterstützung und Kriegsverherrlichung nicht in letztere abzustürzen. Dazu dient der Text, und das macht er gut, finde ich.

    5. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor 2 Monaten

      @Michael Praschma Die Erkenntnis, die auf den Ukrainekrieg anzuwenden wäre, beschreibt Barberowski leider nicht: Es macht einen Unterschied, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg handelt. Deswegen das Recht auf Selbstverteidigung gedanklich zu beschneiden ist nicht moralisch sondern ignorant gegenüber Recht und Moral

    6. Michael Praschma
      Michael Praschma · vor 2 Monaten

      @Ruprecht Polenz Haben wir denselben Artikel gelesen? Wo beschneidet denn Baberowski das Recht auf Selbstverteidigung der Ukrainer? Wo es um Verstöße gegen das Kriegsrecht geht, wird er überhaupt bloß gegenüber den russischen Streitkräften konkret, ansonsten beschreibt er strukturelle Prozesse, die für jeden Krieg gelten. Die Intention Ihrer Kritik ist mir unklar.

    7. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor 2 Monaten

      @Michael Praschma Baberowski: In Wahrheit kennt dieser Krieg keine heldenhaften Weltanschauungskrieger, sondern nur Verlierer, die in einen Kampf geworfen werden, dessen Sinn sie nicht verstehen..,,

      Manche glauben, dass Aufrüstung, Eskalation und Heldenmut die Gebote der Stunde seien, um der Aggression ein Ende zu bereiten. Je länger aber der Krieg dauert, desto tiefere Wunden schlägt er in die Körper und Seelen der Menschen und desto unwahrscheinlicher ist es, dass es gelingen wird, seine psychischen und physischen Folgen zu bewältigen. Wer von alldem nichts weiß, sollte den Krieg nicht leichtfertig herbeireden.“

      1. niemand hat den Krieg leichtfertig herbeigeredet. Putin führt einen verbrecherischen Angroffskrieg
      2. Die Ukrainer verstehen sehr wohl, dass sie für das Überleben ihres Volkes und ihres Staates kämpfen. Und sie tun das heldenhaft.

    8. Michael Praschma
      Michael Praschma · vor 2 Monaten

      @Ruprecht Polenz Die Punkte 1 und 2 unterschreibe ich. Die davor zitierten Passagen sind im Originalzusammenhang weniger tendenziös. Baberowskis Schlusssatz ist – das stimmt – dubios, weil man einen bereits stattfindenden Krieg nicht "herbeireden" kann; das kann sprachlich also auch nur abstrakt gemeint sein. Die Frage ist dann, was der Satz an der Stelle zu suchen hat. Ich vermute Schlamperei, weil der gesamte Artikel eben unterm Strich sicher nicht gegen die Kriegsführung der Ukraine gerichtet ist.
      Aber ich habe jetzt alles gesagt…

    9. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 2 Monaten

      @Michael Praschma Zum Verständnis zur Herangehensweise, zumindest beim ersten Text, sei diese Rezension empfohlen:
      https://www.hsozkult.d...

      Zwei Zitate:
      Baberowski habe ein „überaus kluges Buch“ geschrieben, lobt Herfried Münkler die Studie seines Berliner Kollegen, weil er in seiner Gewaltanalyse auf große Theorien und einfache Lösungsvorschläge verzichte.

      Für Gustav Seibt hingegen sind Baberowskis „Räume der Gewalt“ eine düstere Anthropologie, die sich gerade wegen ihrer drastischen Sprache als ebenso eindringlich wie verstörend erweise. Gewalt – so pointiert Seibt – sei bei Baberowski niemals „sauber, sie ist blutig, stinkend, grässlich“

    10. Michael Praschma
      Michael Praschma · vor 2 Monaten

      @Achim Engelberg Auf einer eher populärwissenschaftlichen Ebene lässt sich jedenfalls festhalten, dass die "düstere Anthropologie" ebenso wie eine fallweise, aber sicher seltenere moralische Resilienz gegenüber den Versuchungen (bis hin zu Zwängen) der Gewalträume durch breite anekdotische Evidenz abgesichert ist. (Vulgo: Kriegserzählungen bestätigen das.) Sollte es gesicherte Daten geben, die dazu etwas deutlich anderes sagen, wäre ich daran durchaus interessiert.

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