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Zeit und Geschichte

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Mittwoch, 25.10.2017

Warum sind viele Beiträge über den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution schlecht und gefährlich?

Der Artikel ist ein Unpiqd - ein Beispiel für viele schlechte Beiträge zum Thema.

In seinem richtungsweisenden Zeitalter der Extreme schrieb Eric Hobsbawm, die Oktoberrevolution hatte ein stärkeres Echo als die Französische Revolution. „Zwar ist mittlerweile deutlich geworden, dass die Ideen der Französischen Revolution die des Bolschewismus überlebt haben, aber die faktischen Auswirkungen von 1917 waren bei weitem größer als die von 1789.“

Und immer noch ist kein Ende in Sicht: Auf den Tag genau 100 Jahre nach Beginn der Oktoberrevolution endet der Parteitag in China. Xi Jinping erwähnte in seiner Abschlussrede zwar 18 mal Marx, allerdings hat seine Partei weit mehr gemein mit Lenins Partei neuen Typus als mit der von Marx mitgegründeten SPD. Und wie die Bolschewiken vor 100 Jahren eine Initialrevolution schaffen wollten, die die Welt verändert, will China ein Gegenmodell zum Westen schaffen (für mich ein ziemlich gruseliges), das bis 2049 – zum 100. Jahrestag ihrer Revolution – führend sein soll.

Der antirevolutionäre Zeitgeist, der viele Beiträge durchweht, verkennt die Notwendigkeit von Revolutionen. Für Bismarck waren die gegebenen Verhältnisse „eingealterte Revolutionen“. Deshalb riet er dem russischen Zaren lieber eine Revolution zu machen als eine zu erleiden. Und Kissinger nannte den Preußen in Bezug auf die russische Revolution einen „weißen Revolutionär“.

Einen solchen gab es in den Reihen der Weißen nicht. „Die Hauptursache ihres Scheitern aber war ihr Widerwille, die Bauernrevolution auf dem Lande zu akzeptieren.“ So argumentiert der renommierte Orlando Figes.

Gefährlich ist die Verkennung der Oktoberrevolution, da deren Ursachen aktuell sind: Soziale Ungleichheiten, Kriege, imperiale Überdehnungen. Keines ist gelöst, neue sind dazugekommen. Wie charakterisierte Lenin eine revolutionäre Situation, die er vor 100 Jahren gekommen sah?

Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.

Klingt aktuell, oder?

Warum sind viele Beiträge über den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution schlecht und gefährlich?
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Kommentare 8
  1. Antje Schrupp
    Antje Schrupp · vor 9 Monaten

    Ja, stimmt, es gibt viele schlechte Texte dazu zur Zeit. Die Idee, ein Thema zu "unpiqem" ist lustig. Hier ist trotzdem noch ein richtig guter Text zu 1918 :)) taz.de/100-Jahre...

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 9 Monaten

      Oh, den Text wollte ich erst unpiqen, weil ich ihn so schlecht fand. Ein gutes Thema eigentlich, weil kaum bekannt, aber als Essay ist das Stück ziemlich missraten: viel zu unkonkret, statt Belege zu liefern werden lauter Behauptungen aufgestellt, und so einiges passend zurechtgebogen. Schon besser, auch wenn man hier erst einmal einen Factchecker drüber schauen lassen sollte: www.derfunke.at/geschicht...

    2. Antje Schrupp
      Antje Schrupp · vor 9 Monaten

      @Dirk Liesemer Die Fakten in dem von mir empfohlenen Artikel stimmen, Bini Adamczak hat eine ganze Doktorarbeit zum Thema geschrieben, wo man das im Detail und mit Quellen und allem Pipapo nachlesen kann. ("Beziehungsweise Revolution", Suhrkamp, grade erschienen). Aber es ist natürlich immer etwas schwierig, eine ganze Forschungsarbeit in einem kurzen Zeitungsessay zusammenzufassen. Besser ist deshalb, man liest das ganze Buch :) _ Ich finde es unbedingt empfehlenswert für alle, die sich für die Russische Revolution (und Revolutionen überhaupt) interessieren.

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 9 Monaten

      @Antje Schrupp Im Einzelnen kann ich die Fakten nicht überprüfen. Aber auf jeden Fall ist in der Frage der Gleichstellung der Geschlechter noch Zukunftsgehalt in den Forderungen der Revolution.
      Es wird bewahrt in großer Kunst, die international wirkt(e). Zum Beispiel in Gladkows ZEMENT, das Heiner Müller zu einem eigenen Stück inspirierte.
      Freilich, und hier kommt das zwiespältige Erbe voll zum Tragen:
      Niemals erreichten diese Forderungen die sowjetische Provinz und die Lebensläufe der Feministinnen sind äußerst ambivalent.
      Alexandra Kollontai, die radikale Frauenrechtlerin und die erste akkreditierte Diplomatin weltweit, überlebte als einziges ZK-Mitglied der revolutionären Phase den Großen Terror, ereiferte sich als Stalinistin. Ihr Mann, Pawel Dybenko, dagegen wurde als Trotzkist erschossen.

    4. Antje Schrupp
      Antje Schrupp · vor 9 Monaten

      @Achim Engelberg Sicher, ambivalent ist das alles. Dass spätestens Stalin (eigentlich teilweise auch schon Lenin) konterrevolutionär waren, ist ja klar. Interessant in Adamczaks Buch fand ich, dass sie teilweise auch eine andere Sicht auf die Provinzen wirft. Die Bäuerinnen zum Beispiel waren ja gar nicht auf "bürgerliche" Geschlechtertrennung eingestellt. Eine breite Auseinandersetzung führt Adamczak dann auch dazu, dass alles Emanzipatorische an der Idee von 1918 ja leider auf die Vermännlichung aller hinaus lief. Also die neue Freiheit der Frauen bestand darin, wie Männer zu werden, was natürlich hochgradig "weiblichkeitsfeindlich" ist. Adamczaks These ist: Die Revolution von 1918 hat die Gleichheit überbetont, die Revolution von 1968 hat die Freiheit überbetont, jetzt käme es darauf an, über "Beziehungsweisen" nachzudenken. Was ja im Slogan von 1789 mit der "Solidarität" eigentlich schon angeregt war, aber dieser Aspekt ist halt dann vergessen worden. Das finde ich einen sehr interessanten Gedanken.

    5. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 9 Monaten

      @Antje Schrupp Dem kann ich nur zustimmen.
      In einem Gespräch (in SINN UND FORM, Heft 2/2016, leider nicht online) sagte ich dazu:
      "Vereinfacht kann man die Entwicklung
      spätestens seit der Französischen Revolution als eine beschreiben, die die ständische Welt in Frage stellte, die moderne Nationalstaaten schuf, ... als Widerstreit zwischen Freiheit und Gleichheit. In jeder Epoche neigte sich die Waage nach der einen oder nach der anderen Seite. Gewiß standen
      die letzten Jahrzehnte im Zeichen der Freiheit. Von der 1968er Bewegung mit ihrer Libertinage über die Deregulierung der Wirtschaft bis zu großen politischen Ansätzen wie dem »Wandel durch Annäherung« (Egon Bahr) oder der
      Charta 77. Deshalb heißt auch eine der maßgeblichen Gegenwartsgeschichten
      »Der Preis der Freiheit« (Andreas Wirsching). Die alten Mauern fielen im Namen der Freiheit. Die neuen Mauern, die jetzt errichtet werden, können nur im Namen der Gleichheit fallen. Eine Zeit der Angleichung muß kommen – oder die
      Katastrophen verstärken und vermehren sich."

    6. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 9 Monaten

      @Antje Schrupp Ja, wie geschrieben, das Thema ist interessant, hätte von der Redaktion sicher besser betreut werden können. Schön wäre auch gewesen, wenn unter dem Artikel noch ein Verweis auf die Doktorarbeit stehen würde.

  2. Daniel Schreiber
    Daniel Schreiber · vor 9 Monaten

    Vielen Dank für den Unpiq und die Einordnung dieses Phänomens - mir ist auch aufgefallen, dass es bis auf wenige Ausnahmen (wie den von Antje Schrupp vorgestellten Artikel) überraschend viele schlechte Texte zu dem Thema gibt. Ich habe den Eindruck, dass viele dieser Autoren sich gar nicht richtig für das Thema Interessieren, fast so, als sei es "gegessen" oder "unwichtig". Ich habe eher die amerikanische und englische Diskussion diesbezüglich im Blick und da ist es meines Erachtens sehr ähnlich. Ich glaube, dass dahinter immer noch Berührungsängsten mit der sowjetischen Ideologie stecken könnten. Man hat fast ein ganzes Jahrhundert zwei diametral entgegengesetzte Blicke auf die Welt gehabt, komplett mit unterschiedlichen Wahrheiten und allem, und die eine Seite hat verloren, deswegen scheint es schwer, ihr wirklich Beachtung zu schenken oder sie auch nur richtig ernst zu nehmen. Und ich bin ganz Ihrer Meinung, dass dieser blinde Fleck überhaupt nicht ungefährlich ist.