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Zeit und Geschichte

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Montag, 25.05.2020

Unpiq: Warum der Faschismus-Begriff notwendig ist

In diesem Monat gab es aufgrund des 75. Jahrestags vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zahlreiche Publikationen.

Oft ließ man den Krieg im Mai 1945 enden, aber in Asien ging der größte Krieg der Menschheitsgeschichte noch bis zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki im August weiter.

Außerdem versuchten einige, den Faschismus-Begriff zu entsorgen. So verstieg sich Richard Herzinger zur These:

Der Faschismus war ein willkürliches, ganz auf die Person seines Erfinders Benito Mussolini zugeschnittenes Konstrukt.

Mir geht es nicht um diesen Beitrag, sondern um diese reaktionäre Tendenz. Dabei zitieren alle die mir bekannten Publizisten ungenau. So heißt es bei Herzinger:

Noch immer wirkt die Definition der Komintern von 1935 nach, die den Faschismus das Instrument "der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" nannte.

Diese in der Tat zu einseitige Definition der Kommunistischen Internationale stammt aber von Ende 1933. Im Jahre 1935 korrigierte man sich, in dem darauf hinwies, dass damit keineswegs die faschistischen Bewegungen erschöpfend definiert seien,

zumal eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann.

Es ist unergiebig die zahlreichen Fehler und Verzerrungen aufzuzählen, sondern das Ziel zu kritisieren, den Faschismus als Einzelfall unters Dach des Totalitarismus zu bringen.

Der Kampf um Begriffe ist nie unschuldig, kein unpolitisches Glasperlenspiel. Schon in Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen galt Hegels Logik als

eines der größten humoristischen Werke der Weltliteratur. Es behandelt die Lebensweise der Begriffe, dieser schlüpfrigen, unstabilen, verantwortungslosen Existenzen; wie sie einander beschimpfen und mit dem Messer bekämpfen und sich dann zusammen zum Abendessen setzen, als sei nichts geschehen.

Begriffe sind hier auch stets Griffe, mit denen unterschlagene Wirklichkeit öffentlich gemacht oder in die umkämpfte Realität interveniert wird.

Alle faschistischen Diktatoren erhielten im Gegensatz zu den Diktaturen von kommunistischen Parteien, die schlimme Verbrechen begangen und Millionen töteten, Unterstützung von Konzernen und Großbanken.

In der besonders aggressiven Form des Faschismus, der Nazi-Diktatur, stiegen die Gewinne der unterstützenden Eliten - noch vor Kriegsbeginn und der Shoa. Die der Großindustrie stiegen beispielsweise von 6,6 Milliarden Reichsmark 1933 auf 15 im Jahre 1938.

Deshalb formulierte Max Horkheimer am Vorabend des Zweiten Weltkriegs:

Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

Ähnlich dachte Adorno, der mit Horkheimer mehrere Bücher schrieb und mit ihm zu einem der führenden Köpfe der Frankfurter Schule aufstieg.

In seinem im letzten Jahr veröffentlichen Vortrag aus dem Jahr 1967, der auf piqd schon mehrfach vorgestellt wurde, stellte er die These auf:

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus bestehen nach wie vor fort.

Nicht einmal ein großbürgerlicher Schriftsteller wie Thomas Mann, der sich bei seinem großen Roman Doktor Faustus von Adorno beraten ließ, wäre bei einer Reduzierung des Faschismus auf Mussolini zu verstehen. Dieser sah 1947 in seinem gedankentiefen Essay Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung diesen nicht als Begründer, sondern als frühen Seismographen.

Politikfern im Grunde unschuldig-geistig, hat er als sensibelstes Ausdrucks- und Registrierinstrument mit seinen Macht-Philosophien den heraufsteigenden Imperialismus und die faschistische Epoche des Abendlandes, in der wir leben und trotz dem militärischen Sieg über den Faschismus noch lange leben werden, als zitternde Nadel angekündigt.

Selbst wenn der Begriff Faschismus missbraucht wird, wie es bei jedem Werkzeug geschehen kann, muss er weiter im begrifflichen Handwerkskasten bleiben, damit wir besser verstehen können und Demagogen wie Richard Herzinger ist zu widersprechen.

Zum Schluss sei auf den Vortrag Der ewige Faschismus hingewiesen, den Umberto Eco vor einem Vierteljahrhundert in der Columbia-Universität hielt und der als Büchlein in diesem Frühjahr zum Bestseller avancierte, und den ich auf piqd schon vorstellte.

Die Spiegelrezension von Enrico Ippolito endet so:

Bei allen unterschiedlichen Lesarten von Ecos Vortrag muss eins hängen bleiben, sich in den Kopf festsetzen: Der Faschismus ist kein ausschließlich in der Geschichte festgeschriebenes, abgeschlossenes Phänomen. Er wabert weiter unter uns.

Unpiq: Warum der Faschismus-Begriff notwendig ist

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