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Michael Hirsch
Philosoph und Politikwissenschaftler, freier Autor und Dozent
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piqer: Michael Hirsch
Dienstag, 23.07.2019

Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus. Die unheimliche Aktualität von T. W. Adornos Theorie

Ein neu beim Suhrkamp Verlag publizierter Vortrag von Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1967 zeigt auf fast gespenstische Weise die Aktualität seiner Theorie. Anlass des Vortrags "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" waren die Erfolge der NPD bei den Landtagswahlen seit der Gründung 1964.

Der Autor stellt die These auf: "Die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus bestehen nach wie vor fort." Adorno nennt hier vor allem Angst der Menschen vor dem "Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit", die Angst all derer, die sich als "potentiell überflüssig", als "potentielle Arbeitslose" fühlen. Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus bewirtschaften die "Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich waren".

Die These ist: Solange diese Angst existiert und politisch ausgebeutet werden kann, leben wir längst noch nicht in einer Demokratie. Rechtsradikale Bewegungen sind "Wundmale der Demokratie, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute noch nicht voll gerecht werde".

In der Deutung rechtspopulistischer und rechtsradikaler Bewegungen steckt insofern eine Schlüsselfrage der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung: Entwerfen wir uns überhaupt noch in Richtung auf eine wirkliche Demokratie? Oder führen wir implizit nur noch Rückzugsgefechte gegen die Feinde der offenen Gesellschaft?

Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, sei hier eine Passage aus Adornos berühmtem Vortrag "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit" zitiert:

Daß der Faschismus nachlebt (...), rührt daher, daß die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen fortbestehen, die den Faschismus zeitigten. Er kann nicht wesentlich aus subjektiven Dispositionen abgeleitet werden. Die ökonomische Ordnung (...) verhält nach wie vor die Majorität zur Abhängigkeit von Gegebenheiten, über die sie nichts vermag, und zur Unmündigkeit. Wenn sie leben wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gegebenen sich anzupassen, sich zu fügen; sie müssen eben jene autonome Subjektivität durchstreichen, an welche die Idee von Demokratie appelliert, können sich selbst erhalten nur, wenn sie auf ihr Selbst verzichten.“

Solche Gedanken stehen stellvertretend für eine ganze Reihe linker kritischer Faschismus- und Gesellschaftstheorien seit den 1960ern, die heute in der wissenschaftlichen wie publizistischen Öffentlichkeit kaum noch sichtbar sind. Die These hinter dieser intellektuellen Strömung ist ganz einfach: Nur wenn wir wirklich für eine authentische Demokratie, und zwar auch im Bereich der ökonomischen Lebensverhältnisse kämpfen, besteht eine Aussicht darauf, die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus zu überwinden. Ohne diesen anspruchsvollen und radikalen Begriff von Demokratie wird der intellektuelle Gedanke stumpf. Er wird positivistisch, wie Adorno damals die Methode des liberalen Mainstreams nannte, und nimmt implizit ein "zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit" an.

Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus. Die unheimliche Aktualität von T. W. Adornos Theorie
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Kommentare 4
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor einem Jahr

    Diese Theorien mögen kritisch sein, aber sind sie richtig? Mich läßt diese Aneinanderreihung von Behauptungen und Meinungen immer ratlos zurück. Was ist denn eine authentische Demokratie und welcher intellektuelle Gedanke wird genau stumpf? Reicht ein Gedanke ohne Empirie. Ich dachte eigentlich, Adorno müßte - wenn überhaupt -selbst kritisch geprüft werden und nicht einfach aus der Kiste der Ideen geholt werden. Die Totalität bleibt schwierig .....

    1. Michael Hirsch
      Michael Hirsch · vor einem Jahr

      Der von Thomas Wahl hier geäußerte Affekt gegen Theorie ist weit verbreitet. Ob eine Theorie wirklich Erklärungskraft hat oder richtig ist, hängt nicht nur von ihrer theoretischen Konsistenz ab, sondern natürlich auch von ihrer empirischen Stcihhaltigkeit. An diesem Punkt geht der von dem Leser geäußerte Einwand ins Leere: Das Institut für Sozialforschung um Adorno, Horkheimer, Pollock, Neumann, Kirchheimer und anderen war nicht nur, zusammen mit italienischen Kollegen wie dem von Faschisten inhaftierten Antonio Gramsci, Miterfinder der Faschismustheorie. Es gehörte auch zu den ersten, die empirische Untersuchungen und Befragungen durchführten, um ihre Hypothesen selbstkritisch zu untermauern. Dazu gehören auch die unter Leitung von Adorno durchgeführten Untersuchungen in den 40er Jahren in den USA, die unter dem Titel "Studien zum autoritären Charakter" publiziert sind. Insofern muss der Einwand des Lesers zurückgewiesen werden: Hier handelt es sich gerade nicht um Gedanken ohne Empirie oder ohne Wirklichkeitsprüfung.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Michael Hirsch Mein Einwand ging nicht gegen Theorien allgemein sondern gegen diese genannten linken kritischen Faschismus- und Gesellschaftstheorien. Dass Adorno mal in den 40er Jahren sich mit empirischer Sozialforschung zum autoritären Charakter beschäftigt hat, besagt ja wenig über den tatsächlichen empirischen Gehalt seiner Faschismustheorie in den 60ern oder gar heute. Zur Kapitalkonzentration oder zur technologischen Arbeitslosigkeit hat er nicht geforscht. Und wer etwas zu Adornos Haltung zur Empirie wissen will, der lese noch mal Adornos Ausführungen im Positivismusstreit. Die Skepsis, ja die Ablehnung gegen empirische Fakten scheinen deutlich durch den Schwall seiner Sätze. Für ihn ist seine erkannte „Totalität“ der Gesellschaft bestimmend. Auch wenn er sonst alle Vernunft für irgendwie infiziert oder korrumpiert hält. Selbstkritisch hat er da nichts untermauert. Er behauptet .....

      Heute 60 Jahre später, wissen wir mehr, wir haben einige Linksfaschismen scheitern sehen, auch der real existierende Sozialismus ist gegangen und eigentlich ist auch die These, der Faschismus sei sozusagen die höchste Form des Kapitalismus oder zumindest eine immer währende Tendenz desselben, in vielen Diskussionen und Büchern widerlegt. Also lassen Sie uns Adornos Reden lesen, aber kritisch und nicht als „ewige Wahrheit“. Es müßte ihn eigentlich freuen, wenn wir seine allgemeinen Begriffe nicht als etwas Unveränderliches oder Gleichbleibendes darstellen.

  2. Tino Hanekamp
    Tino Hanekamp · vor einem Jahr

    Vielen Dank dafür!

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