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Zeit und Geschichte

Hauke Friederichs
Journalist
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piqer: Hauke Friederichs
Dienstag, 19.09.2017

Kriegsmüder Feldpropst und Opfer eines Attentats – die Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber

"18.00 Uhr. Generalvikar kommt aus der Centrumssitzung, ernst und zitternd vor Aufregung: Die militärische Lage furchtbar ernst, nicht bloß nach Osten, sondern auch nach Westen. Im Innern ebenso. In Zeit von vierundzwanzig Stunden könne eine Wendung kommen." 

Am 1. Oktober 1918 notiert Erzbischof Michael von Faulhaber diese Passage in sein Tagebuch. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs zeigt sich Faulhaber kriegsmüde – wie so viele Deutsche an der Heimatfront. 

Fast täglich hat er Tagebuch geführt, mehr als 40 Jahre lang. Seine Aufzeichnungen sind eine schier unerschöpfliche Quelle für die Zeitgeschichtsforschung in München. Sie werden nach und nach digitalisiert und im Internet veröffentlicht. Faulhaber notierte viele Ereignisse aus seiner Kirche, aber auch seine Treffen und Gespräche mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. 

Das Projekt „Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber (1911-1952)“ begann 2014 und ist auf zwölf Jahre angelegt. Gefördert wird die wissenschaftliche Aufarbeitung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zuletzt wurden Faulhabers Tagebücher aus den Jahren 1918 und 1934 veröffentlicht.

Seine Rolle während des "Dritten Reichs" ist umstritten. Zu Beginn des Jahres 1934 attackierten Nationalsozialisten den Kirchenmann in Reden und Artikeln. Faulhaber hatte in seinen Predigten die Rassenideologie und den Antisemitismus der NSDAP kritisiert. In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1934 schossen Unbekannte auf die Fenster von Faulhabers Palais. „Ich habe in der Nacht nichts gehört – außer während Rosenkranz, wobei Auto Geräusch verdecken kann. Die Wehrmannpistole nicht sehr laut“, schrieb Faulhaber ins Tagebuch

Trotz des Anschlags wollte er weiter mit dem Regime Hitler zusammenzuarbeiten. Am 30. Januar notierte er: „Heute nationaler Grosstag (1. Gedenkjahr der Machtübernahme Hitlers als Reichskanzlers) – am Haus zwei Fahnen ausgehängt – über den zerschossenen Scheiben. Übernahme war legal, also mitfeiern.“

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