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Zeit und Geschichte

Der Holocaust ist ein anderes Verbrechen als der Kolonialismus

Ruprecht Polenz
MdB d.D.
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Ruprecht PolenzSamstag, 27.02.2021

Wie schauen wir auf die Zeit des Kolonialismus? Einige Historiker und Anhänger der Postcolonial Studies ziehen eine direkte Linie vom Massenmord an den Herero zum Holocaust. Es gebe keinen „strukturell-essentiellen“, sondern nur einen „graduellen“ Unterschied zwischen Holocaust und Kolonialismus. Die Ermordung der Juden wäre wohl nicht möglich gewesen, „wenn der ultimativeTabubruch (…) nicht schon früher erfolgt wäre“, so zum Beispiel Jürgen Zimmerer. 

Demgegenüber hält Thomas Schmid fest:

 Es gab große Kolonialverbrechen mit genozidalem Charakter. Dennoch war der Holocaust einzigartig. Im britischen, französischen, belgischen und deutschen Kolonialismus ging es darum, andere Völker zu unterdrücken, auszubeuten...Das war beim Holocaust anders. Die Juden sollten nicht unterdrückt oder ausgebeutet werden, ihre Vernichtung war nicht Ultima Ratio, sondern alleiniger Zweck des Unternehmens. Und zwar aus einem Grund allein: Weil sie Juden waren.
Der Holocaust ist ein anderes Verbrechen als der Kolonialismus

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Kommentare 18
  1. Dominique Lenné
    Dominique Lenné · vor einem Monat

    Der Herero-Mord hatte im Gegensatz zum Holocaust immerhin ein kritisches Echo in Deutschland schon kurz nachdem er stattgefunden hatte. Interessanterweise gab es auch dort schon tödliche medizinische Versuche an Gefangenen. Ist das ein Zug der Grausamkeit in der deutschen Volksseele, der da zutage tritt?
    Von Trotha rechtfertigte seine Tat mit angeblichen Notwendigkeiten der Kriegführung. Im antisemitischen Weltbild war der Holocaust ebenfalls eine "Notwendigkeit", ich erinnere an die irrsinnige Rede Heydrichs: man habe Hunderte, Tausende da liegen sehen und sei dabei - abgesehen von einzelnen Ausnahmen - anständig geblieben. Widerlich, aber es zeigt, dass die Mord- und Machtlust nicht gefühlt wurde, sondern die Morde als eine "höhere Notwendigkeit" angesehen wurde - eine pathologische Verbiegung des Geistes.
    Was Schmid für die kolonialen Gemetzel anführt, dass sie in einem Eskalationsprozess zustande kamen, gilt in gewisser Weise, wenn auch unwahrscheinlich gesteigert, auch für den Holocaust: er nahm erst seine volle Form an, als die Gemetzel des Krieges bereits begonnen hatten.
    Insofern gibt es schon Analogien.
    Und er ist begleitet worden vom mitleidlosen und ganz gezielten Verhungernlassen von Millionen Kriegsgefangener und Zivilisten in den sowjetischen Gebieten, was kaum je irgendwo Erwähnung findet. Diese Nichterwähnung ist geradezu atemberaubend und schwer zu erklären. Auch diese hätten eine Gedenkstätte verdient.
    Das darf natürlich nicht in einen Whataboutismus münden. Das Alles macht den Holocaust nicht erkärlicher. Zu was sind wir eigentlich fähig?
    Mein Gefühl ist, dass der Streit um die Einzigartigkeit des Holocaust am Kern vorbeigeht. Er war beides gleichzeitig: Einzigartig und Nicht-Einzigartig und wir können bis zum Ende der Tage darüber diskutieren. Wie man ihn auch benennt, es tut weh, wenn man Deutscher ist. Was mMn zählt sind die Namen auf den messingnen Gedenksteinen vor unseren Haustüren.

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Monat

    Jürgen Zimmerer besprach das Buch von Michael Rothbergs vor dem Beitrag von Schmid. Da er die Argumente (oder sollte man besser schreiben "Scheinargumente"?) von diesen Rezensenten, gestern war ein anderes Beispiel in der FAS, kennt, widerlegte er sie davor:

    https://kolonialismus....

  3. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor einem Monat

    Danke für den interessanten Artikel. Piqd lohnt eben ......

  4. Christian Huberts
    Christian Huberts · vor einem Monat

    Jürgen Zimmerer hat auf Twitter auf den Text reagiert und ordnet die von Schmid zitierten Aussagen aus seinem Buch in ihren Originalkontext ein: https://twitter.com/ju...

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Monat

      "Kulturkrieg", schreibt Zimmerer, als ginge es nicht eine Nummer bescheidener.

    2. Christian Huberts
      Christian Huberts · vor einem Monat

      @Dirk Liesemer Ja, ginge sicher weniger eskalierend. Relevanter für die Diskussion ist aber sicher die Einordnung der Zitate. (Ich bin zufällig auf die Stellungnahme von Zimmerer gestoßen. Mir fehlt letztlich die Kompetenz die jeweiligen Debattenbeiträge selbst fundiert einzuordnen, halte mich da also – bis auf die No-Brainer »keine Konkurrenz der Opfergruppen« und »Holocaust als singuläres Verbrechen« – einfach zurück und versuche dazuzulernen. Die von Schmid zitierten Passagen aus Zimmerers Buch scheinen mir jedoch schon massiv zugespitzt und zum Teil auch unredlich verzerrt. Was das von Schmid geschilderte Problem nicht schmälern muss, aber auch nicht unbedingt zu einer Versachlichung beiträgt, eher im Gegenteil.)

    3. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Monat

      @Christian Huberts Klar ist die Einordnung der Zitate relevanter, aber Zimmerer weiß genau, wie man auf Twitter emotionalisiert – und wer ihn schon länger beobachtet, der wundert sich auch nicht darüber, dass irgendwann Zweifel an seinen Thesen aufkommen mussten.

    4. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor einem Monat

      Ich hatte den Tweet gestern gelesen. Es wäre gut, wenn Herr Zimmerer auf die Argumentation des Artikels, vor allem dessen zentrale Aussagen, die hier in dieser Diskussion nochmal herausgestellt wurden, antworten würde. Das geht über Twitter nicht.

  5. Dirk Liesemer
    Dirk Liesemer · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

    Auch Claudius Seidel hat sich mit dem Thema in der heutigen FAS beschäftigt: " ... `Die Ermordung von ganzen Bevölkerungsgruppen ist eben nicht einzigartig in der Geschichte, sondern kam und kommt durchaus häufiger vor.' So schreibt Zimmerer, und so kalt und fast schon desinteressiert kann es klingen, wenn die Singularität des Holocausts unbedingt widerlegt werden muss und wenn das Verbrechen der Deutschen in den größeren verbrechensgeschichtlichen Gesamtzusammenhang eingeordnet werden soll."

    Und etwas weiter: "Kann schon sein, dass das borniert klingt, aber die Ermordung der Juden war eben in erster Linie das Werk der Deutschen – und ganz egal, ob einer heute der Nachkomme von Tätern, Indifferenten oder der wenigen Widerstandskämpfer ist: Man bewohnt jedenfalls als Deutscher einen gemeinsamen Geschichts- und Erinnerungsraum mit den Nachkommen der Opfer und Überlebenden. Und daraus ergeben sich Verbindlichkeiten, die mit dem Hinweis auf multidirektionale Erinnerungen nicht erledigt oder suspendiert sind. ..." (Anmerkung: "Multidirektionale Erinnerung" heißt ein Buch von Michael Rothberg) https://blendle.com/i/...

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

      Ich glaube nicht, das sich aus der Tatsache, das man als Nachkomme einer Tätergeneration automatisch in einem gemeinsamen Geschichts- und Erinnerungsraum mit den Nachkommen der Opfer lebt oder leben kann. Geschichte und Erinnerungen sind immer wieder neu konstruierte Erzählungen. Von jedem subjektiv rezipiert und bewertet. Auch wenn man sich auf wesentlich Fakten wahrscheinlich einigen - kann es gibt wahrscheinlich ähnlich viele Räume wie Rezipienten. Und viele betreten die Erinnerungsräume erst gar nicht. Leider. Aber wir sollten dafür kämpfen zumindest eine gemeinsam Sprache zu finden.

    2. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor einem Monat

      @Thomas Wahl Automatisch sicher nicht. Die Erinnerungen der Nachkommen der Opfer sind ganz andere. Aber man kann an einer gemeinsamen Erinnerungskultur arbeiten: Gemeinsames Verständnis über das Geschehene, Schulbücher, öffentlicher Raum

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Ruprecht Polenz Gemeinsame Erinnerungskultur ist ein besserer Zugang ...... Da kann man auch die Differenzen festhalten, markieren und diskutieren. Friedlich 😏

  6. Chiara Marquart-Tabel
    Chiara Marquart-Tabel · vor einem Monat

    Der Text wirkt auf mich reaktionär. Als habe der Autor den Wissensdazugewinn durch eine postkoloniale Perspektive auf den Holocaust nicht verstanden, nicht zulassen wollen, sich zu früh nach Gegenargumenten umgeschaut. Es gibt unglaublich viele rassistische Gräuel- und Vernichtungstaten in unserer Geschichte die sehr relevante Parallelen zum Holocaust aufweisen. In der Art wie sie sich anbahnten, wie ihnen Feindbilder und Stereotype zugrunde lagen, wie sie unser Denken heute noch prägen, wie sie Nachkommen heute noch schmerzen und wie sie Aufarbeitung und Demut von Nachfahren und Nutznießern erfordern. Diese Parallelen sind absolut wichtig um aufzuzeigen, wie viel Erinnerungskultur und historische Sensibilisierung in Deutschland eigentlich noch fehlen. Es geht um diese relevanten Parallelen, die in vielen Diskursen zu kurz kommen, nicht darum, das Siegertreppchen genozidaler Verbrechen teilen zu müssen. Es wäre konstruktiver, diese Einsicht wirken zu lassen statt sich über Seiten hinweg über vereinzelte, überspitzte Formulierungen zu echauffieren, die mit dem Kern des Arguments wenig zu tun haben.

    1. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor einem Monat

      Ich finde nicht, dass der Autor die Greuel des Kolonialismus verharmlost. Er weist darauf hin, dass Motivation (Vernichtung), Begehensweise (industriell organisierter Massenmord) und Begründung (Jude) einen substantiellen und essentiellen Unterschied zum Holocaust ausmachen. Nur Juden wurden über einen ganzen Kontinent systematisch verfolgt, um sie umzubringen, aus einem einzigen Grund: weil sie Juden waren. Koloniale Verbrechen wurden auch von anderen Nationen begangen. Der Holocaust wurde nur von Deutschen begangen. Je mehr man ihn in die Nähe allgemeiner Kolonialverbrechen rückt, desto eher waren andere „fast genauso schlimm“. Aber das stimmt nicht.

    2. Chiara Marquart-Tabel
      Chiara Marquart-Tabel · vor einem Monat

      @Ruprecht Polenz Es gibt Parallelen und es gibt Unterschiede. Natürlich sind die zitierten Unterschiede richtig. Der Punkt des postkolonialen Arguments sind aber die Parallelen. Die Aufmerksamkeit und Aufarbeitung muss auf den Parallelen liegen. Und ja, dann kommt es zu einem "Näherrücken", aber nicht weil die Opfer des Holocausts weniger, sondern weil die Opfer des Kolonialismus stärker gesehen werden. Was ist denn ein "Allgemeines Kolonialverbrechen"? Das klingt ja fast nach einer milde verlaufenden Volkskrankheit. Hier liegt der Punkt, hier muss der Diskurs stattfinden, hierher gehört die Aufmerksamkeit. Es gibt einfach noch sehr viel Grauen in unserer Geschichte, das noch nicht so tief in unserem Bewusstsein verankert ist, wie der Holocaust. Das ist vielleicht schwer zu ertragen. Die Erinnerungskultur an den Holocaust ist hier super vorbildlich und hilfreich. Erinnerung darf bloß hier nicht aufhören. Macht es Sinn, einen Wettbewerb um das schlimmste Schicksal zu veranstalten? Ich glaube, das ist respektlos allen Opfern gegenüber, vor allem denen, die für den 2. Platz gestorben sind.

    3. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor einem Monat

      @Chiara Marquart-Tabel Der Autor sagt nicht, dass Erinnerung mit dem Holocaust aufhören müßte, im Gegenteil. Er lehnt eine Hierarchisierung der Opfer ab und warnt vor deren Folgen. Ich verstehe nicht, warum richtiges Erinnern an die Greuel des Kolonialismus das Ziehen von „Parallelen“ zum Holocaust braucht.

    4. Chiara Marquart-Tabel
      Chiara Marquart-Tabel · vor einem Monat

      @Ruprecht Polenz Die braucht es, weil der Holocaust ein gemeinsamer Referenzpunkt in der Debatte ist. Hier wurde einmal in der Geschichte hinreichend Aufklärungsarbeit geleistet, dass alle sich einig sind wie schwer das Unrecht wiegt, wie sensibel das Thema noch heute ist, wie relevant es für unsere Zukunft und unsere Politik ist. Dass wir alles tun müssen, damit dies gar nicht wieder aufkeimen kann. Dass wir den Opfern zuhören müssen. Dass wir offizielle Entschuldigungen und Entschädigungen brauchen. Dass verallgemeinernde Aussagen über diese Menschengruppe hoch kritisch sind. Das ist mit Blick auf die Greueltaten, die an anderen Menschengruppen begangen wurden, leider noch nicht selbstverständlich. Deswegen brauchen wir den Vergleich. Um sagen zu können: Was passiert ist, ist nicht 100% gleich. Aber in dem Maße, in dem es gleich ist ("Parallelen") seid ihr eurer Verantwortung noch nicht nachgekommen.

    5. Ruprecht Polenz
      Ruprecht Polenz · vor einem Monat

      @Chiara Marquart-Tabel Jeder Genozid steht für sich und braucht keine Vergleiche, denn die normativen Kriterien stehen seit der Völkermord-Konvention von 1948 fest. Wenn wir jetzt mit der namibischen Regierung darüber verhandeln, welche Konsequenzen aus dem Völkermord an Herero und Nama folgen sollen, beziehen wir uns konkret auf dieses Verbrechen.

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