Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kuratoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik empfehlen
und kommentieren die besten Inhalte im Netz.

Du befindest dich im Kanal:

Volk und Wirtschaft

Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
Zum piqer-Profil
piqer: Christian Huberts
Montag, 10.04.2017

Relative Armut, aber absolut erhöhte Sterblichkeit

Es ist sinnvoll, verschiedene Grade und Referenzräume von Armut zu definieren. Gerade die so genannte „relative Armut" hat jedoch ein Wahrnehmungsproblem. Ist man nicht betroffen, klingt „relativ" harmlos, schließlich sind per Definition alle Grundbedürfnisse, wie etwa ausreichende Ernährung oder ein Dach über dem Kopf, gedeckt. Gerade in der politischen Rhetorik wird die Tragweite relativer Armut so immer wieder verharmlost – ob es um Krankenversicherungs-Kosten vs. iPhone-Kosten in den USA geht oder die Abhängigkeit vom deutschen Sozialstaat als vermeintliche „Hängematte". Wenn Armut nur relativ zum Wohlstand einer Gesellschaft existiert, kann sie nicht so schlimm sein, oder?

Tatsächlich zeigt aber auch die relative Armut gravierende Folgen. Panorama macht mit einem 10-minütigen Videobeitrag auf ein besonders deutliches Beispiel aufmerksam: Wer in Deutschland von relativer Armut betroffen oder bedroht ist, stirbt bis zu zehn Jahre früher als Menschen, die als wohlhabend gelten. Diese Angaben basieren auf Studien des Robert Koch Instituts, das sich in der Vergangenheit immer wieder mit dem negativen Einfluss von relativer Armut auf die Gesundheit auseinandergesetzt hat. Der Unterschied in der Sterblichkeit lässt sich dabei nur zum Teil durch individuelles Risikoverhalten erklären. Prof. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, nennt ebenso psychischen Druck durch beengte Lebensverhältnisse und mangelnde gesellschaftliche Teilhabe sowie allgemein schlechte Arbeitsbedingungen als Faktoren. Der massive Anstieg der „Deaths of Despair" in der US-amerikanischen Arbeiterklasse untermauert diese These.

Laut Rosenbrock stellt das Ungleichgewicht natürlich ebenso einen sozialpolitischen Skandal dar:

Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit.
Relative Armut, aber absolut erhöhte Sterblichkeit
8
3 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Werde piqd Mitglied für unter 4€ pro Monat!