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Volk und Wirtschaft

Libanon – Erzwungene Migration als Wirtschaftspolitik

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlFreitag, 05.11.2021

Laut Weltbank befindet sich der Libanon in einer der schwersten Wirtschaftskrisen, die die Welt seit gut 150 Jahren erlebt hat. Wichtige ökonomische Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit und das BIP lassen sich kaum noch sinnvoll messen. Interessant, dass es sich dabei um eine bewusste Wirtschaftspolitik der Eliten handeln soll – ein Lehrbeispiel für toxische Macht- und Finanzpolitik:

Die Weltbank nennt es eine „absichtliche Depression“, das Ergebnis eines „politischen Konsenses zur Verteidigung eines bankrotten Wirtschaftssystems, von dem wenige lange profitiert haben“ und der die gesamte politische Klasse des Landes und jede Regierung, die seit den 1990er Jahren an der Macht war, einbezog.

Noch zu Beginn der 2000er Jahre wurde der libanesische Bankensektor für ein "Wirtschaftswunder" gelobt. 

2009 wurde Riad Salamé, Gouverneur der Banque du Liban, zum Zentralbanker des Jahres gewählt. Gegen den Rat des IWF hatte er den Kauf von Subprime-Hypothekenpapieren verboten, darauf bestanden, dass Investitionen in Derivate von der Zentralbank genehmigt werden müssen und dass die Bankreserven auf konservativen 15 Prozent an Fremdwährungseinlagen gehalten werden. Infolgedessen hat der Libanon sich 2008 an der  Finanzkrise vorbei geschlängelt. 

Das Kapital floss insbesondere aus der Diaspora, so dass sich bis 2016 die Devisenreserven der Banque du Liban mehr als verdreifachen konnten. Dieser Zufluss begann, auszutrocknen, als sich die westlichen Volkswirtschaften erholten, die syrische Revolution zum Krieg wurde und die USA drohten, Sanktionen gegen das libanesische Bankensystem zu verhängen, um dieses zu zwingen, das Geldwäschesystem der Hisbollah einzudämmen. Mit hohen Zinssätzen für die, die Dollareinlagen in libanesische Lira umwandelten, gelang es noch, die Krise eine Zeit lang abzuwehren. 
Aber heute sieht es sehr ähnlich aus wie die Schlussphase eines Ponzi-Schemas. Covid-19 und die Explosion im Hafen von Beirut im vergangenen August waren nur die jüngsten Schocks für ein System, das auch so nicht mehr hätte gerettet werden können.

Ein Ponzi-Schema ist ein Betrugssystem im Finanzsektor, in dem (ähnlich einem Schneeballsystem) die Anzahl der Teilnehmer ständig exponentiell wachsen muss, um nicht zu kollabieren. Dabei werden mit den Beiträgen neuer Teilnehmer die Gewinnausschüttungen der bestehenden Teilnehmer gezahlt. Im Falle Libanons waren die Migranten die bisher wachsende Quelle der Devisen und das soll wohl (aber kann nicht?) so bleiben:

Das Land hat eine lange Geschichte der Auswanderung: Die Bevölkerung des Libanon beträgt etwa sechs Millionen, und allein in Brasilien gibt es sieben Millionen Libanesen. Schätzungen zufolge sind 40 Prozent der Ärzte und 30 Prozent der Krankenschwestern seit 2019 gegangen. Es wird normalerweise als Braindrain bezeichnet, aber es scheint mir, dass Auswanderung seit Generationen von Herrschern das Wirtschaftsmodell ist. Vermeiden Sie progressive Steuern, bieten Sie keine öffentlichen Dienstleistungen an: Die Menschen werden in großer Zahl gehen, was in Ordnung ist, solange die Diaspora immer noch Anreize hat, ihr Geld hier zu parken - und künstlich hohe Zinssätze dafür sorgten, dass sie es taten.. 

Zusätzlich scheinen nun libanesische Politiker die Drohung mit verstärkter Auswanderung als Verhandlungsinstrument zu nutzen. Den europäischen Regierungen wird klar gemacht, dass sie mit einer Flut von Flüchtlingen rechnen müssen, wenn sie nicht die Hilfsgelder für Syrer im Libanon aufstocken. 

Inzwischen ebben die Protestausbrüche ab, die Menschen kämpfen um ihr Überleben. "Die Wirtschaftskrise hat den Aufstand niedergeschlagen, nicht beschleunigt." Der Wert der Lira zum Dollar sinkt und sinkt, die Banken schließen, um das Abfließen von Dollars zu verhindern und die 
größten Einleger (sind) damit beschäftigt, ihr Geld aus dem Land zu holen: Es wird geschätzt, dass zwischen Oktober 2019 und dem folgenden Juli 6 Milliarden Dollar entfernt wurden. Hunderte libanesische Unternehmen und Einzelpersonen erschienen in den Pandora Papers Lecks von Offshore-Finanzdaten. Einer von ihnen war Salamé, der Mann, der die Zentralbank seit fast dreißig Jahren leitet.

Die Folgen fürs Volk schildert der Artikel drastisch. Die Menschen fragen sich:

„Wie kommen wir raus?“ Haben Sie einen ausländischen Reisepass? Ein Visum? Wenn nicht, werden viele über die gefährliche Reise durch das Mittelmeer nachdenken. Die ersten Boote sind bereits gestartet.

Die Europäer werden es vielleicht richten wollen aber wohl nicht können – oder?

Libanon – Erzwungene Migration als Wirtschaftspolitik

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Kommentare 2
  1. Hartmut Bischoff
    Hartmut Bischoff · vor 27 Tagen

    Danke für den interessanten Link.
    Tatsächlich ist die libanesische Diaspora legendär. Es ist das übliche Schema: Das Kapital ist in den Händen der (FDP-Sprech:) Leistungsträger, der Staat hält sich aus allem raus.
    In sofern : Nothing New

    Der dramatische Zustandsbericht über den Verfall der Lira ist allerdings eine neue Qualität.
    Da frage ich mich, ob das nicht auch mit dem global erwachten Interesse an alternativen Zahlungssystemen zu tun hat. StableCoins sind in aller Munde. Kapital (nicht Geld) entzieht sich der staatlichen Kontrolle.
    Interessant wäre, wie verbreitet die Akzeptanz von Krypto-Zahlungsmitteln, wie Nano, StableCoins oder auch Bitcoin im Land aufgrund des Scheitern des Staats inzwischen ist.
    Vielleicht schafft sich ja ein Staat einfach ab und der Libanon entwickelt sich zum libertären Paradies.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 27 Tagen

      Na ja, bei uns wächst der Staat ja noch und hält sich nirgends raus. Insofern haben wir hier m.E. eine grundlegend andere Situation. Aber natürlich, auch unsere Institutionen können zerbrechen.

      Kapital existiert im Libanon kaum. Sonst wären sie dort an Arbeitskräften im Land interessiert. Was man dort sieht ist eher bewaffneter Feudalismus aus Clans und Raubrittern. Dazu die Hisbolla. Mit Kapitalismus, Demokratie oder Libertär hat das nichts zu tun.

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