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Volk und Wirtschaft

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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piqer: Thomas Wahl
Sonntag, 20.12.2020

Hohe Staatsschulden und Inflation – ein Zusammenhang?

Die Frage, ob hohe Staatsverschuldungen früher oder später zu Inflation führen, ist nicht neu. Ökonomen und Wirtschaftshistoriker diskutieren darüber schon länger. Das Phänomen der Staatsverschuldung kennt man mindestens seit dem römischen Reich:

Während des römischen Reichs nahmen Regierungen jedoch nur ausnahmsweise Schulden auf, im Mittelalter hingegen begann die Hochphase der Staatsverschuldung. Insbesondere Kriegsausgaben trieben die Staatsschulden in die Höhe. Bereits im 12. Jahrhundert entwickelte sich der öffentliche Kredit, als im Jahre 1121 der italienische Stadtstaat Genua Darlehen von Bankiers zu einem Kreditzins von 25 % erhielt, der 1169 sogar auf 100 % anstieg.

Die Frage, ob zunehmende Verschuldung zwangsläufig zu Inflation führt, wurde in den Diskussionen nie völlig geklärt. Weder theoretisch noch empirisch. Es gab immer konkurrierende Hypothesen sowie solche und solche Fälle.

Jetzt, wo die Bekämpfung der Pandemie die Staatsverschuldung in vielen Ländern über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) getrieben hat, warnen wieder einige Ökonomen vor dem Risiko der Inflation. Auch der “Economist” weist jüngst in einer Titelgeschichte auf das Inflationsproblem hin – allerdings als eines, das von den meisten Ökonomen und Investoren aktuell eher verdrängt wird:
Over the 1970s rich-world inflation averaged 10 % a year. In the 2010s the rate stayed stubbornly below 2 % a year. That is one of the reasons that the small but vocal band of economists and investors that is once again worried about excessive price rises is by and large being ignored. The agenda for a big conference on central banking to be held in February has copious space for financial instability, climate change and inequality but barely any for inflation—despite taking place in Germany, a country which, since Weimar, has all but fetishised sound money.

Noch bewirken die Anleihekäufe der Zentralbanken ja auch, dass die Finanzierung der Staatsschulden als gesichert erscheint. 

Im Wirtschaftsblock von Gerald Braunberger werden zunächst einige theoretische Positionen zur Problematik erläutert. So etwa die "alten" keynesianischen Modelle:

Demnach sorgt expansive Finanzpolitik für eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Ob sich diese Nachfrage eher in Wirtschaftswachstum oder in Inflation niederschlägt, hängt von der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve ab. Eine generelle Aussage lässt sich nicht treffen: Inflation ist möglich, aber nicht zwingend. In diesen Modellen wird zumeist nicht die Finanzierung der Staatsverschuldung durch die Zentralbank angenommen.

Oder auch in jüngeren Szenarien, in denen Ökonomen von einer “nicht-gedeckten fiskalischen Expansion” sprechen,

denn der Staat erhöht seine Schulden ohne Ankündigung, sie durch spätere Steuererhöhungen zurückzahlen zu wollen. Das relativiert zeitgenössische Thesen von Ökonomen, der Staat werde durch Wirtschaftswachstum aus seiner Verschuldung wachsen: Das kann schon sein, es ist jedoch auch möglich, dass der Staat nicht durch reales Wachstum, sondern durch Inflation aus seinen Schulden wächst.

Die Theorien und Modelle geben also keine eindeutigen Prognosen. Was sagen die historischen Erfahrungen? Hier unterscheidet Braunberger Schulden in Kriegs- und in Friedenszeiten.

Kriege sind häufig Zeiten gewesen, in denen Regierungen sich massiv verschuldeten, und so liegen zahlreiche Episoden vor, in denen Inflation die Folge war. ... Schuldenfinanzierung in Kriegen braucht aber nicht unbedingt zu Inflation zu führen. Das Gegenbeispiel ist das Großbritannien des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, das sich in Kriegen verschuldete und gleichzeitig die Steuern erhöhte, nach der Rückkehr des Friedens die Steuern aber hoch hielt und so die Schuldenlast allmählich wieder zurückführte.

Bekanntlich hat es auch in den friedlichen Zeiten der Moderne hohe Inflationsraten gegeben – z. B. 1965 bis 1980 in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.

In beiden Ländern dominierte damals die Überzeugung, Inflation sei vor allem ein durch Kostendruck beeinflusstes Phänomen, dem man im Zweifel mit Lohnpolitik entgegentreten könne. Die wirtschaftspolitische Priorität waren Wirtschaftswachstum und Beschäftigung und hierfür war man auch zu expansiver Finanz- und Geldpolitik bereit.

Erst in den 80er Jahren bekam man das mit einer sehr straffen Geldpolitik in den Griff. Wir müssen also jetzt nicht in Angst vor einer Inflation erstarren. Dennoch gilt, solange die Blase nicht platzt, ist das System stabil. Also Achtsamkeit...

Hohe Staatsschulden und Inflation – ein Zusammenhang?

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Kommentare 2
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 29 Tagen

    Interessanter Beitrag zum Thema:
    "Kelton: Das Ende des Geldsystems von Bretton Woods markiert den Beginn der Welt, die meine Kollegen und ich in unserer Geldtheorie beschreiben. Modern Monetary Theory will die kapitalistische Ordnung nicht stürzen, sondern in ihr wirken. Wir entlarven lediglich gewisse Mythen der Haushaltspolitik: die Regierung als Bittsteller? Staaten, die ihre eigene Währung drucken und sich in dieser Währung verschulden – ich spreche dann von geldpolitisch souveränen Staaten –, kann das Geld nicht ohne Weiteres ausgehen. Sie können sich großzügigere Sozialversicherungs- und Bildungssysteme leisten, als uns die Zuchtmeister der Haushaltskonsolidierung weismachen wollen. ......

    ZEIT: Wenn Staaten das Geld ihrer Bürgerinnen und Bürger gar nicht brauchen – warum zahlen wir dann überhaupt Steuern?

    Kelton: Nehmen wir an, die US-Regierung würde alle Steuern aussetzen, aber ihre Ausgaben nicht einschränken. Wenn ich dann keine Steuern mehr zahle, kann ich mehr Geld ausgeben – bloß kann die Volkswirtschaft mit ihren Arbeitskräften gleichzeitig nur eine begrenzte Menge an zusätzlichen Gütern und Dienstleistungen anbieten. Irgendwann sind die Kapazitäten erschöpft, und das Angebot hält nicht mehr Schritt mit der wachsenden Nachfrage. Dann werden die Produkte und Dienstleistungen teurer, und mein Dollar ist weniger wert. Saugt ein Staat in einer solchen Situation nicht als Steuereintreiber wieder Geld aus einer Volkswirtschaft heraus, steigt der Inflationsdruck.

    ZEIT: Steuern dienen der Inflationsbekämpfung?

    Kelton: Ja. Die Inflation steht bei der Modern Monetary Theory immer im Mittelpunkt. Ich kämpfe ja gerade deshalb gegen künstliche Beschränkungen wie die Haushaltsdisziplin, um die echten Budgetzwänge in den Blick nehmen zu können – das Inflationsrisiko. Ich habe im Haushaltsausschuss des US-Senats gearbeitet, und während meiner ganzen Zeit dort habe ich nicht ein einziges Mal gehört, dass ein Senator oder einer seiner Referenten das Wort "Inflation" in den Mund genommen hätte. Darüber denken die gar nicht nach. Aber das sollte man, wenn man mit astronomischen Summen um sich wirft!

    ZEIT: Muss man tatsächlich so viel nachdenken über Inflation? Der gesunde Menschenverstand sagt: Eine Währung ist entsprechend weniger wert, wenn mehr davon gedruckt wird.

    Kelton: Die Dinge liegen komplizierter. Der Zusammenhang zwischen Geldschöpfung und Inflation ist längst nicht so eindeutig, wie viele denken. Erstens kann man die Geldmenge vergrößern, ohne dass es zu Inflation kommt – das ist ein Phänomen, das viele Zentralbanken inzwischen beobachten. Ob nun die Euro-Zone, die USA oder Japan, seit Jahren versucht man, das selbst gesteckte Ziel einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent zu erreichen – aber liegt drunter. Warum das so ist, ist unklar. Und zweitens kann die Inflationsrate nach oben schnellen, ohne dass dies ausschließlich auf die wachsende Geldmenge zurückzuführen wäre. Ein bekanntes Beispiel ist die Ölkrise in den 1970er-Jahren, die zu steigenden Preisen führte. Wir sprechen dann von Kostendruckinflation. Grundsätzlich sollten wir Volkswirte viel bescheidener sein. Über die verschiedenen Arten von Inflation und ihre Ursachen wissen wir nach wie vor viel zu wenig. ....."
    https://www.zeit.de/20...

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 29 Tagen · bearbeitet vor 29 Tagen

      Und so geht es weiter ....

      "Kelton: Dass wir so tun, als müssten Staaten wie Privathaushalte wirtschaften, ist ein folgenschwerer Fehlschluss. Anstatt zu fragen, wer für die Ausgaben aufkommen soll, wäre es besser, zu fragen, ob genügend echte Ressourcen für die geplanten Projekte bereitgestellt werden können: Arbeitskräfte, Maschinen, Know-how. Das ist eine völlig andere Herangehensweise, als wir sie aus privaten Haushalten kennen.

      ZEIT: Ein Privathaushalt kann nicht über seine Verhältnisse leben. Ein Staat kann das Geld einfach verprassen?

      Kelton: Natürlich nicht. Im Parlament über den Haushalt zu beraten kommt der Arbeit an einem moralischen Dokument gleich. Man muss zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielsetzungen wählen und Prioritäten setzen und darf dabei nie aus dem Auge verlieren, dass es sich nicht um abstrakte Zahlenspiele handelt, sondern um einen Dienst an der Allgemeinheit, pathetischer ausgedrückt: am Volk. Solange in einem geldpolitisch souveränen Staat ausreichend Ressourcen vorhanden sind, lassen sich auch die nötigen finanziellen Mittel finden. Einem privaten Haushalt steht diese Option nicht zur Verfügung. Wer den Staat zur Hausfrau umdeutet, legt das Nachdenken über die Möglichkeiten von Politik in Fesseln."

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