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Europa

Warum und wie überleben Demokratien überhaupt?

Thomas Wahl
Dr. Phil, Dipl. Ing.
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Thomas WahlMittwoch, 06.03.2024
Im "MERKUR„ wirft Thomas Etzemüller, mit Blick auf die 30er Jahre, die Frage auf, wie stabil Demokratien damals eigentlich waren und heute wieder sind? Das eigentliche Wunder ist doch, warum und wie so komplizierte Gebilde wie Demokratien funktionieren. Aber unser Blick in das 20. Jahrhundert beschäftigt sich meist damit, warum sie so oft pervertierten und untergehen konnten. Nicht warum doch einige Bestand hatten und sich die Idee der Demokratie nach den 2. Weltkrieg wieder erholt hat?

Der Autor hat sicher recht, viele unserer einflussreichen und vielgelesenen Historiker haben in ihren Geschichtswerken zu Europa im 20. Jahrhundert diese Ambivalenzen eher eliminiert:
Die Titel sind sprechend: Age of Extremes (Eric J. Hobsbawm), Höllensturz (Ian Kershaw), The Dark Valley (Piers Brendon), Das Europa der Diktaturen (Gerhard Besier). In solchen Darstellungen wird die europäische Geschichte latent in eine Korridorperspektive gezwängt: Der politische Gegensatz von Demokratie und Diktatur zieht sich von der (stalinistischen) Sowjetunion über das Deutschland des (totalitären) »Sonderwegs« hinüber zum demokratischen Großbritannien, nebenan Frankreich, im Hintergrund die USA. Länder jenseits des Korridors, die dieses Bild modifizieren würden, und die zentraleuropäischen, etwas eigentümlichen Demokratien der Niederlande oder Belgiens, die ihre Konflikte damals erfolgreich in »Säulen« gegossen oder in ein permanentes Krisenmanagement transformiert hatten, werden in der Regel ignoriert.
Aus der Sicht einer solchen Geschichtswissenschaften ergibt sich fast zwangsläufig das Bild der erneut drohenden Zerstörung der europäischen Demokratien. Zumindest, wenn wir nicht mit sehr dramatischen Aktionen dagegenhalten.
Wieder scheint eine komplexe, multiple Krisensituation moderne Gesellschaften zu überfordern. Damals aufgrund der Folgen des Weltkriegs, von Inflation und der unkontrollierbaren Weltwirtschaftskrise, die im Mittleren Westen der USA mit einer ökologischen Katastrophe einherging. Heute Klimawandel, Kriege und Flüchtlingskrise. Die Zeit politischer Utopie scheint beendet, und mit zahllosen Feuerwehraktionen bekommen die westlichen Gesellschaften ihre Wald- und politischen Brände nur noch mühsam und kurzfristig unter Kontrolle.
Dabei sollte, mit Luhmann gesprochen, klar sein, dass man in modernen komplexen Gesellschaften Stabilität nur bedingt erwarten darf. Dank zahlloser Variationsmöglichkeiten lassen sich gegebene Relationen und Strukturen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dauerhaft stabilisieren. Wir werden also mit Friktionen, Instabilitäten und nicht planbaren Übergängen in neue Strukturen leben müssen. Wie können wir helfen, diese mit möglichst wenig Gewalt und totalitären Maßnahmen zu überstehen, fragt m.E. zu Recht:
Indem wir analysieren, wie Brandstifter und Opportunisten schon einmal vorgegangen sind? Oder indem wir diejenigen optimistischen Pragmatiker in den Blick nehmen, die seinerzeit Demokratien am Laufen gehalten haben? Warum gibt es zahlreiche Forschungsprojekte zu Gewalt und antidemokratischen Akteuren, aber keines – oder kaum eines – zur friedlichen Kooperation? Ergibt sich das aus der Sache selbst oder bloß aus heutigen Rezeptionsmustern? Aus der selbstzerstörerischen Dynamik der medialen Aufmerksamkeitsökonomie – Zersetzung »sells« –, an der Lust an multiplen Katastrophen? Wenn wir so betont einseitig auf die Geschichte der Demokratie blicken – warum reden wir uns dann ein, sie verteidigen zu wollen?
Das Problem dabei fängt schon bei der Interpretation und den Entscheidungen ab, wann Staaten eigentlich Demokratien sind. Etzemüller weißt mit vielen interessanten Beispiel auf die Unschärfe solcher quantitativer und/oder qualitativer Analysen und Konzepte hin. 
Stehen mehrere Parteien zur Wahl? Verhindert ein Staat Wahlbetrug? Ist die Regierung gegenüber dem Parlament verantwortlich? Liegen das Bruttosozialprodukt unter oder über 200 Dollar, der Urbanisierungsgrad unter oder über 50 Prozent, die Alphabetisierungsquote unter oder über 75 Prozent? Sind mindestens 50 Prozent der Erwachsenen – oder der Männer – wahlberechtigt? Schon mit dem Kriterium »universales Wahlrecht« könnte man »die USA erst ab 1920, Großbritannien erst ab 1928 und etwa Belgien, Frankreich und die Schweiz in der Zwischenkriegszeit zu keinem Zeitpunkt als Demokratien einstufen«. Deshalb macht der Politologe Steffen Kailitz für diese Zeit gar keine vollendete Demokratie aus.
Die kurze Schilderung von Beispielen unterschiedlicher europäischer Staaten, die sich damals als »Demokratien in einer Grauzone zwischen Scheitern und Überleben bewegen« bewegten, ist sehr lesenswert. Aber bewußt auch irritierend. Ich denke, wir müssen in unseren Auseinandersetzungen zu Demokratie und ihren Gefährdungen einerseits viel differenzierter und genauer werden. Andererseits aber auch skeptischer, irritierter, was unsere schwarz/weiß Narrative und "Feindbilder" betrifft.  Und gelassener?

Warum und wie überleben Demokratien überhaupt?

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Kommentare 7
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor einem Monat

    Ja mir fehlen oft auch die weniger europäischen bzw. angeblich "typischen" Demokratien in der Diskussion.
    Belgien. Libyen (als Struktur). Etc.
    Wobei ich es immer schon ...witzig... fand, dass als klassische Demokratie eine Monarchie gilt: GB : - )...

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Monat

    Das ist eine einseitige Interpretation. Nur zwei Beispiele: Extreme heißt bei Hobsbawm, dass in keinem Jahrhundert zuvor so viele gewaltsam starben, aber die Menschheit am Ende sich deutlich vermehrt hat. Der Titel von Kershaw bezieht sich auf die Weltkriegszeit, nicht auf das 20. Jahrhundert. Es ist der erste Band.

    1. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

      Hast Du mir nicht geschrieben: "Die Alternative zu einem nicht überwundenen Kapitalismus benennt Hobsbawm im letzten Wort seines ZEITALTER DER EXTREME: Finsternis." ? Und sind nicht die überlebenden Demokratien mit dem Kapitalismus plus Sozialstaat ziemlich gut gefahren?

    2. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor einem Monat

      @Thomas Wahl Ja, das der Ausblick auf das 21. Jahrhundert. Und er geht davon aus, dass das die Menschheit schafft.
      Oben geht es um die Einschätzung des 20. Jahrhunderts.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat · bearbeitet vor einem Monat

      @Achim Engelberg Nun ja, sein Ausblick auf das 21. Jh. war am Ende des 20.Jh. also auch von der Untergangsperspektive geprägt. Weil mit Kapitalismus ja keine demokratische Perspektive denkbar sei? Und ein konkretes positives Szenario ohne Kapitalismus nicht in Sicht ist? Sollten wir da nicht doch erst mal analysieren, wie es die europäischen Staaten damals mit Kapitalismus geschafft haben?

    4. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor einem Monat

      @Thomas Wahl Man könnte auch Aufbruch schreiben. Aber das ist ein anderes Thema.
      Im Piq geht es ja ums 20. Jahrhundert und dort zeigt Hobsbawm scharf Ambivalenzen.

    5. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Achim Engelberg Ja, ok. Ich verstehe was Du meinst. Aber die Kritik ist ja nicht, dass überhaupt keine Ambivalenzen gezeigt werden. Sondern das die gesellschaftlichen Ambivalenzen zwischen Demokratie und Diktatur eben in eine Korridorperspektive des Untergangs von Demokratie gezwängt werden. Und eben nicht durch eine Analyse des Überlebens oder der Wiederauferstehung. Ich habe die Formulierung etwas konkretisiert.

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