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"Briefe an mich" – über einen queeren Selbstfindungsprozess

Susanne Franzmeyer
Piqer für Radio Features
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Susanne FranzmeyerMontag, 25.04.2022

Die Autorin des Features "Briefe an mich – Zwiegespräch mit meinem queeren Ich", Esther Schelander, packt für die Hörerschaft in diesem Feature eine sehr persönliche Kiste aus. Es ist eine Kiste mit Briefen, die sie seit etlichen Jahren immer mal wieder an ihr zukünftiges Ich geschrieben hat. Den ersten schrieb sie mit 11 Jahren. Sie sind adressiert an "die 35-jährige und damit uralte" oder "die 60-jährige" Esther. Und für dieses Feature schreibt sie einen neuen Brief an sich, an die Esther in der Zukunft gerichtet, doch die Hörerschaft nimmt sie dabei mit.

"Ich erinnere mich nicht mehr, wie es dazu kam. Ich weiß nur, dass dieser Postkarte weitere Briefe folgen sollten."

Die Autorin wirft dabei auch einen Blick zurück auf ihr altes Ich, stellt Fragen, wundert sich und benennt Dinge, die in ihren Briefen der jüngeren Esther keinen Ausdruck fanden, aber immer mitschwangen. Im Zentrum die Frage nach ihrer sexuellen Identität.

"Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich in Liebesdingen noch nie was getraut. Wie zum Beispiel zugeben, dass jemand toll ist. Mir hat das ganz schön Stress gemacht. Da war der Gedanke: Ich bleibe übrig. Ich verpasse Erfahrungen, die ich später nicht mehr aufholen kann. Weil es peinlich ist, mit über 20 nicht zu wissen, wie ein Zungenkuss geht, wie Sex geht."

Sie erinnert sich, dass sie als junge Esther auf der Suche war: Stand sie auf Männer oder auf Frauen? Mit einer ersten Beziehung zu einem Mann, Mika, schien die Frage beantwortet. Ein beruhigendes Gefühl stellte sich ein, alles schien geklärt. Aber das war es mitnichten. Es gab mit Mika äußerst unschöne Momente, die sie in den alten Briefen verschwiegen hatte, und die sie erst heute zu Papier bringen konnte. Von Schlägen, Beleidigungen und verbaler Gewalt ist die Rede. Alles hat sie genau abgespeichert. Trotzdem verschwieg sie es in ihren alten Briefen. Warum?

Die Autorin sucht nach Antworten, kämpft sich durch alte BRAVO-Ausgaben hindurch, schaut sich die prägenden Filme ihrer Jugendzeit wieder an, und findet auch darin Antworten auf die Frage, woher die unguten Gefühle und Unsicherheiten von damals gekommen sein konnten, und warum es nicht-binären Menschen so schwer gemacht wurde und wird, ihre sexuelle Identität zu finden oder Antworten auf die essenziellen Fragen in Sachen Liebe und Sexualität zu erlangen und dazu zu stehen.

"Was homosexuelle Erfahrungen betrifft, ging man bei der BRAVO von zwei Sorten von Jugendlichen aus: Eine Hälfte, so dachte man, wird später heterosexuell leben. Sie probiert nur aus. Die andere Hälfte hat eine so genannte gefestigte homosexuelle Orientierung. Wen sie warum in welche Kategorie einordnet, kann ich nur raten. Der Historiker In het Panhuis hat die Antworten der BRAVO ausgewertet. Er stellt fest: Mädchen wurde eine gefestigte Identität seltener zugestanden und auch erst ab einem bestimmten Alter."

Schelander fällt beim Lesen der BRAVO auf, dass sich z. B. Hinweise, dass die sexuelle Identität noch nicht gefestigt sein müsse, nur unter queeren Erfahrungen befinden. Dabei gibt es gerade unter queeren Menschen viele, deren erste sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht stattfinden, so wie es bei ihr der Fall war. Denen hätte ein solcher Hinweis umso mehr geholfen.

"Damals kommt bei mir folgendes an: Meine Verliebtheiten in Mädchen sind vielleicht nicht echt. Was wirklich ist, kann sich erst später zeigen. Die BRAVO rät: misstraue deinen Gefühlen. Warte ab. Zurück bleiben Zweifel, zumindest bei mir. (...) Im Rückblick fällt mir auf: Ständig beobachte ich mich kritisch. Und ständig entwerte ich meine eigenen Erfahrungen und Gefühle."

Heute hat sie die lange Suche hinter sich und hat ihren Platz gefunden. Sie lebt mit ihrer Partnerin zusammen. Die Kiste mit den Briefen steht auf dem gemeinsamen Sofa. Wie wichtig es ist, Jugendlichen in Filmen und Jugendmedien geeignete Vorbilder zu bieten, an denen sie sich auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität orientieren können, wird in Esther Schelanders erster Feature-Produktion sehr deutlich. Toll erzählt und schön umgesetzt.

"Briefe an mich" – über einen queeren Selbstfindungsprozess

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Kommentare 1
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · vor 5 Monaten

    Sehr beeindruckender Beitrag. Sehr klar, verletzlich und erhellend an so vielen Stellen. Die Selbstreflektion und Verarbeitung von Gefühlen per Briefe an einen selbst finde ich glänzend.

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