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Der wahre Grund für die Flucht aus dem Pflegeberuf

Krautreporter Redaktion
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Krautreporter RedaktionMittwoch, 05.05.2021

Das Problem ist nicht neu: Viele erfahren Pflegefachkräfte verlassen nach durchschnittlich siebeneinhalb Jahren ihren Beruf. Zusammen mit dem Nachwuchsmangel führt die Unattraktivität des Berufs zu einem Pflegenotstand in Deutschland. 40.000 bis 100.000 Vollzeitstellen können nicht besetzt werden, so die Schätzungen.

Die Pandemie treibt die Flucht aus der Pflege an. Laut einer Umfrage denken 30 Prozent der befragten Pflegefachkräfte darüber nach, aufzugeben. Die hinlänglich bekannte Erklärung: zu schlechte Arbeitsbedingungen bei zu wenig Geld.

Silke Jäger schreibt: Diese Erklärung greift zu kurz. Über den wahren Grund der Pflegeflucht wird zu wenig gesprochen. Auch deshalb, weil die Dynamik dahinter selbst den Betroffenen oft nicht bewusst ist – geschweige denn den Arbeitgebern oder der Gesellschaft.

Menschen, die in der Medizin arbeiten, fühlen sich also sowohl durch ihr eigenes Wertesystem als auch durch das ihres Berufsstandes moralisch stark verpflichtet, Gutes und Richtiges zu tun und Schaden abzuwenden. Dieses Wertesystem trifft nun in der deutschen Realität auf ein Gesundheitssystem, in dem zum Teil ganz andere Werte im Vordergrund stehen, nämlich materielle. Jede medizinische Leistung wird durch eine Abrechnungsziffer codiert. Nur wenn Krankenhäuser und Praxen diese Codes an Krankenkassen schicken, bekommen sie Geld überwiesen. Das heißt auch: Je mehr Leistungen sie codieren, desto mehr Geld fließt.

Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sehen sich gezwungen, ihre Werte zu verraten, sowohl ihre individuellen als auch die ihres Berufsstandes. Das verletzt sie auf der moralischen Ebene. Schuldgefühle und Scham sind die Folge.

Thorben Müller, Stationsleiter, will nicht mehr Teil dieses Gesundheitswesens sein.

Jetzt will er kein Pfleger mehr sein, weil das System ihn jeden Tag dazu zwingt, falsch zu handeln: weniger zu tun, als nötig wäre oder etwas nur deswegen zu tun, weil die Klinik es abrechnen kann. Oft muss er dafür seinen Patient:innen und den Kolleg:innen Dinge zumuten, hinter denen er nicht steht.

Niemand kann dauerhaft gegen seine eigenen Überzeugungen arbeiten und dabei gesund bleiben. Moralische Verletzungen sind ein Übergangsphänomen: Die Menschen werden entweder krank, kriegen einen Burnout oder ein posttraumatisches Belastungssyndrom oder sie steigen ganz aus. Das sagt ein Psychiater, der Präventionsseminare für Pflegekräfte anbietet.

Der Präventionsforscher Neil Greenberg vom King's College in London hat am Anfang der Pandemie im British Medical Journal beschrieben, was moralische Verletzungen sind und warum es wichtig ist, die Pflegefachfrauen und -männer auf die Dilemmata vorzubereiten, die sie in der Pandemie erleben werden. Nur so können Arbeitgeber Strategien entwickeln, um dem Personal zu helfen, diese Phase durchzustehen.

In Deutschland gibt es Konzepte, die das leisten. Sie stammen aus der Militärmedizin. Denn moralische Verletzungen sind bei Soldat:innen ein bekanntes Phänomen, dem man zum Beispiel im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin mit einer werteorientieren Psychotherapie begegnet. Für das Gros der Pfleger:innen stehen solche Unterstützungsangebote aber nicht zur Verfügung.

Wenn die Gesellschaft in Pflegefachkräften Helden sieht, verschlimmert das die moralischen Verletzungen zusätzlich. Der Heldenmythos trifft auf ein Selbstbild, das durch Schuldgefühle stark belastet ist. Silke Jäger erklärt die dahinterliegende Dynamik ausführlich.

Der Begriff "moralische Verletzung" sollte in der öffentlichen Debatte über den Pflegenotstand eine viel größere Rolle spielen.

Die Fotos im Text hat Günter Valda gemacht. Er arbeitet als Fotograf und Pfleger auf einer Intensivstation in Österreich.

Der Artikel ist mit dem Link unten einige Tage für alle freigegeben. Krautreporter gibt es nur, weil Menschen wie du uns finanzieren – und mitmachen. Das verändert unseren Journalismus. Mehr über Krautreporter erfährst du hier.

Der wahre Grund für die Flucht aus dem Pflegeberuf

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Kommentare 6
  1. Dominik Lenné
    Dominik Lenné · vor 9 Monaten

    Hier wird mMn auch das grundlegende Problem der Motivation durch Geld gegenüber der Eigenmotivation angesprochen, Arbeit als Ware gegenüber Arbeit als verbindungfördende, als nützlich empfundene Tätigkeit. Das taucht überall auf.

    1. Silke Jäger
      Silke Jäger · vor 8 Monaten

      Ich sehe deinen Kommentar erst jetzt, lieber Dominik. Danke dafür.

      Ich beschäftige mich weiterhin mit dem Thema und mir wird immer klarer, dass es eine Kaskade ist, die mit einem schechten Gefühl beginnt, ausgelöst durch eine bestimmte Situation. Wenn dieses Gefühl nicht wahrgenommen und benannt werden kann, wird es schwierig. Weil sich bei Wiederholung der auslösenden Situation eine Überzeugung einstellt: Meine Schwierigkeiten zählen nicht. Und das ist eine Abwertung der gesamten Person, nicht nur dem arbeitenden Anteil (wenn man es so sagen darf, denn die Trennung ist ja uU schwierig und immer künstlich). Da werden Bedürfnisse nicht erfüllt, die zum Persönlichkeitskern eines Menschen gehören und Werte verletzen, die man nicht abspalten kann, ohne krank zu werden.

      Das Gesundheistsystem, aber auch andere Gesellschaftsbereiche, funktionieren in Teilen nicht. Diese Defizite versuchen zB Pflegefachkräfte oder Sozialarbeiter:innen durch Überanstrengung auszugleichen. Da werden negative Gefühle am Fließband erzeugt. Das kann man vllt nicht immer vermeiden, nein, kann man ganz sicher nicht. Aber dann muss gewährleistet sein, dass die Leute mit diesen Gefühlen irgendwo hin können. Dass man sie wahrnimmt, anerkennt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Sonst verlassen die Menschen irgendwann krank ihren Beruf. Oder Schlimmeres.

    2. Dominik Lenné
      Dominik Lenné · vor 8 Monaten

      @Silke Jäger Ich denke auch, die Isolierung der zu Pflegenden in speziellen Heimen ohne Durchmischung mit unbeeinträchtigten, einfach ihr Leben lebenden Menschen ist ein Problem sowohl für die Pflegenden als auch für Gepflegten. Bei Krankenhäusern ist das schwierig, wegen der medizinischen Anforderungen und auch wegen des blos temporären Charakters des Aufenthaltes, aber bei alten Menschen stelle ich mir ein gemeinschaftlicheres Leben vor, in dem Alte, kräftige Erwachsene verschiedenen Alters, Heranwachsende und Kinder vorkommen.

    3. Silke Jäger
      Silke Jäger · vor 8 Monaten

      @Dominik Lenné Dazu sagte die Tage jemand Schlaues im Radio (wer das war, hab ich vergessen): Selbst, wenn alle zusammenleben wollten, würde es an den hohen Mieten für aureichend große Wohnungen scheitern.

    4. Dominik Lenné
      Dominik Lenné · vor 8 Monaten

      @Silke Jäger Ja. Ist auch mehr so ein utopischer Gedanke von mir gewesen, man bräuchte schon ein ganzes Haus in der Stadt oder mehrere beieinanderstehende auf dem Land.

  2. Gabriele Feile
    Gabriele Feile · vor mehr als ein Jahr

    Danke.

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