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Literatenfunk

Ganze Tage in den Bergen

Ganze Tage in den Bergen

Monika Rinck
Autorin
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Monika RinckSonntag, 14.05.2017

Die Alpen, was ist über sie zu sagen? Tödliche Gletscher, ein Durcheinander aus Felsbrocken, Unkraut, Geröll und Weide, heißt es bei einem britischen Dichter.* Sie sind da, und wer sie umgehen will, muss einen richtig großen Umweg machen. "Dort sind die Alpen, Ihr Narren! Setzt euch hin und wartet, bis sie zerbröckeln." Das kann sehr lange dauern, weil sie sich gleichzeitig heben und senken, oder besser gesagt, mit den Worten Miek Zwamborns: "Wenn die Berge jährlich im Schnitt einen Zentimeter wuchsen und gleichzeitig einen Zentimeter erodierten, blieben sie uns jedenfalls noch eine Weile erhalten".

Miek Zwamborn hat ein sehr gutes, ernstes Bergbuch geschrieben, seine Handlung bewegt sich oberhalb der Baumgrenze, über Gletscher und Geröllfelder, entlang der Klippen an der englischen Küste, durch enge Höhlengänge, aber es führt auch auf Bergkristall-Festivals und in die Mineraliensäle der Naturkundemuseen dieser Welt, wo die Steine liegen, die sich alles merken. Auf Deutsch heißt das Buch: "Wir sehen uns am Ende der Welt". Der niederländische Originaltitel ist: "De duimsprong". Der Daumensprung – das ist eine Methode um Entfernungen zu einem Objekt oder dessen Größe zu schätzen. Offenbar misstraute der deutsche Verlag der Geläufigkeit des Fachbegriffs und entschied sich für ein Rendezvous, ein ungewisses, ins Leere gesagtes Versprechen.

Miek Zwamborn ist Autorin, Künstlerin, Übersetzerin, Park Rangerin auf der Isle of Mull, sie ist Algenforscherin, Dichterin und Wanderin – und offenbar eine Freundin extremer Umgebungen. Ihre plastischen Beschreibungen der Wanderungen führen mitten durch die Berge, Wort für Wort, Schritt für Schritt, auch in ihre Unwirtlichkeit hinein, wo Verluste drohen, von denen niemand je Genaueres erfahren wird. Die Wanderkarte zeigt nur "eine hauchdünne Schicht, auf die wir die Erde projizieren. Indem wir das Gelände wirklich betreten, einen Schritt auf die dreidimensionale Grundfläche setzen, schlagen wir ein Eisloch hinein, versinken wir in der Landschaft."

Das Buch beginnt mit einem aufgeregten Aufbruch zu einer alpinen Wanderung. Es soll auf den Tödi gehen, den höchsten Berg der Glarner Alpen, gemeinsam mit einem alten Freund namens Jens, der die Erzählerin schon auf vielen Wanderungen begleitet hat. Es geht hinauf, man sucht etwas, man findet etwas, bald kommt der erste Schnee, auch die Erschöpfung kommt – als würden meine Augen meinem Gehirn keine Daten mehr übermitteln – und erstmals tritt auch Albert Heim auf, ein Schweizer Geologe des 19. Jahrhundert, der sich auf Alpenmodelle spezialisiert hat. Albert Heim wird immer wieder erscheinen, seine Lebensgeschichte, seine Forschungen, essayistisch in die Handlung eingefügt, insbesondere nachdem Jens später, man weiß nicht wo und bei welchem Anlass, vielleicht bei einer anderen Wanderung, verschwunden ist. Da wird die gedankliche Auseinandersetzung mit Heim zu einem inneren Begleiter auf den weiteren einsamen Wanderungen der Erzählerin. Mit den Tönen der Wasserfälle hat sich Heim befasst (E, G und C), eine gefährliche Ballonfahrt über die Alpen unternommen, das absolute Alter der Steinzeit erforscht, seine Skizzen und Fotos, sowie weitere Illustrationen illustrieren den essayistischen Roman.

Nachdem Jens verschwunden ist, begibt sich die Erzählerin auf seine Spuren, obwohl es eigentlich keine gibt, denn sein Verschwinden hätte sich überall vollzogen haben können. "Wie sucht man jemandem, von dem man nicht weiß, wohin er gegangen ist?" Teils müssen Spuren erfunden werden, teils gibt es sie vielleicht bereits – so sucht sie zunächst die Orte auf, von denen er ihr Postkarten geschickt hatte, geht seine Wege, als würde das Nachgehen seiner Wanderungen ihrem Körper ein Archiv einprägen, als könnte sie sein Gedächtnis sein, als würde ihr Interesse ihn beschützen, ihn am Leben halten.

Sie folgt ihrem Interesse, folgt Gesteinsformationen, Hinweisen, Postkartenmotiven, Schwalben, trifft Mitarbeiter von Museen, deren Arbeit ja das Bewahren ist. Dies alles hat er also gesehen. Von hier erhielt sie eine Nachricht. Das sind die Sedimente der Erinnerung. "Die Landschaft ist die Welt und die Welt ist die Landschaft." Eine nicht ganz angenehme Form von Respekt löst das Hochgebirge aus. Es ist seine Gleichgültigkeit, die das tut.

"Ich war die Summe aller Orte, an denen ich je gewesen war, war der Ort selber, ungastlich und entschwindend, war irgendetwas in der Ferne. Ich atmete den Boden, rückte immer weiter. Wanderer und Wanderung und Landschaft zugleich wurde ich, ein flüchtiger Schatten. Ich wollte verschwinden, versuchte zu verschwinden, von den Bergen verschlungen zu werden."

Doch sie wird nicht verschlungen. Das Buch endet auf dem Friedhof, am Grab von Albert Heim. So geht es aus. 

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* Basil Bunting: On The Fly-Leaf Of Pound's Cantos

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Miek Zwamborn: Wir sehen uns am Ende der Welt.
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Nagel & Kimche Verlag
München, 2015.

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