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Banküberfälle im Libanon: Hände hoch, ich will mein Geld!

Lars Hauch
Researcher. Schwerpunkte: Mittlerer Osten, insbesondere Syrien.
Zum piqer-Profil
Lars HauchMontag, 19.12.2022

Für diesen Artikel hat Christoph Reuter mit ungewöhnlichen BankräuberInnen gesprochen. Mit Waffen, Attrappen und Benzinkanistern sind sie in libanesische Banken marschiert. Anstatt fremdes Geld zu klauen, wollten sie aber bloß an ihre eigenen Ersparnisse herankommen. Das ist im Libanon mittlerweile alles andere als einfach.

Da ist der 42-jährige Fitnesstrainer Bassam, der mit Schrotflinte in der Hand vom Filialleiter Zugriff auf 210.000 US-Dollar gefordert hat, Geld vom Erlös des Verkaufs seines Elternhauses. Bassam tut es im Nachhinein leid, dass er Angst verbreitet hat. Doch er brauchte das Geld, um für die Krankenhausrechnungen seines Vaters aufzukommen. Das Gesundheitssystem im Libanon befindet sich in einem desaströsen Zustand, Behandlungen und Medikamente müssen im Voraus bezahlt werden — in US-Dollar.

Der Filialleiter hielt Bassam hin. So viel Geld sei nicht vorrätig. Er müsse sich gedulden. Mittlerweile hatten draußen Spezialeinheiten Stellung bezogen. In der Bank waren lediglich noch Bassam, der Filialleiter, sowie zwei Angestellte und ein Kunde, die sich Bassam spontan anschlossen. Auch sie wollten an ihr Geld. Nach einigen Stunden hatte sich vor der Bank ein Solidaritätsprotest formiert. „Don’t give up! Fight! We are with you!“. Ein populäres Restaurant bot sich an, Mittagessen zu liefern. Ungewöhnliche PR in ungewöhnlichen Zeiten. Am Ende des Verhandlungsmarathons stand ein Angebot von 35.000 US-Dollar. Bassam akzeptierte und ergab sich.

Rund 20 solcher Fälle gab es mittlerweile. Im September stürmte Sally, eine junge Architektin, mit einer Spielzeugpistole eine Bank, um ihr eigenes Geld für die medizinische Behandlung ihrer krebskranken Schwester freizupressen. 20.000 US-Dollar brauchte Sally für die Behandlung, die Bank bot ihr lediglich 50 US-Dollar an. Auch in Sallys Fall formierte sich rasch ein Solidaritätsprotest.

Kurios: In keinem der Fälle wurde Anklage erhoben. Als Sally von einem Gericht freigesprochen wird, flüstert eine beisitzende Richtern lächelnd: „Ich habe auch Geld in der Bank liegen. Wenn Du da dran kommst, bekommst Du die Hälfte ab“. Auch Bassam, der Fitnesstrainer, hat Zuspruch von Polizeibeamten bekommen. Alle leiden unter der enormen Inflation und dem staatlichen Missmanagement.

Seit 2019 wird der Libanon von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert. Eine künstlich aufgeblasene Finanzblase ist geplatzt. Lange haben die Eliten des Landes von ihr profitiert, darunter ehemalige Warlords und religiöse Führer, die organische Verbindungen mit Wirtschaft- und Finanzwesen unterhalten. Im August 2020 kam oben drauf dann auch noch die verheerende Explosion im Hafen von Beirut, die Teile der Stadt verwüstete. Mehr als 95% seines Wertes hat das Libanesische Pfund mittlerweile verloren. Deshalb erlauben Banken nur begrenzte Abhebungen, und das auch noch zu nachteiligen Wechselkursen.

Dringende Reformen werden nicht angegangen, obwohl IWF und Weltbank darauf drängen. Nun sind IWF und Weltbank nicht zwangsläufig am Wohle der libanesischen Bevölkerung interessiert. Der mangelnde Wille zu Reformen ist dennoch mehr als auffällig. Als ein engagierter Richter Ermittlungen gegen den Bruder des Leiters der Zentralbank anordnete, grätschte der Premierminister höchstpersönlich dazwischen.

Die „Banküberfälle“ sind ein besonders bizarres Symptom für die verzweifelte Lage der LibanesInnen. Welche Optionen bleiben ihnen noch? Gibt es demokratische Mittel und Wege, Veränderung herbeizuführen?

Reuter schreibt:

But the question of power has thus far stymied any such efforts. Even as the elite operates like a cartel in collectively plundering the country, they have successfully ensured that their followers remain divided. Lebanon has more than a dozen confessional groups, all of which distrust each other – and the fear of another civil war is overshadowing everything. It is a diabolically perfect system for ruining the country and skimming off its wealth.

Obwohl die Mehrheit der libanesischen Bevölkerung in einem Boot sitzt, wird Wandel blockiert. Von Eliten, die sich weiterhin bereichern. Und durch gesellschaftliche Brüche, Folgen des 25 Jahre andauernden Bürgerkrieges und der darauf folgenden syrischen Besatzung. 

Banküberfälle im Libanon: Hände hoch, ich will mein Geld!

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Kommentare 1
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor einem Monat

    kannste nicht erfinden

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