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Literatenfunk

Literatur leben – drei Warnungen

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelDienstag, 31.03.2020

If you don't feel holy, loneliness is a sin. (Leonard Cohen)

Don't try this at home. (MTV Jackass)

Den TIP entdeckte ich vor zweieinhalb Wochen freitags bei REWE im Zeitschriftenregal auf der Suche nach der nicht vorhandenen ZEIT mit der Literaturbeilage zur abgesagten Buchmesse. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass es den TIP noch gibt, und es war der zweite Tag, nachdem alle Clubs, Kinos, Restaurants usw. anfingen, dichtzumachen. Die Hälfte der im Magazin annoncierten Veranstaltungstipps hatte noch stattgefunden, die zweite Hälfte des Inhalts ("14 Tage Stadt. Kultur. Programm 5. – 18.3.2020") hatte sich gerade erledigt. Das Heft hieß "Literatur leben – Schriftsteller*innen wie Verena Güntner: Unter welchem Druck stehen sie und was treibt sie an" (drinnen Stories u. a. mit den beiden hauptberuflichen Berliner-Autoren-Darstellern Anke Stelling und Jan Brandt), und ich kaufte es mir wie ein historisches Artefakt.

"Literatur leben": das ist in diesen Tagen von Selbst-Quarantäne und Social Distancing eine vielgehörte Hoffnung und schöne Feuilleton-Idee. Autoren als einsame Homeoffice-Lifestyler die Influencer der Stunde (Jochen Schmidt als Dauergast bei Lanz neben Melanie Brinkmann). Zeit zum Lesen: Entschleunigung, Kontemplation, Me-time im stillen Zwiegespräch mit den großen Charakteren und Alter Egi der Weltliteratur... Allein, so denkt (oder träumt) der Amateur.

Das geht zum Beispiel schon mal damit los, dass man Literatur eben nicht leben, sondern nur lesen (oder höchstens noch: schreiben) kann. Beides nicht ungefährliche Tätigkeiten, die nur Outsider romantisieren, und die einer performativen, ritualisierten Selbstmotivation bedürfen, der fast schon etwas hysterisch Religiöses innewohnt (s. Leonard Cohen oben). Hinzu kommen Enttäuschungen. Bücher, die vielversprechend klingen oder anfangen. Bücher, die im "Literarischen Quartett" empfohlen wurden (oder niemals dort vorkamen). Bücher, in die man nicht reinkommt. Bücher, die dann monatelang auf dem Schreibtisch (wie ein alter TIP) rumliegen. Bücher, bei denen man sich entschuldigen möchte und die in schwierigen Zeiten auch noch bad vibes verbreiten.

Aus aktuellem Anlass also drei Warnungen gegen den grassierenden gutgemeinten Buchtipp-Overkill auf fast allen Kanälen:

1. Maren Kames: LUNA LUNA (Secession) – Wunderschön aufgemachter, nachtschwarzer Lyrikband, für den Leipziger Buchpreis nominiert. Autorin "1984 in Überlingen am Bodensee geboren" und trägt bei Lesungen Nikes (Frank Ocean!). Ihr Text: ein düsteres Langgedicht über ein somnambules Wesen (jedes Zitat wäre zu billig aus dem Zusammenhang gerissen), reimt sich misheard lyrics (falsch verstandene Popsongs, super Idee!) auf ihre eigenen Zustände zusammen. Wirkt aber in Zeiten, in denen es kein fragil-poetisches Innenleben braucht, um sich surreal aus der Welt gefallen zu fühlen, unglücklich forciert, lyrisch doppelt gemoppelt.

2. Eugene Thacker: IM STAUB DIESES PLANETEN – Horror der Philosophie (Aus dem Englischen von Frank Born, Matthes & Seitz) – Klappentext: "Die Welt ist zunehmend undenkbar geworden: Umweltkatastrophen, Pandemien, und am Horizont grinst die Fratze des Aussterbens der Menschheit...", Vorwort: "Wolken des Nichtwissens"! Dark Read of the hour – mehr Prophezeiung geht nicht (das Buch ist im Original von 2011). Leider geht es aber eher um den Horror in der Philosophie (Okkultismus und Black Metal), als um Philosophie als Horror: "Für den meontologischen Dämon ist Bejahung Verneinung und das Nachdenken über das Sein ist dasselbe wie das Nachdenken über sein Nichtsein." Irgendwo zwischen Deep Shit und "middle brow" (amazon-Dreisterne-Kommentar).

3. Joshua Groß: FLEXEN IN MIAMI – (Matthes & Seitz, ohne Abbildung). Debütroman des "Mindstate Malibu"-Herausgebers. Es geht um einen Literaturstipendiaten auf Drogen und künstlicher Intelligenz, der in Miami ein Game namens Cloud Control spielt. Erster Satz: "Ich ahnte überall Glitches, das geht zurück auf meine Mutter." – Was sind Glitches? (Ich glaube, irgendwelche Übertragungsfehler in einer virtuellen Realität, die einem anzeigen, dass das Gesehene eben nicht real, sondern virtuell ist – Rezensionswissen.) Was ist Flexen? (Keine Ahnung. Vermutung: Angeben, Rumposen, beim Bodybuilding?) Gestern super Verriss in der SZ (siehe unten), der fast schon wieder Lust auf das Buch macht.

Stay home, healthy & read more or less (but better)!

Literatur leben – drei Warnungen

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Kommentare 1
  1. Mascha Jacobs
    Mascha Jacobs · vor mehr als ein Jahr

    THX

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