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Technologie und Gesellschaft

Komplexitäten der Social Media Kritik

René Walter
Grafik-Designer, Blogger, Memetiker | goodinternet.space

Irgendwas mit Medien seit 1996, Typograph, Grafiker, Blogger. Ask me anything.

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René WalterMittwoch, 15.06.2022

Nachdem Jonathan Haidt im Magazin The Atlantic vor einigen Wochen mit seinem Artikel "After Babel" (hier in einer deutschen Übersetzung auf piqd) für Aufsehen sorgte, rundet Gideon Lewis-Kraus im New Yorker das Bild ab und schreibt über die Kritiker von Haidts Artikel und die Komplexitäten der Social Media-Kritik.

Jonathan Haidt ist wahrscheinlich (neben Lanier und dem Autor dieses piqs) einer der schärfsten Kritiker moderner sozialer Medien, aber genau wie der im Artikel zitierte Soziologe Chris Bail bezweifle ich stark, dass sich durch Design-Änderungen der Plattformen sehr viel ändern wird.

Auch Haidt gibt in seinen Artikeln zu, dass seine Vorschläge nur dazu geeignet sind, die gröbsten Probleme (etwa Mental Health-Issues unter Teenagern) zu lindern. Generell dürften aber andere Feed-Algorithmen und Änderungen am Plattform-Design nur geringe Auswirkungen auf Phänomene wie Selbstsortierung von Nutzern in Echo Chambers oder Empörungskaskaden haben – und die gängige Plattform-Kritik unterschätzt oft den menschlichen Faktor und die Effekte menschlicher Psychologie in einer digitalen Medien-Umgebung.

Letztlich sind es die Möglichkeiten der Vernetzung in Kombination mit menschlichen und allzu menschlichen Motivationen, die die letzten 10 Jahre so "außergewöhnlich dumm" machten und genau deshalb habe ich die Phänomene jahrelang unter dem Stichwort "Neues Geiles Internet" beschrieben: Weil es allzu viele schlichtweg antörnt, mit Leuten im Internet zu streiten (und zu gewinnen!), weil Menschenjagd im Netz ein Thrill für alle ist und weil der "Kick der Veröffentlichung", von dem Journalisten so gerne reden, nun ein demokratisiertes, weltweites Phänomen darstellt. Das moderne Internet ist eine emotionale, affektgesteuerte und für Manipulationen extrem anfällige Medienumgebung, weit mehr, als es die Boulevardmedien vor dreißig Jahren jemals wahren.

Und genau diese vernetzten menschlichen Faktoren, die alten psychologischen Phänomene in einer neuen digital-medialen Umgebung, sorgen für eine Komplexitätsexplosion der Medienkritik.

Denn Gideon Lewis-Kraus' Text handelt gar nicht so sehr von Haidts Artikel, eigentlich geht es um das widersprüchliche Eigenleben der Google Docs, die Haidt für seine Arbeit angelegt hat. Hier etwa eine Stelle über die Ergebnisse zweier Studien zu Echo Chambers und Filterbubbles:

“Our results show that the aggregation of users in homophilic clusters dominate online interactions on Facebook and Twitter,” which seems convincing—except that, as another team has it, “We do not find evidence supporting a strong characterization of ‘echo chambers’ in which the majority of people’s sources of news are mutually exclusive and from opposite poles.” By the end of the file, the vaguely patronizing top-line recommendation against simple summation begins to make more sense. A document that originated as a bulwark against confirmation bias could, as it turned out, just as easily function as a kind of generative device to support anybody’s pet conviction. 

Ich kenne beide Studien und beide ergeben Sinn, wenn man sie zusammen mit den Ergebnissen einer dritten Studie liest (die ebenfalls in Haidts Google Doc verlinkt wird), laut der wir tatsächlich trotz Filterbubbles *mehr* Inhalte politisch gegensätzlicher Haltungen lesen und teilen -- aber eben nur um sie vorzuführen, lächerlich zu machen, zu beschimpfen und damit die Bindungen zu den Peers der eigene Echo Chamber zu stärken. Die Forscher der Studie sprechen von "perverse incentives for divisive content". (Laut weiteren Studien sind die maßgeblichen Driver dieser Dynamik übrigens Politiker.)

Das ist nur einer der vielen hochkomplexen Zusammenhänge alleine im Bereich von Filterbubbles und Echo Chambers und die sind nur eines von sehr vielen unterschiedlichen Problemfeldern. Jede Plattform addiert psychologische Mikro-Dynamiken durch Algorithmus- und UX-Design, variiert durch anvisierte Zielgruppen und deren psychologische Zusammensetzungen. Je nach Persönlichkeit und Peer-Group spielen alle Social Media-Plattformen und Design-Elemente mit allen psychologisch-sozialen Phänomenen eine Runde "Reise nach Jerusalem" und wer keinen Stuhl erhält, kriegt Depressionen. Filterbubbles führen den einen in die Magersucht, die andere macht durch Radikalisierungseffekte in einer Echo Chamber Karriere, und noch einmal andere machen Kunst damit.

The only sane response, it seemed, was simply to throw one’s hands in the air.

Die Komplexitätsexplosion durch die Beschleunigung und Intensivierung praktisch aller menschlichen psychosozialen Phänomene durch soziale Medien erfordert eine hellsichtige, umfassende, wissenschaftlich fundierte und lager-übergreifend berichterstattende Kritik. Das ist wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt das Einzige, das sich mit Sicherheit über die Psychologie sozialer Medien sagen lässt.

Komplexitäten der Social Media Kritik

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