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Literatur

Wir arbeiten und nicht das Geld

Thomas Durgeloh Oliva

Community piqer für: Literatenfunk, Volk und Wirtschaft, Zukunft und Arbeit, Wissenschaft und Forschung, Europa

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Thomas Durgeloh OlivaDienstag, 05.09.2017

„Wir arbeiten und nicht das Geld“, so der programmatische Titel einer Art Streitschrift des Wirtschaftsexperten Arno Gahrmann, Professor für Finanzierung und Investition an der Hochschule Bremen, den die Pro Zukunft- Redaktion in die Top Ten der Zukunftsliteratur 2013 gewählt hat. Sind es Wortspielereien, wenn der Autor für eine Abkehr von der „Ökonomie“ als Prinzip der Gewinnmaximierung hin zu einem „Wirtschaften“ plädiert, das wieder den Menschen in den Mittepunkt rückt? Die Globalisierung, die „von Wissenschaft und Politik als Nonplusultra eines ökonomischen Paradieses mit unendlicher Güterauswahl und niedrigsten Preisen angepriesen“ wurde, habe, so Gahrmann, in den Würgegriff von „Lohn- und Kostendruck, Gefährdung des Arbeitsplatzes und permanenten Kampf um Kunden und gegen Konkurrenten“ geführt. Da mute es als „letzte Verzweiflungstat“ der Politik an, wenn angesichts der Finanzkrise „schwindelerregende Eurosummen aus dem Nichts gestampft und hin- und her- geschoben werden, die das normale Wirtschaftsleben nur mehr als marginale Größe erscheinen lassen“ (alle Zitate S. 16).

Gahrmann macht starke Ansagen. Nicht wir seien zu dumm, die Ökonomie zu verstehen, sondern umgekehrt verstehe das simple ökonomische System nicht das „komplexe Wesen des Wirtschaftens“ (S. 20). In Aufbauzeiten wie nach dem Krieg oder heute in den Schwellenländern sei die Konzentration auf Wachstum durchaus angebracht: „In wirtschaftlich reifen Gesellschaften aber presst und reduziert die Ökonomie die reiche Fülle des Lebens so zusammen, bis es mit ihren simplen Regeln kompatibel und zu einem marktkonformen Kubus deformiert wird“ (S. 20). Der Autor plädiert vor allem für eine Stärkung der Region, denn: „Anders als die auf maximale Rendite und maximale Effizienz getrimmte Exportindustrie erfüllt eine regionale Wirtschaft unmittelbar die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen nach sinnvoller und verbindender Arbeit, guten Produkten und Erhalt ihrer Umwelt.“ (S. 21) Gleichzeitig bilde diese „eine Sicherung gegen die von uns auf absehbare Zeit nicht beeinflussbare globale Ökonomie“ (S. 22).

Für den Finanzexperten haben die sich auftürmenden Schulden- und Vermögensberge nichts mehr mit realem Wirtschaften zu tun: „Tatsächlich wird seit Jahrzehnten ein Kapital aus Pappmaschee gebildet, aus dem niemals mehr reale Leistungen hervorgelockt werden können.“ (S. 106) Da die Finanzökonomie nicht zwischen „gutem“ Kapital, das aufgrund realer Ressourceneinsparung oder aus intelligenter Arbeit gebildet wurde, und „minderwertigem Kapital“, das „nur durch Fronarbeit und Verschuldung Dritter“ (S. 107) gebildet wird, unterscheide, sei unser Wirtschaftserfolg irreal – Gahrmann spricht von „gedopter Effizienz“ (S. 134). Als Krisenursachen nennt er das gegenwärtige Geld- und Zinssystem, die maßlosen Gewinnerwartungen, die bisherigen Privilegien beim Zugang zu Land, Ressourcen und Atmosphäre, die Anonymisierung der Unternehmen einschließlich der Beschränkung ihrer Haftung, das auf globaler Arbeitsteilung beruhende Modell der Fremdversorgung sowie die „Kultur der bedingungslosen Steigerung materieller Selbstverwirklichungsansprüche“ (S. 155).

Eine menschenwürdige Wirtschaft ist für Gahrmann nur in regionalen Kreisläufen vorstellbar. Er unterstützt etwa die Vorschläge einer Gemeinwohlökonomie von Christian Felber, duale Währungssysteme mit einer Binnen- und einer Außenwährung (so sein Vorschlag etwa für Griechenland) sowie alle Formen „postökonomischen Wirtschaftens“ wie Ansätze von dezentraler Ernährungs- und Energiesouveränität und von nichtmonetären Tauschsystemen. Autonome kommunale Einkommenssteuersysteme, wie sie in Skandinavien etabliert sind, würden auch dazu beitragen, dass Kommunen „eigene, ihrer sozialen und wirtschaftlichen Topographie angepasste Wege planen“ (S. 176). Schwellenländern wie China empfiehlt der Autor die Konzentration auf die Binnenwirtschaft, anstatt die reichen Länder mit Billigprodukten zu überschwemmen. Die Länder des Südens müssten vornehmlich vom Zugriff auf deren Naturressourcen befreit werden; zu forcieren wären naturangepasste Formen der Landwirtschaft und auf die eigenen Bedarfe konzentrierte Produktionsstätten.

Den (noch) reichen, aber sozial immer brüchiger werdenden Staaten schlägt Gahrmann die Steuerung durch bedeutend höhere Grenzsteuersätze dort vor, „wo Einkommen nicht mehr realen Bedürfnissen dienen“, was freilich EU-weit koordiniert angegangen werden müsste; zudem sollten die Mehrwertsteuersätze für Luxusgüter bedeutend erhöht, dafür jene auf „Arbeitsleistungen und die Dinge des täglichen und einfachen Bedarfs“ wesentlich gesenkt werden; und es soll Wertschöpfung aus Arbeit wesentlich niedriger besteuert werden als solche aus Kapital“ (alle Zitate S. 189). Der Autor plädiert nicht zuletzt für Schuldenschnitte, wie dies Island vorbildhaft gemacht habe. Schulden einfach zu vergessen und zu streichen, würde bedeutend weniger kosten, als „diese Ökonomie weiter laufen zu lassen und auf der Jagd nach Phantomen die Flur von Natur und Gesellschaft vollends zu zertrampeln“ (S. 188). Zudem müsse der Schutz des Gemeineigentums in Verfassungsrang erhoben werden und Privatisierungen ein Riegel vorgeschoben werden.

Anders als jene, die nach wie vor in der globalen ökonomischen Verflechtung den besten Weg in ein friedliches 21. Jahrhundert sehen, plädiert der Autor für radikale Dezentralisierung und eine wohl zu bedenkende Abkehr vom (Irr)-Glauben an die Effizienz des gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystems.

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