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Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Montag, 23.12.2019

RUSTY BROWN

Mein größtes Lese-Projekt 2019 steht leider kurz vor dem Abbruch: die dicken beiden Johnsons der "Jahrestage"-Übersetzung ANNIVERSARIES. Seit März versuche ich, ein Kapitel pro Tag zu lesen und bin inzwischen immerhin auf Seite 342 angekommen: December 1, 1967. Uwes Tagebuch der Gesine Cresspahl springt täglich zwischen den Zeiten in New York City (die Sechziger der Riots und des Vietnamkriegs) und Jerichow (Mecklenburg, Nazis, Vater in England in den 30ern) hin und her. Zwischendurch gibt es großartige Passagen über die alte Tante New York Times, die kleine ebenso vorlaute wie frühreife Tochter Marie in der Subway oder den UN-Alltag von Gesine – gipfelnd in einer wilden Mafia-Entführung von Gesines Boss, die innerhalb eines Sonntagskapitels runtererzählt wird, als würde Uwe Johnson damals schon für das Netflix von heute plotten. Aber insgesamt legte sich gerade in den letzten Tagen des November 1967 der schwere, altbekannte Mehltau des mecklenburgischen NS-Familienromans seitenlang über Gesine New York-Roman, was natürlich vom ollen Moralisten Johnson genauso und schwer beabsichtigt gemeint ist: Stichwort niemand entkommt seiner German past mal so eben nach New York. Interpretationseffekt: Hat ja auch keiner behauptet. In der New York Times der Gegenwart des Jahres 2019 wurde ANNIVERSARIES trotzdem gerade noch mal zu einem der besten Bücher des Jahres gewählt und vielleicht hole ich ja 2020 noch mal neu Schwung.

Vorher muss ich aber unbedingt Chris Wares Graphic Novel RUSTY BROWN geschafft haben, die allein schon rein gewichtstechnisch in einer Überforderungs-Liga mit ANNIVERSARIES spielt. Chris Ware, Jahrgang 1967, aus Omaha, Nebraska gilt längst als der James Joyce, Uwe Johnson, Steven Spielberg, Roberto Bolaño, Bill Gates, Karl-Ove Knausgård, Dirk Nowitzky (nicht Zutreffendes bitte streichen) unter den „Comic-Zeichnern“ (wie es ja immer noch so schön blöd belittling heißt). Zehntausend Preise für sein großes Epos JIMMY CORRIGAN, THE SMARTEST KID ON EARTH, sämtliche Fiction-Awards für sein ebenso schweres Baukasten-Story-Buch BUILDING STORIES (das bereits 2012 das perfekte Weihnachtsgeschenk war, um dann irgendwo im Zwischenfach unterm Couchtisch zu verstauben).

Und jetzt RUSTY BROWN: Allein schon der Titel klingt super (wie die PEANUTS in böse) und Karin Krichmayr hat das neueste Großwerk gerade sehr schön im Standard (s. Hauptlink unten) vorgestellt:

Auf mehr als 350 Seiten breitet "Rusty Brown" vier subtil verwobene Geschichten aus, die ihren Fluchtpunkt an einem einzigen verschneiten Tag im Jahr 1975 haben. An einer Schule in Omaha, Nebraska, macht Rusty, pummelig und mit Hasenzähnen, wieder einmal die schmerzliche Erfahrung, derjenige in der Klasse zu sein, über den sich alle lustig machen, dem die Älteren in den Handschuh rotzen und den sie bei jeder Gelegenheit bloßstellen. Die Flucht in die Vorstellung, er habe besondere Hörkräfte und sei in Wirklichkeit "Earman", macht seine Lage nur noch verzweifelter.

Neben Rusty himself (der einen in seiner autobiographisch angelegten Nerdigkeit sofort brutal nervt: das Klischee des Comiczeichners in jungen Jahren) gibt es zum Glück aber auch noch vier weitere Protagonisten – zwei Teenager, zwei Erwachsene – die etwas spannender zwischen Voll-Loser, Underdog und Dreamer angelegt sind. So was will man natürlich an Weihnachten trotzdem sofort lesen. Allein schon weil es bei RUSTY BROWN tonnenweise schneit deshalb mein Tipp zum Fest.

PS: Ich habe mir inzwischen sogar, wie auch von Krichmayr empfohlen, tatsächlich eine Leselupe zugelegt – was die Lektüre im detektivischen Sinne (again: like Bolaño!) noch anstrengender, zwanghafter aber auch lohnender macht! – Und über den Teil des Artikels, in dem der schockierte Leser erfährt, dass RUSTY BROWN natürlich nur part I eines dreibändig angelegten Opus Magnissimum sein soll, muss der abgebrühte Johnsonianer einfach kaltblütig hinweglesen.

RUSTY BROWN
9
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