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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Samstag, 16.03.2019

Anniversaries – Jahrestage

Uwe Johnson auf deutsch halt ich nicht aus.

Vor ein paar Jahren kam mir aber in Amerika die rettende Idee, die deutschen Klassiker, die mich überhaupt interessieren (seltsamerweise alle bei Suhrkamp), auf englisch noch mal zu lesen beziehungsweise neu zu entdecken: Wittgenstein’s Nephew, Insane, The Goalie’s Anxiety at the Penalty Kick. Klappt hervorragend: immer eine große Erfrischung, wenn man die verschwurbelteren Passagen oder Ausdrücke nicht verstehen muss. Oder – noch schlimmer – im Deutschen auf das alptraumhafte Schauspieler-Sprech einer ja nie ganz auszuschließenden öffentlich-rechtlichen Verfilmung zurückgeworfen wird („Komm mit Gesine, wir beide im Westen, stell dir das mal vor!“).

Als ich dann den Artikel unten in der New York Times las, beschloss ich, nach dieser Methode auch den „Jahrestagen“ noch mal eine Chance zu geben. Allein schon das fröhliche „Anniversaries“ klingt ja gleich zehn Mal besser als die hochlyrische Doppeldeutigkeit des deutschen Titels (noch schlimmer wären nur „Jahres-Tage“ oder „Jahres/Tage“ gewesen).

Da ich zufälligerweise selbst gerade an etwas Romanhaftem mit Zeitungsausschnitten unter zweitausend Seiten sitze, fasste ich den Schreibplan, nach Amerika zu fahren, um mir das Buch dort zu besorgen und schreibbegleitend vor Ort zu lesen. Daraus wurde natürlich nichts.

Denn in der vermutlich neben Strand (New York City) größten Buchhandlung Nordamerikas, Powell’s in Portland, hatten sie die „Anniversaries“ nicht oder nicht mehr. Das wurde in den Ausführungen der tätowierten Buchhändlerin mit den pinkfarbenen Haaren nicht ganz klar. Es machte trotzdem Spaß, sich mit ihr über den hölzernen Info-Tresen hinweg, an den der Kunde wie an ein Lehrerpult tritt, ein bisschen über „Ou-way Johnson“ zu unterhalten, Nachname natürlich Amerikaner. Um sicherzugehen, über welches Buch wir sprachen, versuchte die Buchhändlerin sogar, mir den Untertitel vorzulesen: „From a Year in the Life of … Gay-sin…??“ Nachbestellen zwecklos, so was dauert in den USA immer tausend Jahre, und dann ist man schon wieder in Deutschland, wo das zweieinhalb Kilo schwere Paket letzte Woche endlich mit der Post vom verhassten Internetgiganten kam und mich gleich in eine merkwürdig feierliche Hochstimmung versetzte, die nichts mit dem eigenen Schreiben zu tun hatte, das ja jetzt auch irgendwann wieder losgehen musste.

Den Anfang las ich mir gleich selbst laut vor (translated by Damion Searls!):

Long waves beat diagonally against the beach, bulge hunchbacked with cords of muscle, raise quivering ridges that tip over at their very greenest. Crests stretched tight, already welted white, wrap round a cavity o fair crushed by the clear mass like a secret made and then broken. The crashing swells knock children off their feet, spin them round, drag them flat across the pebbly ground. Past the breakers, the waves pull the swimmer across their backs by her outstretched hands. The wind is fluttery; in low-pressure wind like this, the Baltic Sea used to peter out into a burble. The word for the short waves on the Baltic was: scrabbly.

„Scrabbly“ für „kabbelig“ (das wußte ich noch) – super! Für den Rest machte ich die Gegenprobe mit dem deutschen Original:

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwickelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zerdrückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden. Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.

Das atmet natürlich sofort den Geist der Weltliteratur, und ich meine das ganz ernst: viel besser kann man vermutlich nicht schreiben. Ich stelle mir vor, wie lange Uwe Johnson an diesem Absatz gesessen hat, um ihn so schön, lyrisch und genau hinzubekommen. Und wie er – wenn man Max Frisch‘ Tagebüchern glauben darf – selbst zum Opfer seiner überzüchteten Wahrnehmung wurde: ein relativ humorloser Pfeifenraucher und rechthaberischer Moralist, der erst ein wenig auftaute, wenn er einen drin hatte.

Und natürlich stimmt auch bereits hier schon etwas nicht – vom nahtlosen Übergang der (atlantischen?) Brandung ins (baltisch?) Kurzwellige mal ganz abgesehen. Es klingt – bei oder wegen aller Meisterschaft – auf deutsch nun mal auch gleich ein wenig zu angeberhaft, angestrengt: nach Mehrwert, Deutsch-LK, Interpretationsbedarf. Ich muss an Marcel Beyer denken, der mal (vergessen wo) darauf hinwies, er könne genau diese Textstelle nicht lesen, ohne den Gedanken an die toten Körper und Leichenberge zu haben, Opfer der deutschen Geschichte, angespült durch Johnsons gespenstische Menschenfleisch-Metaphern für Meereswellen („Buckel“, „Muskelstränge“, „gestriemt“).

Lesen und vergleichen wir noch einen Absatz weiter:

The town is on a narrow spit of the Jersey shore, two hours south of New York by train. They’ve fenced off the white sandy beach and sell tickets to out-of-towners for forty dollars a season; retirees in uniforms slump at the entrances and keep an eye out for the badges on the visitors‘ clothes that grant admission. The Atlantic is free for those who live in the beach houses, which sit sedately on the stone embankment above the hurricane line, with their verandas, two-story galleries, colourful awnings, under complicatedly slanting roofs. The dark-skinned help who live here fill their own church, but Negroes are not supposed to buy houses or rent apartments or lie on the coarse white sand. Jews, too, are not welcome here. She is not sure whether Jews were still allowed to rent houses in the fishing village near Jerichow before 1933; she cannot remember any signs prohibiting it from the years that followed. Here, she has borrowed a bungalow on the bay side for ten days, from friends.

Oder im deutschen Original:

Das Dorf liegt auf einer schmalen Nehrung vor der Küste New Jerseys, zwei Eisenbahnstunden südlich von New York. Die Gemeinde hat den breiten Sandstrand abgezäunt und verkauft Fremden den Zutritt für vierzig Dollar je Saison, an den Eingängen lümmeln uniformierte Rentner und suchen die Kleidung der Badegäste nach den Erlaubnisplaketten ab. Offen ist der Atlantik für die Bewohner der Strandvillen, die behäbig unter vielflächigen Schrägdächern sitzen, mit Veranden, doppelstöckigen Galerien, bunten Markisen, auf dem Felsdamm oberhalb der Hurrikangrenze. Die dunkelhäutige Dienerschaft des Ortes füllt eine eigene Kirche, aber Neger sollen hier nicht Häuser kaufen oder Wohnungen mieten oder liegen in dem weißen grobkörnigen Sand. Auch Juden sind hier nicht erwünscht. Sie ist nicht sicher, ob Juden vor 1933 noch mieten durften in dem Fischerdorf vor Jerichow, sie kann sich nicht erinnern an ein Verbotsschild aus den Jahren danach. Sie hat hier einen Bungalow auf der Buchtseite von Freunden für zehn Tage geliehen.

Neben Beobachtungs-Preziosen wie den „vielflächigen Schrägdächern“, mit „complicatedly slanting roofs“ wunderbar schmunzelnd übersetzt, fände ich, wenn ich diese Passage als genauer Uwe-Johnson-Leser auf deutsch lese, die (trotz allem ja irgendwie vergleichende, anspielende) Überblendung von historischem Nazi-Deutschland mit einem rassistisch empfundenen Vietnam-Amerika zwanzig Jahre später gelinde gesagt nicht unproblematisch. Natürlich war Johnson weder Relativist noch Revanchist. Natürlich kann ich nur zu gut verstehen, wie sehr man gerade auch im Sehnsuchts-Land of the Free politisch enttäuscht aus allen Wolken fallen kann. Aber dennoch hat die Methode, vor dem Hintergrund einer deutschen Nazi-Familiengeschichte aus der New York Times vor allem die Vietnam- und Bürgerkriegsberichte zu zitieren, etwas Wohlfeiles, Billiges – nach dem Motto „Seht ihr, hier ist auch alles scheiße“. Ein Romanautor sollte beim Schreiben so viel wie möglich merken, um in der intimen One-on-one-Situation des Mediums Buch so viel wie möglich über sich selbst und den Romanleser herauszufinden. Und nicht irgendwelche Sachbuch-Exempel statuieren.

Also breche ich das prüfende Parallel-Lesen an dieser Stelle ab und konzentriere mich lieber fresh auf die englische Neuausgabe, mit einem leichten Schaudern angesichts der Zeit, die wir jetzt miteinander verbringen werden. Ich hoffe auf viele begeisternde New York-Beschreibungen (das tägliche Besorgen & Kämpfen mit der New York Times, das Licht zwischen den Wolkenkratzern, die Amerikanisierung der zehnjährigen Marie) und wenig Mecklenburger Familienroman (bitte keine „Memories“ mehr, wie es bei Margarethe von Trotta immer so furchtbar durch den Soundtrack sirent). Die Kleinstadt in uns folgt uns sowieso überall hin:

Rain has been falling in the city since last night, the thudding sound of the cars on the Hudson River parkway muffled to a low whoosh. This morning, the slurping sound of the tires on the dripping-wet pavement under her window wake her up. The rainy light has hung darkness between the office buildings on Third Avenue. The small stores tucked into the base of the skyscrapers cast meager, small-town light out into the wetness.

Anniversaries – Jahrestage
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Kommentare 1
  1. Tino Hanekamp
    Tino Hanekamp · Erstellt vor 6 Monaten ·

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