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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Bestseller“ – Meine geniale Freundin
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Mittwoch, 07.08.2019

Mein kleiner Buchladen: „Bestseller“ – Meine geniale Freundin

Aber ich war nicht mehr das kleine Wesen, das die außerordentlichen Talente seiner Banknachbarin erkennen musste. Ich war jetzt eine reife Frau mit gefestigten Konturen. Ich war das, was Lila selbst, mal im Scherz, mal im Ernst, häufig wiederholt hatte: Elena Greco, die geniale Freundin von Raffaella Cerullo. Aus der plötzlichen Umkehrung der Schicksale wäre ich vernichtet hervorgegangen.

Bestseller landen oft in Taschenbuchform in meinen Laden, zerlesen, mit Mängelstempeln, Kaffeeflecken und Anstreichungen. Oder nagelneu, manchmal noch eingeschweißt. Sie bleiben nie lange, ich habe bestimmt schon fünf Exemplare des Psychologie-Schmökers "Und Nietzsche weinte" verkauft, Juli Zeh, Wladimir Kaminer und Tommy Jaud setzen auch keinen Staub an. Ladenfrisch kaufe ich mir selten ein Buch, ich vertraue darauf, dass irgendwann alles bei mir landet. Letzte Woche entdeckte ich den dritten Teil der Neapolitanischen Saga Elena Ferrantes in einer geschenkten Kiste – "Die Geschichte der getrennten Wege", gerade bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen. Leider ging diesem kurzen Weg ein Todesfall voraus. Ich las die 612 Seiten in zweieinhalb Tagen, meine Bibliotheks-App hatte erfreulicherweise den vierten Teil "Die Geschichte des verlorenen Kindes" zum digitalen Ausleihen parat – gestern Abend beendete ich Saga.

Du bist stark, [...] das bin ich nie gewesen. Je weiter du dich entfernst, umso wahrhaftiger fühlst du dich und umso besser geht es dir. Ich bekomme schon Angst, wenn ich nur durch den Tunnel des Stradone gehe. Weißt du noch, wie wir versucht haben, ans Meer zu kommen, es aber zu regnen anfing? Wer von uns beiden wollte denn weitergehen, und wer ist umgekehrt, ich oder du?

Diese Sätze sagt Lila in einem schwachen Moment zu ihrer alten, neuen Freundin Lenu. Lila alias Raffaella Cerullo versus Lenu, die Schriftstellerin Elena Greco. Diese Lenu, Ich-Erzählerin der "l'amica geniale" (Meine geniale Freundin), berichtet auf 2.271 Seiten in vier Bänden rückblickend von der Freundschaft. Die ersten beiden Bände hatte ich vor zwei Jahren gelesen, von einer Nachbarin für jeweils drei Tage geborgt und eilig verschlungen, danach bis vor wenigen Tagen schlichtweg vergessen. Wie ist das möglich? Ich war sofort wieder drin. Mir erging es wie meiner geschätzten piqd-Kollegin Sabine Scholl – ich war vom dritten Teil gefesselt. Von der direkten Art Ferrantes, von ihrem beständigen In-Frage-stellen: "Fast in jedem Kapitel wird abgerechnet, gezweifelt, konkurriert, versprochen, abgeschworen, verletzt und der Faden wiederaufgenommen", schreibt Sabine Scholl, lese ich ebenso.

Männer kommen und gehen, Kinder werden geboren. Lila bleibt in Neapel, Elena zieht fort, kehrt wieder. Ich kann mich dem Sog der ungleichen Freundschaft nicht entziehen, welche im vierten Band in das Eingangszitat mündet. Was, wenn das Zweifeln und Hadern Elenas nur unterstreichen soll, dass sie von Lila für genial gehalten wird - und es wirklich ist? Schließlich verlässt sie den Stradone, das ärmliche, inzwischen von Ferrante-Toruisten durchstöberte Viertel Neapels, studiert, schreibt, wird berühmt, ist mitunter wohlhabend. Lila wird als uneitel und schön beschrieben, magisch in ihrer Ausstrahlung, brutal in ihren Entschlüssen.

Das Ende des vierten Teils hat mich verwirrt, enttäuscht. Obwohl Lilas Auslöschung Teil des Plots ist, immer darum kreist, traf mich ihr Verschwinden wie eine Ohrfeige. Viele Kreise schließen sich, manche Fäden versanden. Italiens politische und kulturelle Entwicklung ist Hintergrundrauschen der über Jahrzehnte geführten Saga. Im Vordergrund: Lila. Ihre An- oder Abwesenheit, ihre Spröde, ihr widersprüchliches Handeln und Reden. Ihr leidenschaftliches - und doch ganz normales Leben in einer brodelnden Metropole mit ganz eigenen Gesetzen, die auf Dutzenden Seiten der letzten Kapitel erstmals in historischer Tiefe eingeführt wird.

Elena Ferrante war Dank ihrer ersten Romane außerhalb Deutschlands bereits berühmt, wie Iris Radisch 2016 verwundert bemerkte – sie prophezeite "Der genialen Freundin" erhebliche Furore, das sei so sicher wie der Regen in Hamburg. Die vier Bände über die Zerbrechlichkeit weiblicher Selbstentwürfe verkauften sich weltweit millionenfach, während akribisch an der Enttarnung der Autorin gearbeitet wurde. Sie sei bei Neapel aufgewachsen und heiße ebenfalls Elena – zu den Bemühungen, ihre Identität aufzudecken, teilte sie 2016 mit: "Ich wünsche mir, dass ich nie mit Menschen zu tun habe, die Zeit und Mühe an ein derart sinnloses Unterfangen verschwenden."

Das klingt nach Lila, ich werde noch einige Tage im Dunstkreis der zwei Frauen schweben, mich an den messerscharfen Sätzen Lilas schneiden und an den weiten Gedanken Elenas weiden. Sind Elena und Lila vielleicht zwei Seiten ein und derselben Frau?

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