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Literatenfunk

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Samstag, 14.11.2020

Literaturverfilmungen: "In den Gängen"

Und dann waren wir in Sibirien, Minus zwanzig Grad, unser Atem dampfte, und wir nahmen große Stücke tiefgefrorenes Schweine- und Rindfleisch und schmissen sie in die Einkaufswagen, das klang so, als würden wir Steine schmeißen.

Fünfundzwanzig Seiten umfasst die Erzählung In den Gängen, enthalten im Band Die Nacht, die Lichter, Clemens Meyers (mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2008 ausgezeichneter) Zweitveröffentlichung nach seinem sensationell erfolgreichen Roman-Debüt Als wir träumten. Ich mag die Erzählungsbände Meyers mehr als seine nachfolgenden Romane, auch in Die Stillen Trabanten (2017) finden sich die leisen, nachdenklichen Töne der In-den-Gängen-Welt wieder.

Gestern Abend wurde zweieinhalb Jahre nach dem Kinostart endlich die Verfilmung der Erzählung im Fernsehen ausgestrahlt, sie ist noch ein Vierteljahr in der Arte-Mediathek verfügbar. Ich hatte mir den Film 2018 mit meinem Bruder angeschaut, der Fan von Sandra Hüller und Kenner wortarmer Arbeitswelten ist. Wer Häuser aus Holz entwirft und baut, erlebt wohl ähnlich meditative Momente wie unsere Protagonisten in der nächtlichen Welt eines Großmarktes. Das Absenken des Gabelstaplerhubarms wird zum Meeresrauschen, der Kaffeeraum mit seiner Südseetapete zum Separee, das Zigarettenverkaufsbüdchen zur Schach-Arena. Das Tiefkühl-Warenlager zu Sibirien.

Wir standen ganz dicht zusammen, und die kleinen Dampfwolken vor unseren Gesichtern vermischten sich, und als wir die Pizzakartons in den Wagen stapelten, drehte sie sich plötzlich zu mir um und blickte mich an, die Mütze bis zu den Augenbrauen. Ich sagte nichts, blickte sie nur an. [...] Wir standen eine Weile so und schwiegen, dann sagte ich: "Weißt du, wie sich die Eskimos 'Guten Tag' sagen?", und wunderte mich, wie leise meine Stimme in dem großen Kühlhaus klang, als würde die Kälte sie schlucken.

Sandra Hüller als Süßwaren-Marion ist scheinbar dem Buch entstiegen, ein paar Jahre älter als Christian (genial: Franz Rogowski), mit ziemlich kurzen Haaren, "die immer irgendwie in Unordnung waren" und schelmischer Anmut. Ganze Sätze sind der Erzählung entnommen, die skizziert, was im Film ausgemalt wird. Eine stille, poetische Arbeitswelt mit einem Hauch von Glück. (Ausführlich nacherzählt ist der Film hier). Für mich eine beglückende Verfilmung, ein Hinaustreten aus dem Text, ohne diesen zu schmälern, zu verflachen. Liegt es an der Mitarbeit Clemens Meyers am Drehbuch, an der Übereinkunft von Regie und Vorlage? Ich muss gleich heute meinen Bruder fragen, ob er sich an die Szene erinnert, die wir beide so mochten – Marion und Christian in Sibirien, der Atem dampfend, die Köpfe unter Pelzmützen fast versteckt, die Nasen sich einander nähernd:

Sie blickte mich an, und ich neigte meinen Kopf zu ihr runter und rieb meine Nase an ihrer. Sie war ganz still und rührte sich nicht, und nach ein paar Sekunden spürte ich, wie auch ihre Nase sich bewegte. Irgendwann drehten wir uns wieder zum Regal. "Jetzt weiß ich's", sagte sie. Dann räumten wir die letzten Pizzakartons in den Wagen.

Literaturverfilmungen: "In den Gängen"

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Kommentare 3
  1. J.Y. Schneider-M.
    J.Y. Schneider-M. · vor 17 Tagen

    Einfach genial. :-))

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 17 Tagen

    Eine sehr gute Ein- und Hinführung!

    Im Kino war mir der Film auch nah und ich kann ihn und die Vorlage ebenso empfehlen.

    Danke für den Hinweis, dass er einige Zeit in der Mediathek zu sehen ist.

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor 17 Tagen

      sehr gerne, freut mich!

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