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Literatenfunk

Koolhaas Houselife
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 20.05.2018

Koolhaas Houselife

In seinem "Dictionnaire des idées reçues" notiert Flaubert: "Architekten, alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppen im Haus!" Man konnte sich also schon im 19.Jahrhundert damit schmücken, kein Verständnis für die Arbeit von Architekten zu haben, und dabei hatte man damals noch nicht mal mit den Museumsbauten von Frank Gehry zu tun, die aussehen wie Zugunglücke. Das Missverständnis beginnt vielleicht schon mit der Vorstellung, Architektur sei das Designen einer auffälligen Gebäudehülle. Das Interessanteste an Architektur ist eigentlich, wie sie benutzt wird ("In Berlin setzen sich immer alle überall drauf", verriet mir mal ein befreundeter Architekt), Architekten würden gerne planen, welche Situationen durch ihre Gebäude für die Menschen entstehen, aber das können sie gar nicht. In "Koolhaas Houselife" wird die geniale Idee ausgeführt, ein Stararchitekten-Haus aus der Perspektive seiner Putzfrau zu porträtieren. (Die Tätigkeit des Putzens lädt ja zu überraschenden philosophischen Reflexionen ein, wie es in diesem Buch einer Philosophin ausgeführt wird.) Rem Koolhaas zählt zu den zwei bis drei Dutzend Star-Architekten, um die es heute einen regelrechten Kult gibt. Verzweifelte Lokalpolitiker, denen das Stadtmarketing im Nacken sitzt, engagieren berühmte Architekten und hoffen auf so etwas wie den Bilbao-Effekt, den Frank Gehrys Guggenheim-Museum in der vom Strukturwandel gebeutelten baskischen Stadt ausgelöst hat. Die Star-Architekten sind einerseits die einzigen, die durch ihren Status so etwas wie künstlerische Freiheit in ihrem Beruf genießen, andererseits erwartet man von ihnen genau das, was man schon kennt (eine vergleichbare Dialektik wie bei Woody Allen und seinen Filmen.) Leider wird durch den Rummel um die Wenigen der Blick darauf verstellt, was Architektur eigentlich kann, außer reichen Mäzenen oder geltungssüchtigen Diktatoren Statussymbole zu bauen. Architektur kann z. B. "heilen", wenn sie genutzt wird, um mit für den Zweck ausgebildeten lokalen Arbeitskräften mit regionalen Materialien in einer kollektiven, die Community stärkenden Anstrengung ein Krankenhaus in Afrika zu bauen, in dem die Wartenden sich nicht mehr mit Tuberkulose anstecken. Architektur kann ein intelligent eingesetztes Mittel sein, Unterprivilegierten Häuser zur Verfügung zu stellen, die so gestaltet sind, dass sie sie selbst zu Ende bauen können.

In dieser Doku über Rem Koolhaas kommen einige seiner Mitarbeiter zu Wort und es wird sein Werdegang vom jungen Journalisten, der eine Karriere im Film anstrebte, bis zum Architekten des Pekinger CCTV-Buildings geschildert, der Amerika enttäuscht und beleidigt den Rücken gekehrt hat, und im starkstaatigen China größeres Potential sieht, Ideen zu verwirklichen. Schön ist auch diese Doku, in der man Koolhaas und Jacques Herzog von Herzog & de Meuron einen Tag bei der gemeinsamen Arbeit zusieht, Koolhaas bereitet sein Büro für einen Besuch von Herzog vor und die beiden fliegen im Privatjet von Rotterdam nach Basel für eine Führung durch Herzog und de Meurons Büro. Hier hält Koolhaas in einem russischen Museum für moderne Kunst einen Vortrag über seine lebenslange Beziehung zu Russland, insbesondere zum russischen Konstruktivismus. Man lernt in diesen Filmen einen Intellektuellen kennen, der Architektur als Denkleistung inszeniert. Am Anfang stehen gründliche Recherchen, deren Ergebnisse in Diagrammen visualisiert werden. Ein ganzes Kollektiv von begabten, jungen Leuten arbeitet für den berühmten Architekten, der für sie "Räume schafft, in denen Inspiration stattfinden kann." Worin eigentlich die Arbeit des Chefs besteht, der Büros in einem Dutzend Städten der Welt betreibt, wo mehrere Hundert Mitarbeiter an 40 Projekten gleichzeitig arbeiten, habe ich allerdings noch nicht verstanden. Wie tief geht seine Beschäftigung mit den Projekten? Was muss er eigentlich können? (Ich nehme an, mit Detailarbeit, Planung und Ausführung hat er nichts mehr zu tun.)

Die Gebäude von Koolhaas stehen also unter Genieverdacht, umso interessanter ist die Perspektive von "Koolhaas Houselife", denn hier geht es darum, wie eines seiner Gebäude benutzt wird und sich in der Praxis bewährt. Moderne Architektur verträgt, wie Robert Venturi schreibt, noch nicht mal das nachträgliche Anbringen eines Zigarettenautomaten. Wie schlimm ist es dann erst, wenn sie von Menschen bewohnt wird. Im Film sieht man der Putzfrau Guadalupe Acedo bei ihrer täglichen Arbeit im Maison à Bordeaux zu, einem Privathaus, das Koolhaas von 1994-1998 für einen französischen Industriellen gebaut hat, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzen musste. Das Haus hat drei Ebenen, die über eine an der Bücherwand entlanggleitende Fahrstuhlplattform erreicht werden können. Guadalupe lebt von Montag bis Freitag mit ihrem Ehemann im Haus und fährt nur am Wochenende zu sich nach Hause. Sie kennt das Haus so gut wie sonst wahrscheinlich nur sein Architekt. Ihre Perspektive darauf ist die einer fürsorglichen, selbstlosen Frau, die eine futuristische Wohnmaschine pflegt, zu der sie eine intime Beziehung hat, wobei sie nicht versteht, warum man so baut oder so leben will. In der Küche hätte sie lieber Granit verwendet als all diesen grauen Beton. Man bekommt den beleuchteten Poller erklärt, mit dem man wie mit einem Joystick die Tür öffnen kann (einen Schlüssel gibt es nicht und manchmal ist der Poller defekt). Man sieht ihren Mann mit einer Stehleiter das Dach erklimmen, um die Glasscheibe über dem Bibliotheksdach zu putzen. Man bekommt die vielen kleinen Pannen erklärt, die das Haus wie einen Mini-BER erscheinen lassen (die aber auch zeigen, dass das "System Gebäude" formerly known as "Haus" eine mit Technik ausgestattete, immer kompliziertere Schöpfung ist.) Seit sechs Jahren werde am Haus repariert. Eine Metalltür reflektiert so stark die Sonne, dass der Rasen davor vertrocknet. Die Scheiben werden ausgetauscht, weil es reinregnet, aber man weiß nicht genau von wo. Fachleute wässern zum Test eine Außenwand und plötzlich tropft das Wasser im Wohnzimmer auf den Fernseher. Guadalupe steckt einen Plastikbecher in eine Loch in der Betonwand, ein Trick, den sie erfunden hat, damit das Wasser wenigstens in einen Eimer tropft. Die meiste Zeit ist sie mit einem Staubsauger unterwegs, sie saugt sogar die Besteckkästen. Sie müht sich auch, eine enge, geländerlose Wendeltreppe mit spitzen Metallteilen als Stufen zu saugen. (Hier würden zwei Ideologien kollidieren, sagt Koolhaas.) Viele Kilometer scheint sie am Tag im Haus unterwegs zu sein, das ein modernes Labyrinth ist. Schon morgens geht Guadalupe einmal die ganze Runde auf der Etage, um die Gardine aufzuziehen, die sie dabei umarmt. Die Wände sind vollständig verglast und man sieht, dass das Haus eigentlich die Natur vor dem Fenster inszeniert, die Bäume, die sich im Wind bewegen, das Wetter, das draußen stattfindet.

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