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Literatenfunk

Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Dienstag, 22.08.2017

Jeder Tag ein Jahrestag

Am 21. August 1967 beginnt der erste datierte Abschnitt in Uwe Johnsons Jahrestage. Da sich dieses Datum gerade zum 50. Mal gejährt hat, bietet der Suhrkamp-Verlag zur Feier einen kleinen Leseservice an. Über einen E-Mail-Newsletter kann man einen Monat lang jeden Tag einen Abschnitt aus dem Roman lesen, der zum jeweiligen Datum passt.

Es gibt kaum einen Roman, der sich so gut eignet, Tag für Tag ein Stück gelesen zu werden. In 367 Einträgen, vom August 1967 bis in den August 1968, wird das Leben von Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie erzählt. Beide sind ostdeutsche Emigranten in New York und neben dem hochdetailliert geschilderten Alltag im historischen Jahr 1967/68 deckt die Erzählung auch die deutsche Geschichte der vorangegangenen Jahrzehnte ab. Gesine erzählt ihrer Tochter sukzessive die eigene Familiengeschichte (“für wenn ich tot bin”) und damit auch eine Individualgeschichte der deutschen Staaten im 20. Jahrhundert. Jeder Tageseintrag ist in sich geschlossen, oft handeln die Einträge abwechselnd von der Gegenwart und von der Vergangenheit.

Aber die Jahrestage eignen sich nicht nur besonders gut zur täglichen Lektüre, weil sie in ihrer Struktur tagebuchartig sind. Bei keinem anderen Roman hatte ich so sehr das Gefühl, es mit echten, lebenden Personen zu tun zu haben, die ich täglich begleite und an die ich mich gewöhne – von denen ich wissen will, was sie über die Welt denken. Manchmal schaue ich, wenn mich aus irgendeinem anderen Grund gerade ein beliebiges Datum interessiert, was an dem Tag Gesine und Marie passiert ist und habe das Gefühl, in diesem Buch zuhause zu sein. Es gibt nur eine handvoll Romane, die diesen Grad an Plastizität erreicht haben.

Und dann ist da noch Johnsons dichte, poetische und manchmal knorpelige Sprache, die oft geheime Pointen und Anspielungen bereit hält. Ab und an lese ich wieder ein bisschen in den Anfang hinein und freue mich schon an dem bloßen Umstand, dass es dieses Buch gibt (und dass es trotz aller Widrigkeiten fertig geworden ist).

Dieses Jahr lasse ich mich, zumindest für ein paar Wochen, in meinem Postfach an die Jahrestage erinnern. Und wenn man, wie ich, den Anfang verpasst haben sollte, kann man ihn auch noch schnell in einer Leseprobe nachlesen, bevor man in den täglichen Rhythmus einsteigt.

Jeder Tag ein Jahrestag
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Kommentare 2
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 4 Monaten

    Danke!

    Ergänzend noch ein Link:
    www.philfak.uni-rostock.de/institut/...

    Höchst originell war damals ein Medium - die New York Times - zu einer Hauptfigur eines Romans zu machen und sie zeigt uns bis heute wie uns die veröffentliche Meinung prägt.

    Es ist schon erstaunlich, dass die eigentlich unmögliche Komposition trägt: Eine junge Bankangestellte erzählt ihrer minderjährigen Tochter die deutsche Geschichte vom Dreikaiserjahr 1888 bis zum Erzähljahr 1967 anhand von Familiegeschichte. Alles wird durch die Zeitung in die Weltgeschichte eingebettet.

    1. Felix Lorenz
      Felix Lorenz · vor 4 Monaten

      Ja, der Online-Kommentar zu den Jahrestagen ist exzellent! In den Newsletter-Mails wird auch am Ende immer auf den passenden Eintrag dort verlinkt.