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Literatenfunk

Hey, I've got my own problems
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 03.08.2016

Hey, I've got my own problems

Die Figur des Psychoanalytikers hat für die Komik schier unerschöpfliches Potential, schon durch die Tatsache, daß niemand genau sagen kann, was der Analytiker eigentlich genau tut. Oder wenn, wie in Woody Allens "Deconstructing Harry", das Analysegespräch parallel zum Ehekrach im anderen Zimmer geführt wird, was die verstörende Tatsache, daß der Analytiker vermutlich auch nur ein Mensch ist, auf den Punkt bringt. Es wäre einmal eine Untersuchung wert, seit wann der Analytiker in der Popkultur Ziel von Spott ist. (Sicher gibt es so eine Untersuchung bereits, aber ich suche lieber nicht danach, sonst muß ich die auch noch lesen.) Es war sicher nicht erst Woody Allen, der das Therapiegespräch durch den Kakao gezogen hat. In "Frasier" hat man eine ganze Serie auf dem Widerspruch aufgebaut, daß ein narzistisch gestörter Mann voller Dünkel und Komplexe im Radio Anrufern Tips zur Seelenhygiene gibt. Bei den "Sopranos" hat man dann den genialen Einfall gehabt, einen Mafioso und berufsbedingten Macho in die säkulare Beichtsituation mit einer Frau als Therapeutin zu stellen. Nicht zu vergessen "In Treatment" mit Gabriel Byrne als Dr.Paul Weston, einem introvertierten Therapeut voller Selbstzweifel, der eigentlich an jedem Patienten scheitert. Aber wie reizvoll sind diese sich über Wochen hinziehenden Kammerspiele zwischen Patient und Therapeut. Und wie optimistisch schaue ich in die Zukunft, wenn ich mal wieder, mit 20 Jahren Verspätung, auf youtube einen Schatz entdeckt habe, von dem ich noch nie gehört hatte, in diesem Fall die Cartoonserie "Dr. Katz - Professional Therapist", die in den USA von 1995 bis 1999 auf Comedy Central lief. Denn man kann ja davon ausgehen, daß es noch viel mehr solcher Schätze gibt, so daß das Leben nie langweilig wird. Die Idee zu Dr.Katz stammt vom Comedian, Autor und Schauspieler Jonathan Katz, er hatte den genialen Einfall, eine Serie über einen Analytiker zu machen, dessen Patienten Comedians sind. Deren Bühnenmaterial entpuppt sich ohne große Anpassung als Therapiemonologe, und tatsächlich ist für viele Comedians ja die Bühne die preiswertere Therapie. Pro Folge sind zwei Patienten bei Dr.Katz zu Gast, und eine ganze Welt von amerikanischen Humoristen, von denen man bei uns kaum gehört hat, öffnet sich einem. Der in seiner Serie ("Alle lieben Raymond") eher bieder wirkende Ray Romano stellt sich als pointiert formulierender Hypochonder heraus, mit dem nie zu Ende erzählten Lebensthema eines Mannes, der im Alltag von Frau und Kindern verschlungen wird. Louis C.K. ist lange vor seinem Durchbruch mehrmals bei Dr.Katz zu Gast. Winona Ryder, David Mamet, Steven Wright, Dom Irrera, Gary Shandling, offenbar wollte damals irgendwann jeder einmal als Patient auftreten. Nun liegt der Reiz aber darin, daß es sich um eine animierte Serie handelt (produziert mit der Software Squigglevision, einem schlauen Tool, das Animation lediglich durch ständig wackelnde Konturen vortäuscht, wovon einem bald die Augen tränen), mit Winzigkeiten, wie einem Heben der Augenbrauen oder Bewegungen des Pupillenpunkts, werden vollkommen ausreichende mimische Effekte erzielt. Schlicht sensationell ist aber das Voice-over, vor allem von Jonathan Katz selbst. Wie unangestrengt und beiläufig hier gesprochen wird, ist eine Wohltat, wenn man, wie ich, wegen der schrecklich quakigen Synchronstimmen z.B. immer an den Simpsons gescheitert ist. Homer Simpsons deutsche Stimme kann ich keine Folge lang ertragen. Es ist großartig zu erleben, daß Komik ohne jede stimmliche Verrenkung auskommen kann. Dr.Katz ist noch nicht 50, fast kahl und schon lange geschieden. Sein 24jähriger, komplett regredierter Sohn Ben zieht bei ihm ein und tut buchstäblich nicht als essen und fernsehen. Seine Bemühungen, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen, sind wenig erfolgversprechend. Einmal wird er auf der Straße zum Augenzeugen eines Verbrechens, jedenfalls behauptet er das vor der Presse, sein Name kommt in die Zeitung und er erhofft sich eine Star-Karriere als Augenzeuge. Dr.Katz verliert aber nie die Contenance, er ist immer empathisch und positiv eingestellt, ein guter Vater, der unfähig ist, sich ein Date zu verschaffen, von seiner Sprechstundenhilfe ausgenutzt wird und jeden Abend in seiner Bar Witze erzählt. Als er einmal von einer Volkshochschule zu einem Vortrag eingeladen wird, tut er sich schwer, so etwas wie eine eigene Theorie zu formulieren. Sie beginnt und endet dann so: "The brain consists of two hemispheres … A and B". Was hat diese Eloge auf eine Fernsehserie in einem Rezensionsportal zu suchen? Es gibt einen guten Vorwand, nämlich ein schmales, längst vergriffenes Buch, das kurze, in der Zeitung erschienene Cartoonstrips über Dr.Katz versammelt, und das lange nicht so gut ist wie die Serie, weil die Stimmen fehlen und weil die Gespräche auf Gags runtergebrochen werden. Aber wenn man beim Lesen ständig mit dem Büchlein wackelt, sieht es fast aus wie mit Squigglevision animiert.

8,6
5 Stimmen
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