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Literatenfunk

Die beste Sonntagslektüre ever - SUNDAY SKETCHING von Christoph Niemann
Annika Reich
Autorin
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piqer: Annika Reich
Sonntag, 20.11.2016

Die beste Sonntagslektüre ever - SUNDAY SKETCHING von Christoph Niemann

Wenn Sie wüssten, was ich alles lese: von der GALA bis Foucault, von Angela Davis bis Thomas Glavinic, von Nino Haratischwili bis Bashos Haikus, und mit Vorliebe Meditationsbücher (neues Vergnügen) und Kochbücher (altes Vergnügen). Was ich überhaupt nicht lese, sind Krimis, Schmonzetten und Ratgeber (nicht einmal in meinen Schwangerschaften) und auf einige Autoren hatte ich auch noch nie Lust: Christian Kracht und Christa Wolf zum Beispiel. Warum die beiden mir gerade einfallen, weiß ich nicht und was es zu bedeuten hat, dass sie in ihrer Weltanschauung weiter nicht auseinanderliegen könnten, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich habe ich mich beim Schreiben gerade auch nur von ihren Vornamen leiten lassen ... 

Momentan lese ich mich in die Bücher der Afropolitan-Bewegung ein und verschlinge darüber hinaus alles, was es von syrischen Autor*innen auf Deutsch zu lesen gibt. Bald mehr dazu hier im Literatenfunk.

Heute möchte ich aber von der Lektüre des gerade neu erschienenen Buches meines Lieblingsillustrators Christoph Niemann erzählen. Sein Buch „I Lego N.Y.“ steht bei uns nie lange im Schrank, meine Kinder, mein Mann oder ich zerren es immer wieder heraus und so liegt es ständig irgendwo in der Wohnung herum. Sein „Abstract City. Mein Leben unterm Strich“ habe ich schon so oft verschenkt, dass ich längst Prozente bekommen müsste. Ich folge seinen wunderbaren Posts auf Facebook und habe mich lange auf sein Buch SUNDAY SKETCHING gefreut.

SUNDAY SKETCHING schlägt ernstere Töne an als die vorhergehenden. Die Illustrationen sind wie immer ins Schwarze getroffen, leicht und sehr, sehr lustig; doch auf der Textebene zieht sich ein roter Faden durch das Buch, der mich an den Satz von Roger Willemsen erinnert, ihn interessiere die Rückseite des Stickmusters mehr als das hübsche Bild, das sich vorne zeigt. In SUNDAY SKETCHES folgen wir Niemann also auf die Rückseite seiner Arbeit, die auf der Vorderseite so spielerisch leicht und mühelos aussieht. Wie viel Arbeit und Disziplin es bedarf, mühelos zu wirken, weiß jede/r, die/der kreativ arbeitet. Wie viel Zweifel damit einhergehen und wie groß die existentielle Unsicherheit bleibt, selbst wenn man zu einem der Erfolgreichsten seines Faches gehört, das legt Niemann hier in einer bewundernswerten und (das macht er in diesem Buch sehr klar) für ihn selbst notwendigen Dringlichkeit offen.

Ich kenne Christoph Niemann, er ist der Schwager einer meiner besten Freundinnen, der wunderbaren John Green-Übersetzerin Sophie Zeit, die auch dieses Buch übersetzt hat. Jedes Mal, wenn wir uns über unsere Art des Arbeitens unterhalten, sagt er irgendwann, dass er es nicht mehr hören kann, wenn jemand zu ihm sagt: „Du bist ja so talentiert.“ Wenn man „SUNDAY SKETCHING“ gelesen hat, dann weiß man auch, warum er einen solchen Satz, der auf die Vorderseite des Stickmusters fokussiert und die Hinterseite ausblendet, nicht mehr aushält.

Das Talent ist nur der Ausgangspunkt von Niemanns Arbeit und deswegen auch sein blinder Fleck. Gerade weil er aus einem so großen Talent heraus schöpfen kann, kann er diesen Teil seiner künstlerischen Persönlichkeit nicht für sein Selbstbild verwenden. Das, was Tag für Tag im Selbsterleben erfahren wird, ist, die harte Arbeit und der zermürbende Zweifel, mit dem er aus seinem Talent heraus schöpft. 

„Der Ausdruck Komfortzone klingt nach kuscheliger Gemütlichkeit. Dabei sind die gefährlichsten Komfortzonen (und, wie ich glaube, die häufigsten) die, in denen man voll beschäftigt ist, vielleicht sogar gestresst“, schreibt er. Eine Aussage, die ich vor allem nach meiner Lektüre von Meditationsbüchern für mein eigenes Leben absolut unterschreiben kann.

Nun klingt all das nach einer eher bewölkten Lektüre und das ist SUNDAY SKETCHING auch, aber es ist trotzdem ein großes Vergnügen. Denn niemand bringt Alltagsituationen zeichnerisch so präzise, leichtfüssig, klug und urkomisch auf den Punkt wie Niemann.

Die Serie SUNDAY SKETCHES, die aus der Einsicht heraus entstanden ist, dass seine Bestseller auf spielerische Wochenendexperimente zurückgehen, zeigt noch einmal in aller Deutlichkeit, wie sehr Niemann in der Lage ist, dem Alltag, und sei er noch so banal, Möglichkeitsräume abzutrotzen, die ihn gegen den Strich kämmen und ihn so erträglicher machen. 

Niemann verwandelt einen schwarzen Plastikkamm in den Kühler eines Schlittens, eine Gabel in eine Giraffe, einen Meterstab in einen Flamingo, einen Pinsel in den Rock einer Tänzerin, zusammengeknäulte Kopfhörer in ein Moskito und zwei Bananen in die kräftigen Hinterbeine eines gelben Pferdes.

Indem er zeigt, dass die alltäglichen Dinge nicht nur das sind, für was wir sie halten, schenkt er uns eine neue Form der Wahrnehmung, die Dinge nicht (nur) für das zu nehmen, als was sie sich im ersten Blick präsentieren. Und genau das zeigt er nun in SUNDAY SKETCHES auch für sein eigenes Werk. Ich bewundere seine Arbeit jetzt noch mehr und es macht dabei keinen Deut weniger Spaß. 

9,4
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Kommentare 2
  1. Jochen Schmidt
    Jochen Schmidt · vor etwa einem Jahr

    Schöne Grüße an Sophie Zeitz, falls sie sich noch an mich erinnert!

    1. Annika Reich
      Annika Reich · vor etwa einem Jahr

      Das mache ich sehr gern!