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Literatenfunk

Das kunterbunte Bahnmobil

Quelle: Männlicher Blick aus einem Münchner Hotelfenster (c) Jochen Schmidt

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 09.03.2018

Das kunterbunte Bahnmobil

In Zeiten, in denen ich viel mit der Bahn fahre, guckt mir einen Monat lang ein Prominenter, der mir, wie ich fast ein bißchen stolz bekenne, meistens vollkommen unbekannt ist, vom Cover des Bahnmobil-Magazins entgegen, und irgendwann erliege ich der Versuchung, meine drei Bücher, die ich mitgenommen habe, weil ich mich zuhause nicht entscheiden konnte, was ich lesen wollte, zur Seite zu legen und im Bahnmobil-Magazin zur Titelstory zu blättern, da ich mich im überfüllten Zug nicht konzentrieren kann, denn der Sitznachbar zur Linken guckt eine Verfilmung von World of Warcraft und der zur rechten telefoniert mit seinem Office ("Mir ist da noch 'n Termin reingekullert ...") Diesmal war ich unterwegs zu einer Lesung in München, in einem Zug, der für die Strecke quer durch Deutschland kaum noch wahrnehmbare vier Stunden brauchte (wer dankt "den Jungs", die die neue Intercity-Linie gebaut haben, jetzt wo Gunter Gabriel nicht mehr singen kann:  "Intercity Linie Nummer 4/ Was hast du nur gemacht aus mir?/ Getränkt mit unserm Schweiß ist jeder Meter Gleis." Sowie: "Am Abend sind wir völlig down/ und zu kaputt für Schnaps und Frau'n".) Eigentlich las ich gerade in einem Band mit Texten von Ryszard Kapuściński ("Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies"), der schon nach wenigen Seiten als Bürgerkriegsreporter in Afrika dreimal praktisch tot ist, von Malariaschüben und schildkrötengroßen Kakerlaken ganz zu schweigen und über Luanda kreist täglich ein Flugzeug und wirft Flugblätter ab mit der Aufforderung, alle Russen, Polen und Ungarn zu erschlagen, da sie an Unglück und Krieg Schuld seien (anscheinend gibt es nicht erst heute, sondern schon viel länger Konflikte in der Welt.) Ich zog mir als Sichtschutz die Kapuze über den Kopf und hielt mir zusätzlich noch die linke Hand vors Auge, um, ohne dabei gleichzeitig fernsehen zu müssen, Kapuściński zu lesen (ja, so schreibt man den). Es klappte aber nicht, denn es hing noch ein Bildschirm von der Decke, auf dem die aktuelle Position des ICE angezeigt wurde, der sich Richtung Süden durch Deutschland schnitt wie eine Laubsäge. Sogar die Geschwindigkeit des Zuges wurde eingeblendet, und da die Zahl sich ständig änderte, mußte ich auch ständig hinsehen. Es war nichts zu machen, ich hatte als Leser wieder mal versagt und nahm resignierend das Bahnmobil-Magazin zur Hand, um das Titel-Interview zu lesen ("Ein Gespräch über Bücher und was Männer und Frauen aus ihnen lernen können"), mit Henning Baum, dem letzten Bullen, der mal keine 08/15-Fragen nach Bizepsumfang und Brustbehaarung haben wollte, wie die Redaktion ihn zitiert, sondern "über Bücher und das Lesen" reden wollte (bald ist ja Buchmesse, da läßt sich Bahnmobil nicht lumpen). Eigentlich las ich das Interview nicht, sondern überflog es, aber irgendwie auch wieder so oft, daß ich es dann doch mehr oder weniger gelesen habe, ich wurde mit zitierfähigen Sätzen belohnt: "Die Schauspielerei ist ein extrem unmännlicher Beruf. Man muß aufpassen, nicht zu verweiblichen", sagt Henning Baum, und man befürchtet zu ahnen, was er mit "männlich" und "weiblich" meinen könnte, noch bevor er sagt: "Leider nimmt die Zahl der Frauen ab, die einen Knopf annähen können". Das paßte gut zum Internationalen Frauentag und zur Diskussion über "Deutschland einig Heimatland", von der ich aus dem Münchner U-Bahn-Nachrichtenfenster erfuhr. Ich ging denn auch spontan in einen Spielzeugladen mit Waldorf-Appeal ("Kunst und Spiel"), weil sie Plüschtiere aus Bad Kösen im Schaufenster hatten (schlicht die besten) und suchte nach bildschirmfreiem, ungegendertem Spielzeug ohne Glubschaugen für meine Kinder und nach Gesellschaftsspielen, bei denen alle gemeinsam an einem Strang ziehen und keiner gewinnt, aber auch keiner weinen muß ("GroKo"). Für mich kaufte ich ein Rennauto mit Luftballonantrieb.

Im Hotelflur hingen gerahmte Autogrammfotos von Theo Waigel und Claudia Roth (ich hatte meine wieder vergessen), die Nachttischlampenständer im Zimmer waren geschnitzte Elefantenpyramiden, aus dem Fenster sah man auf eine Kunstinstallation aus Lüftungsschächten, ich aß mein Laugenbrötchen, auf das ich im Zug mal wieder keinen Hunger gehabt hatte und überlegte, welche Stellen aus meinem Buch ich am Abend lesen würde. Ich wußte ja nicht, ob drei oder 30 Leute kommen würden. Vor drei Leuten lese ich zum Trost, was mir selbst gefällt, vor 30 geht auch der Rest. (Habe ich denn Stellen geschrieben, die mir selbst nicht gefallen?) Nach dem Mittagsschlaf (macht, laut Bahnmobil, sympathischerweise auch Hennig Baum seit dem 13.Lebensjahr) war noch eine Stunde Zeit, also ging ich zu Fuß zur Lesung, quer durch die Stadt, wie ein ICE auf Beinen, oder wie "Der letzte Autor", im Kopf dachte ich über das Manuskript nach, an dem ich arbeite (braucht man für solche Fälle) und suchte nach einem Titel, auch wenn man Titel nicht suchen kann. Es sollte ein Titel sein, der Henning Baums männlicher und weiblicher Seite gefallen würde, ich wollte ja der Paolo Coelho für beide Geschlechter sein. Die Männer sollten verweiblichen, wenn sie mich lasen und ihren Frauen sollte das gefallen. Inzwischen hatte mir der Veranstalter gemailt (ich checke beim Spazieren natürlich regelmäßig meine Mail, um nicht den Kontakt zur Realität zu verlieren), daß bisher nur drei Leute Karten geordert hatten, egal, das war eben der Preis, wenn man sich beim Schreiben zuviel Mühe gab. Ich tröstete mich mit Henning Baum: "Männlichkeit hat viel mit Pflichterfüllung zu tun." Zum Glück hatte sich dann aber doch noch so viel Publikum eingefunden, daß es für das Publikum nicht peinlich war, zu meiner Lesung gekommen zu sein (Dabei sagt Henning Baum: "Lesen ist ein intimer Vorgang.") Der Veranstalter verriet mir hinterher, daß die bayrische Verfassung erstaunlich sozialistisch sei, denn dort hieße es, "daß Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Arbeits- oder Kapitalaufwand des Eigentümers entstehen, für die Allgemeinheit nutzbar zu machen seien". Und jemand erzählte mir von einem Autor, dessen Arbeitszimmer außen keine Türklinke habe, damit seine Kinder ihn nicht störten. Zurück von der Lesung guckte ich im Hotelzimmer ein bißchen Dschungelcamp, wobei es sich dann in Wirklichkeit um Ausschnitte aus "Whispering Death" handelte mit Horst Frank als schwarzem Albino-Terrorist-Vergewaltiger, die zu einer fabelhaften Doku über den deutschen Genrefilm gehörten ("Offene Wunde deutscher Film", die Fortsetzung von "Verfluchte Liebe deutscher Film"), es ging um Horror, Splatter, Sex, mit anderen Worten, den wahren deutschen Heimatfilm. Wir Deutsche hätten Angst vor dem Bösen in uns und seien zu harmoniesüchtig für gutes Kino, sagte ein Regisseur, was für mich auf jeden Fall zutrifft (aber vielleicht auch für Henning Baum: "Die Melancholie von 'Der Fänger im Roggen' hat mich tief berührt.") Und weil dieser Text jetzt schon zuende ist, sich aber noch so viele Baum-Zitate aus dem Bahnmobil-Interview anbieten, hänge ich sie einfach an:

"Wenn ich mir ein Bild von jemandem machen will, schaue ich mir seine Büchersammlung an."

"Während Männer ab 40 versteinern, suchen Frauen in Romanen nach neuen Wegen, Sinn und Glück zu finden."

"Es ist strapazierender Unsinn, auf 500 Seien einen Gedanken auszuwalzen, den man in drei Minuten mündlich darlegen kann."

"Unterhaltsamkeit ist das Trojanische Pferd, mit dem man schlaue Gedanken in die Köpfe der Leser transportiert."

"'Welches Buch soll ein Mann lesen, um Frauen verstehen zu lernen?' 'Man könnte lesen, so viel man wollte, nützen würde es doch nichts.'"

"Um uns vor Verletzungen zu schützen, legen wir uns eine Maske zu und versuchen ein Leben lang, diese Maske zu unserem Gesicht zu machen."

Ich hoffe mal für Hennig Baum, daß er bei Interviews wirklich eine Maske trägt.

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