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Literatenfunk

Das grüne Licht der Steppen
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 13.06.2017

Das grüne Licht der Steppen

"Das grüne Licht der Steppen" von Brigitte Reimann lag auf einem Fensterbrett im Prenzlauer Berg, das Buch war aus einer Schulbibliothek ausgesondert worden, ich hatte noch nie davon gehört und habe es mitgenommen, schon weil ich die schönen Rußland-Fotos von Thomas Billhardt, die es enthielt, retten wollte. Ich habe das Buch dann gelesen und mich gefragt, wie ich es hier besprechen soll, und nun habe ich es noch einmal gelesen und versuche es tatsächlich, schon weil die Autorin darin unter anderem nach Zelinograd fährt, das heute Astana heißt und seit 1997 die neue Hauptstadt Kasachstans ist und mich gerade besonders interessiert (1964 wuchs dort, wo heute das neue, postmodern-bombastische Astana steht, noch Steppengras.) Warum zögerte ich, das Buch zu besprechen? Weil ich nicht einschätzen kann, wie nah an der Realität Reimanns Reportage-Beobachtungen von dieser organisierten Journalistenreise durch Kasachstan und Sibirien sind, die eine Reisegruppe vom Zentralrat der FDJ 1964 auf sowjetische Einladung unternommen hat. Natürlich lügt die Autorin nicht, aber wieviel muß sie verschweigen? Und wieviel von der Wirklichkeit kann man im Rahmen so einer Reise, bei der sich der Gastgeber ins beste Licht setzen will, überhaupt mitbekommen? Ich habe beschlossen, das Buch vor allem als Dokument einer Sehnsucht nach einem anderen Leben zu lesen, und als solches funktioniert es in jedem Fall. Reimanns Begeisterung über die sowjetischen jungen Menschen ist grenzenlos, darin klingt unwillkürlich Kritik an den Menschen in ihrer Heimat an, vor allem natürlich an den Kadern und Bürokraten. Der historische Moment, in dem das Buch entstanden ist, muß mitbedacht werden, zwischen Mauerbau und Kahlschlagplenum 1965, als es unter vielen Intellektuellen die Hoffnung gab, mit der Mauer im Rücken könne mehr Offenheit zugelassen werden. Für Reimann ist die Sowjetunion eine Projektionsfläche, dort sind die Dimensionen gigantisch, was die Menschen gelassen macht, die Natur ist wild, die Möglichkeiten sind grenzenlos, Opferbereitschaft und Enthusiasmus sind bewundernswert. Die Männer sind ritterlich zu den Frauen, die Frauen sind schön wie Äpfel (vor allem die perfekt geschwungenen Augenbrauen), die Gastfreundschaft ist einschüchternd, die Menschen hungern nach Bildung und Kultur und lesen beim Rolltreppefahren Bücher. Sie bedauert zum ersten Mal, daß sie im Russischunterricht nicht aufgepaßt hat, denn sie kann sich bei den Banketten, die sie wegen der knappen Zeit eher widerwillig mitmacht, nicht unterhalten und könnte nur aus Stalin-Reden zitieren. Sie verliebt sich natürlich dauernd in nobel-bescheidene Wissenschaftler oder in cowboyhafte Komsomolzen, die freiwillig das Abenteuer in Sibirien suchen ("an den Polarkreis, wo sechs Monatelang Nacht ist, wo sie in Zelten und Wagen wohnen und sich in Schneesturm und Eiswind nur kriechend oder an einem Seil entlangtastend vorwärts bewegen können"), sie ist ganz hingerissen von den braungebrannten Kerlen, die im Gegensatz zu den deutschen Männern aus ihrer Delegation so schlank und geschmeidig sind "diese Jungs verdauen auch Drehspäne". Am meisten verliebt sie sich in einen berühmten Brigadier, der noch keine 30 ist und schon legendär für seine Pionierarbeit in Bratsk, und der außerdem noch zur Gitarre selbst geschriebene Lieder singt. Während die Deutschen, wenn sie auch etwas beitragen wollen "Alle meine Entchen" anstimmen müssen. Überhaupt singen die Russen ständig so schön: "Ich wünschte, wir hätten mehr Lieder, die zu singen wirklich Feude macht, statt einer Menge hirnlos-martialischer Antimusik, die ihr Dasein noch in Rundfunkprogrammen und bei Demonstrationen fristet." An mehreren Stellen kommt zur Sprache, wie sehr es die Autorin beschäftigt, was die Menschen in Rußland wenige Jahre zuvor durch die Deutschen erlitten haben, das macht die Begegnungen nur noch bewegender: "Und einer erzählte von seiner Reise in die Ukraine, man habe ihn oft gefragt, wie alt er sei, und zurückgerechnet: Nein, er kann nicht dabeigewesen sein. Beim Abschied umarmte ihn eine Frau, deren Kind ein Landser mit dem Koppel erschlagen hat …"

Gerade einmal drei Tage vor der Fahrt erfuhr Brigitte Reimann, daß sie fahren sollte, 14 Tage war sie dann unterwegs, über Moskau, Zelinograd, Koktschetau, Nowosibirsk, Irkutsk nach Bratsk. In der Sowjetunion, wird ihnen berichtet, habe nach dem XX.Parteitag ein neuer Stil Einzug gehalten: "Die Jugend hungerte nach einer wahren Darstellung des Menschen … Keine großen Kundgebungen mehr, sondern interessante Gespräche, auch im kleinen Kreis, Zusammenkünfte beim Tee im Jugendcafé und in Studentenheimen." In der Architektur zeigt es sich. Sie hat ja Moskau bereits auf einer früheren Reise gesehen und war bemüht, den pompösen Zuckerbäckerstil nicht zu belächeln, sondern ihn als Ausdruck eines Wunsches nach Selbstbestätigung zu verzeihen. Jetzt sieht sie "die kluge Korrektur: die reinen Linien des Kongreßsaals im Kreml, den Pionierpalast aus Glas und Stahl, freitragende Treppen, hochgeschwungene Stützen und die heiteren Räume von Restaurants und Eisbars." Was sie hier beschreibt, wird heute auch Ostmoderne genannt, ein Stil, der sich international orientiert hat, Gebäude, die bei uns leider lange nicht geschätzt, oft auch abgerissen wurden. (In Kasachstan werden Gebäude dieser Epoche heute leider auf scheußliche Art mit Glas, Keramik- und Granitplatten "modernisiert" und mit Stuck dekoriert, es soll möglichst nichts mehr an die sowjetische Zeit erinnern.)

Anders als die modernen Moskauer Funktionsbauten sehen die Wohnblocks in Kasachstan aus, worüber sich Reimann ärgert: "Vielfalt und Formenreichtum, die der Bau mit Platten und Blöcken gestattet, sind nicht einmal angedeutet." Der Text enthält sowieso immer wieder Kritik und vielsagende Anspielungen, sogar das Straflager von Workuta wird erwähnt. Es braucht nur wenig Worte, um klarzumachen, worum es geht. Z.B. als sie die geometrischen Figuren der kasachischen Teppiche bewundert und ihre russische Freundin sagt: "Abstraktionismus". Sie erwidert: "Die dürfen". (Die fatale Formalismus-Kampagne lag noch nicht lange zurück)

Als sie in Zelinograd ankommt, sieht sie noch Zeilen von Erdhütten aus der ersten Zeit der Neulandbesiedlung. Das Neuland-Projekt war der Versuch, aus Kasachstan eine zweite Kornkammer der Sowjetunion zu machen. Reimann sieht Kolonnen von Lastwagen mit jungen Komsomolzen, die freiwillig gekommen sind, um dabei mitzumachen, sie läßt sich von der Anfangseuphorie erzählen, als hunderttausende Traktoren die Steppe umpflügten und man sich über erste, winzige Erdbeeren freute. Bekanntlich hatte man zeitweise sogar vor, sibirische Flüsse umzuleiten. "Wir wollen unserem Land Brot, Bier und Blumen geben … das, was der Mensch braucht: Essen, Trinken und Freude …" Der Enthusiasmus der jungen Menschen und Wissenschaftler ist umso berührender, wenn man an die Vergeblichkeit dieser Bemühungen denkt. Das Projekt ist gescheitert, man hat lediglich die Steppenlandschaft auf Jahre zerstört, die klimatischen Bedingungen waren für effiziente Landwirtschaft gar nicht geeignet.

Ähnlich rührend, wenn sie sich für die Forschungen Nowosibirsker Kybernetiker begeistert, die mit Rechenmaschinen eine mathematisch fundierte Soziologie betreiben wollen, um z.B. die beruflichen Neigungen der jungen Menschen zu erfassen und Arbeitsplatzfluktuation zu erforschen. Könne man so herausfinden, fragt Reimann, "warum sich nette Jungs aus der Nachbarschaft aufs Automatenknacken verlegt haben …"?

Die Begeisterung der Reimann wächst mit der Übermüdung, denn zum Schlafen kommt sie kaum. Sitzungen, Führungen und Gelage wechseln sich ab. Sie ist schier erschlagen von Sibirien, wo das Erdöl so rein ist, daß die Fahrer es direkt in ihre Tanks füllen, wo man Eisenerz im Tagebau abbauen kann, wo man sämtliche Elemente des Periodensystems findet, wo man anfangs im Sommer wegen der Moskitoschwärme nur unter Schutzmasken arbeiten konnte, wo das Metall der Traktoren im Winter bei Frost zerbrach und man die Maschinen deshalb Tag und Nacht laufen lassen mußte, wo Geologen von Bären erschlagen werden und ein junger Kaderleiter nachts auf einem Sack schlief "der gefüllt war mit den Briefen von Komsolmolzen", die dort arbeiten wollten. (Von einem interessanten Konflikt berichtet sie nebenbei. Die Komsomolzen, die Bratsk aufgebaut hatten, bekamen plötzlich Probleme mit einer großen Gruppe demobilisierter Matrosen, die laut Reimann in ein "linkes Extrem" verfielen, sie "räumten gewaltig unter den Halbstarken auf". Der Stein des Anstoßes waren die zu engen Hosen der Jugendlichen, bei einem Fest im Klub schlitzte ein Matrose die Hosen eines Jungen auf. Ich vermute, daß hier von der bei uns wenig bekannten frühen sowjetischen Jugendkultur der Stiljagi die Rede ist.)

Ist der Text nun naiv oder beschönigend oder gibt er etwas von den wahren Verhältnissen wieder? (Es wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, daß Brigitte Reimanns damaliger Mann Siegfried Pitschmann 1959 einen Roman geschrieben hatte, in dem ziemlich ungeschönt die Verhältnisse im Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe geschildert wurden. Erwin Strittmatter hat ihn dafür persönlich abgekanzelt, Pietschmann unternahm einen Selbstmordversuch, das Buch "Erziehung eines Helden" ist erst 2015 postum erschienen, Pietschmann hat sich davon als Autor nicht mehr erholt.)

Im Schlußabsatz ihres Buchs erwähnt sie ein Telefonat mit einem "Hans", der sie in Berlin am Flugplatz abholen wird. Man liest deutlich die Sorge heraus, wie sie wieder in den Alltag zurückfinden soll: "Ich bin so aufgeregt, als wäre ich ein halbes Jahr weg gewesen, als habe mich erst seine Stimme wieder mit dem Alltag und der Stadt verbunden, mit dem morgendlichen Lärm der Schichtbusse, Kohlenstaub und Kiefernwäldern, mit den von Baggern aufgerissenen Feldern entlang der Straßen und allem, was Zuhause einschließt. Das Herz ist mir schwer, wenn ich daran denke, daß wir morgen das Land verlassen werden, und doch bin ich auf eine überraschende Weise glücklich, furchtlos und ins Leben verliebt ..." Wenige Monate später wurden Reimann und Pitschmann geschieden.

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