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Alle Dichter lügen

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Platon#/media/File:Head_Platon_Glyptothek_Munich_548.jpg

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 22.05.2019

Alle Dichter lügen

Da ich als Freiberufler von Aufträgen abhängig bin, müßte ich mich eigentlich über jede Anfrage für einen Text freuen. In Wirklichkeit verursacht mir das aber Schweißausbrüche, weil ich mir wieder Arbeit aufhalse und doch gerne einmal alles erledigt haben möchte, um mich tiefergehenden Studien widmen zu können. Ich versuche deshalb, den Aufwand klein zu halten. Wenn die Anfrage lautet: "Fällt Ihnen etwas zu diesem verregneten Frühjahr ein?", bitte ich um möglichst viel Zeit zum Überlegen, obwohl ich schon einen fertigen Text im Hinterkopf habe, den ich an das Thema anpassen könnte. In diesem Fall "Festes Schuhwerk", ein Text, in dem es um meine Wanderschuhe geht, die ich neuerdings immer im Winter in der Stadt trage, weil ich mir irgendwann eingestanden habe, daß ich nie mehr im Gebirge wandern gehen werde. Dieser Text spielt zwar nicht im Frühjahr, aber das läßt sich ja leicht ändern. Denselben Text habe ich auch verwendet, als es eine Anfrage zur Auswirkung des Internets auf die Erzählstruktur zeitgenössischer deutscher Romane gab. Ich mußte nur die Überschrift ändern "Wandern im Netz" und zwei-drei zeitgenössische deutsche Romane erwähnen, das ließ sich ja leicht googeln. Die Inhaltsangaben fand ich auf Wikipedia, insofern hatte mein Text wirklich etwas mit dem Internet zu tun.

Als die Anfrage vom WDR kam, einen Text zum Thema Lügen zu schreiben, in dem ich mich auf die zwar allgemein, mir aber nicht, bekannte Aussage von Platon beziehen sollte: "Alle Dichter lügen", habe ich natürlich sofort zugesagt. Irgendeinen Text zum Thema würde ich schon finden, warum nicht "Festes Schuhwerk?" Allerdings hatte ich mich in diesem Frühjahr ein wenig verzettelt, weil überraschend viele Anfragen gekommen waren, die ich alle zugesagt hatte. Die Arbeit, "Festes Schuhwerk" an diese ganzen Themen anzupassen, artete inzwischen schon in Arbeit aus. Aber sie konnten schlecht von mir erwarten, daß ich für das bißchen Geld jedes Mal einen neuen Text schrieb! Das war auch gegen meine Überzeugungen. Was für Energie, Kleidung und Verpackungsmaterial galt, mußte doch auch für Texte gelten, auch hier waren Nachhaltigkeit und Recycling das Gebot der Stunde. Warum immer neue Texte produzieren, wenn es noch so viele alte gab, die genauso gut, wenn nicht sogar besser waren als jeder neue? Ich überlegte also, wie ich "Festes Schuhwerk" auf das Thema Lügen hin umschreiben konnte (für eine Tageszeitung bearbeitete ich den Text so, daß er sich für "Gesamtschule pro und contra" eignete und für einen Beitrag in der Broschüre zur Berliner Bundesratspräsidentschaft schrieb ich ihn auf das Thema: "Was mir der Westen an Gutem gebracht hat", um). Als der Redakteur das erste Mal, noch per Mail, nachfragte, wie es denn um den Lügen-Text stehe, schrieb ich ein paar Tage lang nicht zurück und behauptete hinterher, seine Mail sei wohl im Spam-Ordner gelandet. Ich hatte "Festes Schuhwerk" inzwischen auch noch an die NIDO verkauft, für eine Rubrik mit Gutenachtgeschichten. Das war ganz gut bezahlt, und ich konnte zumindest garantieren, daß die meisten Kinder bei der Lektüre einschlafen würden. Aber ich kam wegen der vielen Anfragen nicht dazu, die Platon-Aussage in den Text einzuarbeiten. Der Redakteur ließ nicht locker, er rief mich an und wollte einen Studiotermin für die Aufnahme buchen. Ich behauptete, der Text sei fertig und müsse nur noch 1-2 Tage ruhen, das sei meine Methode. So verschaffte ich mir genug Zeit, um mit der Arbeit bis zum nächsten Tag warten zu können. Es war ja nicht viel zu tun, aber manchmal fühlt sich wenig Arbeit schlimmer an als viel Arbeit.

Ich kam aber auch am nächsten Tag nicht dazu, weil ich eine Anfrage von der ZEIT bekam, ich sollte für sie im Schwimmbad vom 10-Meter-Turm springen und darüber schreiben. Ich sagte natürlich zu, schließlich hatte ich den Text schon fertig, "Festes Schuhwerk" ließ sich mit wenigen Strichen ins Schwimmbad verlegen. Der WDR-Redakteur schrieb mir: "Lieber Jochen, ich habe jetzt einen Studiotermin für Dich gebucht. Es wäre schön, wenn Du mir den Text vorher noch zur Ansicht schicken würdest." Ich schrieb zurück, ich hätte ihn ja schon fertig, er müsse allerdings länger ruhen als gewöhnlich, weil besonders viel Arbeit drin stecke. Danach legte ich mich erst einmal hin, weil ich nicht arbeiten kann, wenn ich müde bin, und ich bin eigentlich immer müde.

Am Tag der Aufnahme weckte ich mich aber schon um 7 Uhr morgens und googelte Platon. Es war klar, daß zu diesem Philosophen mehr geschrieben worden war, als man in der kurzen Zeit lesen konnte. Ich erinnerte mich aber an Platons "Symposion", einen Dialog, der damit endet, daß Sokrates morgens barfuß von einem Besäufnis nach Hause geht. Man konnte davon ausgehen, daß viele Griechen kein festes Schuhwerk besessen hatten. Damit war die Brücke zu meinem Text "Festes Schuhwerk" geschlagen, der mir wieder einmal gute Dienste leisten würde. Es war wirklich ein toller Text, schade, daß ich ihn nie in seiner eigentlichen Form verkaufen konnte, sondern immer nur, nachdem ich ihn an irgendein Thema angepaßt hatte. Platon hatte also gesagt "Alle Dichter lügen". Der hatte gut reden! Er mußte ja auch keine Rentenversicherung, keinen Unterhalt, keinen Steuerberater, keine Nachhilfestunden und keine Dispokredit-Zinsen zahlen. Wenn ich ein griechischer Philosoph wäre, könnte ich "Festes Schuhwerk" endlich im Original veröffentlichen und es könnte mir egal sein, daß ich nichts damit verdienen würde. Aber ich stand ökonomisch unter Druck und deshalb konnte ich mir solche Kaprizen nicht leisten. Stattdessen schrieb ich "Festes Schuhwerk" noch einmal um und gab dabei sogar zu, daß ich den Redakteur die ganze Zeit angelogen hatte. Ich kann einfach nicht lügen!

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Kommentare 3
  1. Dominique Lenné
    Dominique Lenné · Erstellt vor 6 Monaten ·

    Abgründe. Womöglich beruht jeder Artikel, den wir je lesen, auf einem Basisartikel?

    1. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · Erstellt vor 6 Monaten ·

      Auf einem einzigen - für alle Zeiten und von allen Journalisten und Autoren. :-) ich nutze den auch

    2. J. Schneider-Maessen
      J. Schneider-Maessen · Erstellt vor etwa einem Monat ·

      Aber selbst, wenn er schreiben würde, dass es so wäre, wüssten wir nicht ob es wahr ist.

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