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Alison Bechdel: The Secret to Superhuman Strength

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSonntag, 27.06.2021

Da es im neuen, gerade zu schreibenden Roman neben Tischtennis und Lektorinnen-Lektorieren unter anderem auch darum gehen soll, jemandem aus dem Turbokapitalismus aufs Maul zu hauen (Danger-Merkel, ich weiß), war ich vom Titel der neuen Graphic Novel von Alison Bechdel sofort begeistert:

The Secret to Superhuman Strength (Jonathan Cape).

Warum nicht mal ein Memoir (wie John Malkovich als Osborne Cox in Burn After Reading sagen würde) über die lebenslange Leidenschaft für etwas schreiben, für das es im Deutschen, der Muttersprache von Annalena Baerbock und Daniel Kehlmann, noch nicht mal einen vernünftigen Begriff gibt. Also einen, bei dem man nicht sofort ins Lager der Sport-Nazi-Hasser wechseln möchte (also bitte nicht "Fitness" und auch nicht "Männer-Gesundheit"). Am ehesten tut es vielleicht noch der alte hochphilosophische taz-Ressort-Titel "Leibesübungen" (... wenn der nicht auch schon wieder zu ganzheitlich nach Rudolf Steiner und Querdenken klingen würde).

Aber okay: Versuchen wir es so. Alison Bechdel outet sich gleich zu Beginn ihrer Novel, zwar nie gut in Sport ("I'm no jock"), aber immer schon ein Exercise-Freak gewesen zu sein. Gemeint ist also vor allem Ausdauersport, und das funktioniert so:

Ich erinnere mich noch gut, wie es war, in den frühen 90ern ein sogenanntes geisteswissenschaftliches Studium in Kiel zu beginnen. Tagelanges Festsitzen in Seminaren gemeinsam mit lauter Dörte-Hansen-Romanfiguren und Robert-Habeck-Lehramtsanwärtern (ich übertreibe, wegen Spannungsbogen) und nebenher für die Kieler Nachrichten über Lokalpolitik zu schreiben. Get me the fuck out of here!

Was praktisch sofort half, war das Laufen. Das Romanziel Marathon vor Augen war es wie ein Rausch, sich selbst zu spüren: Wie man fast wöchentlich besser wurde, länger und schneller laufen konnte. Eine Veränderung in den Muskeln und der Perspektive auf so ziemlich alles, zum Beispiel die Erweiterung von persönlichen Grenzen. Das blieb natürlich nicht so (sondern endete irgendwann mit einer nie mehr übertroffenen Berlin-Marathon-Bestzeit von 3:03 Stunden und Knie-Operationen).

Und dennoch: Was für eine Erfahrung, auch bei Alison Bechdel der Enge und dem Erbe der eigenen Herkunft zu entkommen. In ihrem Fall dem Aufwachsen in einem Funeral Home (in ihrer ersten Graphic Novel Fun Home beschrieben) mit depressiver Mutter und promiskuitivem Vater, der Entdeckung der eigenen Homosexualität.

Sport als große Stütze und heilsame Routine (die Yoga-Übungen sind überall auf der Welt dieselben) gegen die Zerrissenheit jeder Autorin, in deren Brust immer schon zwei Herzen schlagen: Melancholie & Euphorie. Reinheit & Exzess. Hybris & Demut. Ambition & Ambivalenz. Wallace & Gromit ... (Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der unten verlinkten Rezension aus der New York Times.)

Denn am unsympathischsten sind folgerichtig immer schon die Vertreter der reinen Lehre im jeweiligen Lager, die nie mehr einen Blick über den Zaun auf die andere Seite riskieren, wo das Gras zwar auch nicht grüner ist, aber eben nicht nur den ganzen Tag in historischen Familienromanen rumgestrebt wird – oder nonstop der Viererkette hinterhergehechelt.

Denn es geht nicht um Disziplin und Optimierung, sondern um Balance und Versöhnung – der best of both worlds miteinander: Nach dem Training schmeckt das Bier noch mal besser. Bei Rad-Kilometer 20 fällt einem plötzlich ein, was Bolaño im "Teil von Fate" (2666) wirklich versucht hat. Oder die psycho-physische Erfahrung von Erschöpfung und Verschwinden, wenn man sich mitten auf einer verschneiten Ski-Piste in den Rocky Mountains oder sonntagmorgens auf einem Tennisplatz in Rendsburg plötzlich fragt, was man hier eigentlich gerade macht (aber eben auch: Dass man es gerade macht).

Und die Übungen zu Hause bitte unbedingt wie Helene Hegemann durchziehen, die letztens im "Fitness-Tutorial" auf dem Instagram-Literaturblog von Johanna Adorján neun Klimmzüge schaffte: mit Kippe im Mund. – Was ist also das Geheimnis übermenschlicher Stärke? – Vielleicht am Ende die erlösende Erkenntnis, dass man gar nicht so stark ist, zu sein braucht.

Hilft enorm und viel Spaß mit den Zeichnungen!

Alison Bechdel: The Secret to Superhuman Strength

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Kommentare 1
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 28 Tagen

    ...ist sie die vom "Bechdel-Test"?

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