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Literatenfunk

Accused of fiction-writing
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 30.04.2018

Accused of fiction-writing

Meine Begeisterung für Ryszard Kapuściński begann mit "Lapidarium", 1997 vom Wühltisch gekauft und verschlungen, eine Fundgrube von Beobachtungen und Gedanken, während seiner Reisen durch die ganze Welt notiert, interessant zugespitzte Sätze, auf ein großes Lesepensum verweisende, aufgepickte Zitate, philosophische Pointen über die Abgründe des Menschen und die Irrwege der Menschheit, aus denen man seitenweise zitieren könnte (gerade zufällig aufgeschlagen: "Länder, die keine Menschen aus der Dritten Welt aufnehmen, werden selber zur Dritten Welt.") Wie es mit faszinierenden Gedanken ist, selbst wenn sie gar nicht stimmen, funkeln sie verführerisch. Ein Satz, der mir lange Jahre eingeleuchtet hat, lautete (aus dem Gedächtnis zitiert): "Wenn man Diktatoren verstehen will, muß man Bücher zur Kinderpsychologie lesen." Was erst wie ein böses Paradox klingt (Diktatoren mit unschuldigen Kindern zu vergleichen), eine "Blitzhochzeit der Begriffe" (Friedrich Schlegel, aufgeschnappt bei Sloterdijk), kommt mir inzwischen zweifelhaft vor, weil es Kinder als narzißtisch gestörte, grausame, triebgesteuerte, paranoide Diktatoren denunziert, die womöglich richtig "erzogen" werden müssen, wie es die gegenaufklärerische Bewegung fordert, die sich hoffentlich nicht durchsetzen wird. Im Gegensatz zu Diktatoren wollen Kinder aber kooperieren und wer wirklich erzogen, bzw. aufgeklärt werden müßte, sind in der Regel ihre erwachsenen Bezugspersonen. In der Literatur sind solche Sätze glücklich aufgehoben, weil sie interpretierbar sind und niemand von Literaten verlangt, sich falsifizierbar zu äußern, im Gegenteil, Klarheit ist eigentlich langweilig. Daß Kapuściński mit diesem Widerspruch zwischen einer höheren Wahrheit und einer der Fakten gekämpft hat, wurde spätestens 2003 deutlich, als in Polen seine (fünfte!) Biographie erschienen ist, für die einer seiner Bewunderer aufwendig nachrecherchiert hat, wieviel Fiktion in Kapuścińskis Reportagen steckt, bei welchen Ereignissen er wirklich anwesend war und wen er tatsächlich gesprochen hat. Kapuściński war jahrzehntelang der einzige polnische Korrespondent in der Dritten Welt und hat teilweise unter Lebensgefahr über mehr als zwei Dutzend Staatsstreiche, Putsche und Bürgerkriege berichtet, so beeindruckend, daß manche behaupten, er hätte nur noch ein bißchen älter werden müssen, um den Literatur-Nobelpreis zu bekommen. Aber er hatte irgendwann mehr im Sinn und auch einen größeren Ehrgeiz als News zu produzieren, er wollte schreibend zum Wesen der Dinge vordringen und hat dafür die Grenze zur Fiktion überschritten, was als Vorwurf formuliert ziemlich seltsam klingt: Poland's ace reporter Ryszard Kapuściński accused of fiction-writing. Umgekehrt gibt es diesen Vorwurf ja auch, wenn Kritiker sich beschweren, daß Schriftsteller sich nicht die Arbeit machen, sich etwas auszudenken. Dieser Vorwurf ist aber eher Geschmackssache, er wiegt nicht so schwer, wie wenn ein Reporter des "fiction-writing" angeklagt wird. Timothy Garton Ash spricht hier von der "non-fiction promise", die man dem Leser als Reporter gebe. Kapuścińskis Biograph (der von seiner Witwe verklagt wurde, sie wollte das Buch verhindern) empfahl eine salomonische Lösung für das gattungstechnische Problem, indem man in den Buchhandlungen neben "fiction" und "non-fiction" ein "Kapuściński-Regal" einführte. Ein Buch, an dem sich die Debatte besonders entzündete, war "König der Könige", Kapuścińskis "Roman" über Herrschaft und Agonie von Afrikas letztem Kaiser Haile Selassie, eine offensichtlich modellhaft gemeinte Studie über Autokratie und Hofleben, die (ähnlich wie die "Sopranos") nicht nur ein Erklärungsmuster für die Vorgänge in den höheren Machtsphären kommunistischer Regime (insbesondere in der Zeit eines Machtvakuums) bietet, sondern auch Gültigkeit für die Verhältnisse in den Führungsetagen großer Unternehmen besitzen dürfte. Es ging ihm um den "universellen Code der Machtpolitik". Als reiner Reporter die Revolution zu beschreiben, hätte Kapuściński nicht interessiert, denn er hatte schon über genug Revolutionen berichtet, um das Schema, nach dem die Ereignisse abliefen, zu kennen. (Ein Aufstand der Studenten und Intellektuellen, dem sich im zweiten Schritt Armee und Polizei anschließen, als Drittes folgt die Revolution in der Revolution, die Bevölkerung hat nichts mehr mitzureden, blutige Fraktionskämpfe, aus denen im Fall von Äthiopien der Hardliner Mengistu als Sieger hervorging, der inzwischen im Exil in Simbabwe lebt. Mengistus aggressive Version eines afrikanischen Sozialismus ist mir als DDR-Kind als fortschrittlich verkauft worden. Im September 1984 muß ich krank und vormittags zuhause gewesen sein, sonst hätte ich nicht die "Aktuelle Kamera" geguckt, wahrscheinlich war auf allen anderen Sendern nur das Testbild zu sehen. Die monotone Diktion in der Angelika Unterlauf emotionslos Hauptwortkaskaden verliest, das Retro-Design, die atemberaubende Humorlosigkeit, war das wirklich erst im letzten Jahrhundert? Ich erinnere mich an einen Beitrag darüber, daß in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba das erste Karl-Marx-Denkmal Afrikas aufgestellt worden war, das immer noch steht, ein Geschenk der DDR.)

Der Legende über die Genese seines Buchs nach, die Kapuściński im Nachwort von 1994 erzählt, hat er nachts im Geheimen, über Mittelsmänner, zahlreiche ehemalige Bedienstete und Höflinge des Kaisers aufgesucht, auf die Mengistu damals Jagd machte, und sich von Äthiopiern, die in Polen studiert hatten, übersetzen lassen, was sie ihm über die eigenartig theaterhafte tägliche Routine am Hof berichteten. Er bemüht den heroischsten Schriftstellermythos, um seine Entscheidung für die Mischform aus Roman und Reportage zu legitimieren: Depression und Schreibblockade, weil der Stoff die bisher bekannten Formen sprengte. (Lutz Seiler hat so ein Making-of über die schmerzhafte Entstehung von "Kruso" nachgeliefert.) Bei Kapuściński heißt es:

"Ich saß mit leeren Händen da. Aus dem Fernschreiber kamen Mahnungen. Ich antwortete nicht, ging nicht mehr ins Büro, schloß mich zuhause ein und legte mich auf den Fußboden. Es war eine regelrechte Depression. Ich wußte nicht mehr ein noch aus."

Die Rettung, das wußte er, war, einen einfachen Satz zu notieren "wie aus der Schulfibel für Erstkläßler". Als er ihm endlich einfiel, war ihm klar, daß er keinen Artikel, sondern ein Buch schreiben würde. (So stellte ich mir früher das Schreiben auch immer vor. Depression und Schreibblockade konnte ich auch schon ganz gut, nur ein erster Satz, aus dem sich alle anderen ganz logisch ergeben würden, ist mir nie eingefallen.) Das Buch von 1978 war in Polen ein Bestseller, kein Wunder, denn viele Passagen wirken wie eine Beschreibung des paranoiden Gerontosozialismus der Ostblockstaaten. Wenn man das Buch liest, kann man eigentlich keine ganze Seite lang glauben, daß diese Zeugenaussagen montiert und nicht einfach ausgedacht sein sollen. Der Text ist, obwohl collagiert, aus einem Guß, die Aussagen der Zeugen fügen sich so perfekt zu einer lückenlosen Erzählung der Mechanismen einer Autokratie und alles wirkt wie eine ziemlich offene Allegorie der von Paranoia geprägten Willkürherrschaft im Ostblock, mit dem Duckmäusertum, das sie produzierte. Als Roman wäre so ein Text in Polen vielleicht gar nicht durch die Zensur gekommen, aber es war ja eine Reportage aus Afrika, und wer das Buch verbieten wollte, hätte damit zu verstehen gegeben, daß er peinliche Parallelen zur polnischen Gesellschaft erkannte. War der Kaiser wirklich so, oder hat Kapuściński "afrikanisches Barock" produziert? So oder so, die Geschichten sind ziemlich gut. Die exzentrischen Gewohnheiten des Kaisers haben literarische Qualität, Diktatoren sind ja irgendwie auch Künstler, jedenfalls müssen sie kreativ darin sein, mit ihren Schrullen und Grausamkeiten andere exzentrische Despoten zu überbieten, diese Männer stehen ja in Konkurrenz zueinander, wer als größte Diva in die Geschichte eingehen darf. Haile Selassie ist da bei Kapuściński schon ziemlich weit vorne, wenn während der Zeremonien am Hof der Hund des Kaisers, der in seinem Bett schlafen darf, herumspringt und den Würdenträgern, die sich nicht bewegen dürfen, auf die Schuhe pinkelt. Der erste Informant Kapuścińskis war angeblich zehn Jahre dafür verantwortlich, die Pisse des Kaiserhunds von den Schuhen der Würdenträger zu wischen. Während der Arbeitsaudienzen sprach der Kaiser sehr leise und bewegte kaum die Lippen. Ein Minister mußte ihm sein Ohr nähern, um etwas zu verstehen und es zu notieren. Seine Entscheidungen mußte er selbst aus dem Gehörten ableiten. Wenn alles gutging, war das ein Beweis für die Unfehlbarkeit des Kaisers. Wenn nicht, waren alle mit dem Minister unzufrieden, der die Worte des Kaisers falsch verstanden hatte, deshalb war er beim Volk verhaßt. Ein anderer Informant war "Lakai der dritten Tür" (Kapuściński macht eine weit getriebene Arbeitsteilung als Merkmal orientalischer Feudalgesellschaften aus. Ich erinnere mich an einen Brotkauf in Moskau, eine Verkäuferin nahm die Bestellung entgegen, eine kassierte, eine tat das Brot in eine Tüte und eine überreichte einem mißmutig die Ware).

"Die Kunst bestand darin, die Tür im passenden Moment zu öffnen, genau zum richtigen Zeitpunkt. Würde ich die Tür zu früh öffnen, könnte der sträfliche Eindruck entstehen, ich wollte den Kaiser aus dem Saal weisen. Würde ich sie aber etwas zu spät öffnen, könnte der ehrwürdige Herr genötigt werden, seine Schritte zu verlangsamen oder gar anzuhalten - das aber hätte seine herrschaftliche Würde geschmälert, die verlangte, daß die Bewegungen der Allerhöchsten Person durch kein Hindernis gehemmt wurden."

Nicht weniger verantwortungsvoll die Aufgabe, dem Kaiser immer blitzschnell das richtige von 52 Polstern unter die Füße zu schieben, damit seine kurzen Beine nie in der Luft baumelten wie bei einem Kind. Wie anstrengend und im Grunde menschenunwürdig ein Leben als Würdenträger sein muß! (Wobei man ja im Nachhinein oft erfährt, was für allzumenschliche Bedürfnisse die Mächtigen, bei all ihrer Würde, hinter den Kulissen befriedigt haben.) Die Untergebenen im Ungewissen über ihren Status zu lassen war eine Technik der Macht, die Hierarchie am Hof wurde ständig neu verhandelt und hing z.B. davon ab, wieviele Audienzen man beim Kaiser bekam. Typisch auch die universelle Zuständigkeit des Chefs: "Ein undichtes Rohr in der Stadt muß ausgewechselt werden - es braucht die Zustimmung des Kaisers." (Man denkt an das Eingabensystem in der DDR. Der einzige, an den man sich brieflich wenden konnte, war Honecker selbst. Alle anderen schoben die Verantwortung weiter.)

Bei Haile Selassie darf man nicht vergessen, daß er, wie zur selben Zeit Ceauşescu, ein gewisses internationales Ansehen genoß (Hier sieht man ihn auf USA-Visite). Auch sein Großneffe und Biograph Asfa-Wossen Asserate zieht eine eher positive Bilanz seiner Versuche, Äthiopien in die Moderne zu führen. Äthiopien hatte sich immerhin von Mussolinis Kolonialarmee befreien können. Der Kaiser hat wohl auch vorsichtige Reformen durchgeführt. Beim eigenen Volk hatte er den Status eines Heiligen (in Jamaica gilt er den Rastafaris bekanntlich als dritte Erscheinung des Messias), Schuld an Hungersnöten, Mißwirtschaft und Korruption waren in den Augen der Bevölkerung die niederen Ränge bzw. die Provinzbosse, während der Kaiser, den eine "angeborene Unfehlbarkeit" auszeichnete, persönlich Geld aus einem Beutel verschenkte und traurig den Raum verließ, wenn sich die Bittsteller darum die Köpfe einschlugen. Dieser Führungsstil macht paranoid ("Es ist nämlich ungemein anstrengend, absolut jedermann zu verdächtigen, man braucht jemanden, dem man vertrauen kann, um sich bei ihm zu entspannen.") Wie reformieren, ohne daß alles zusammenbricht? Vielleicht hat der Kaiser sich die Frage tatsächlich gestellt. Er erholte sich aber auch gerne auf Staatsbesuchen von den Verhältnissen zuhause:

"Wäre denn ohne dieses Leben die Bürde der Herrschaft heute überhaupt noch erträglich? Wo denn soll ein Mensch Anerkennung unbd Verständnis suchen, wenn nicht in der weiten Welt, in fremden Ländern, in den vertrauten Gesprächen mit anderen Herrschern, die über unser Jammern in mitfühlende Klagen ausbrechen, weil sie selbst ähnliche Sorgen und Kümmernisse haben."

Das Ende kommt, wenn "die Kosten der Loyalität ins Unermeßliche" steigen. In der Krise kristallisieren sich drei Typen heraus: Kerkerleute (die alle einsperren wollen), Redner (die verhandeln wollen), Schwimmer (die alles aussitzen wollen). Es kommt zu skurrilen Szenen, als schwedische Ärzte an den Hof kommen und Gymnastikstunden mit den Höflingen durchführen, während die Aufständischen in den Palast eindringen und nach und nach Höflinge abholen, ins Gefängnis werfen oder erschießen. Der Sturz (Kapuściński zitiert als Kapitelmotto aus einem Buch über Eiskunstlauf einen Abschnitt über schmerzloses Stürzen) ging von Offizieren aus, einer davon war Mengistu, der später den Sozialismus proklamierte und 100000 "Klassenfeinde" umbringen ließ. Hat man nun den besten polnischen Roman des 20.Jahrhunderts gelesen oder eine gefälschte Reportage? Kapuściński zieht sich etwas nonchalant aus der Affäre:

"Ist König der Könige ein Sachbuch? Ist es Literatur? Fiction oder Non-fiction? Ich finde, daß diese Fragestellung nicht nur erkenntnistheoretisch naiv, sondern auch unergiebig ist. Natürlich besteht mein Text nicht aus Tonbandabschriften; er ist ein literarisches Konstrukt. Das versteht sich von selbst."
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