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"Meldestelle Antifeminismus": Ein Lehrstück über moralische Panik

Jannis Brühl
Redakteur
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Jannis BrühlSonntag, 26.02.2023

Hier mal ein Debattenbeitrag zu einer aktuellen Episode des "Cancel-Culture"/"Wokeness"-Diskurses. Ich hatte die Aufregung über die – vermeintliche – Denunziationsstelle für Antifeministen und "Gender-Kritiker" gar nicht mitbekommen, bis ich diesen Artikel las. Nele Pollatschek beschreibt, was geschah, als bekannt wurde: Das Familienministerium fördert angeblich eine "Meldestelle Antifeminismus" bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. Kommentatoren in Magazinen und Zeitungen sowie Netz-Aufschreier verbreiteten umgehend, hier werde im Sinne eines durchgeknallten Feminismus Nazi-mäßiges Denunziantentum staatlich gefördert. Pollatschek ist zunächst schockiert, fängt dann aber an zu recherchieren und findet heraus: Die Behauptungen stimmen gar nicht, es geht um den Schutz von bedrohten Menschen.

Morddrohungen, Stalking, Doxing - also das internetbasierte Zusammentragen und Veröffentlichen personenbezogener Daten mit bösartigen Absichten. Es geht der Meldestelle um folgende Problemstellung: Wenn Menschen feministisch tätig sind, als Gleichstellungsbeauftragte oder als Publizisten, kann es ihnen passieren, dass sie Opfer von Versuchen werden, sie so zu bedrohen, dass sie alle Versuche, für gleiche Bezahlung oder gleiche Aufstiegschancen oder sprachliche Sichtbarmachung einzutreten, unterlassen.

Pollatschek beschreibt, wie sie es oft in ihren Texten tut, im Zwiegespräch mit sich selbst und ihren Gedankengängen, wie sie selbst auf die falsche Fährte geführt wird, wie sie mit sich ringt, eigentlich auch mit den Anliegen der Panik-Verbreiter sympathisiert, um dann zu durchschauen, was gespielt wird. Ihr Fazit: Die Debatte lebt von überdrehten Halbwahrheiten und ständiger Erregungsbereitschaft. Ihr Appell: Einfach mal einen Gang runterschalten. Kann man ja nicht oft genug sagen, im Sinne eines Satzes von Jia Tolentino: "Nothing today ever de-escalates."

Der Artikel ist eine gute, aktuell aufgehängte Ergänzung zur These Adrian Daubs, dass die "Cancel Culture" vor allem eine "moral panic" ist. Für die historisch Interessierten empfehle ich auch, sich mit der "satanic ritual abuse"-Panik der 80er-Jahre vertraut zu machen. Sie zeigt, wie der konservative Teil einer Gesellschaft sich in die irrsten Fantasien reinsteigern kann.

"Meldestelle Antifeminismus": Ein Lehrstück über moralische Panik
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Kommentare 12
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor einem Jahr · bearbeitet vor einem Jahr

    Wieso angebliche Stelle? Ich weiß nicht, ich habe die Stelle sofort gefunden:
    https://antifeminismus...

    Es geht nicht nur um den Schutz bedrohter Menschen. Es geht auch und oft um sehr allgemeine Vorwürfe:
    „ Antifeministische Vorfälle können sich u.a. als sexistisch und frauenfeindlich motivierte Übergriffe äußern. Darüber hinaus beziehen sie sich häufig auf ein konkretes Ereignis (Veranstaltungen, Gesetzesreformen, öffentliche Auftritte, Äußerungen oder Veröffentlichungen usw.) und lassen dabei ein organisiertes Vorgehen bzw. eine dahinterliegende politische Strategie erkennen.
    Antifeministische Angriffe transportieren eindeutige Botschaften gegen die Gleichstellung aller Geschlechter, Selbstbestimmung sowie Sichtbarkeit und Anerkennung marginalisierter Menschen.“

    Beispiele:
    „ Eine Person/Organisation äußert sich auf Social Media zu feministischen Themen und erhält daraufhin Drohnachrichten
    Eine Demonstration/Kundgebung/Veranstaltung mit antifeministischen Inhalten oder bekannten Antifeminist*innen findet statt
    Die Arbeit einer Gleichstellungsbeauftragten (und/oder ihre Person) wird angegriffen
    Eine feministische Veranstaltung wird gestört, z.B. durch antifeministische Zwischenrufe, verbale und körperliche Angriffe auf Organisator*innen und Teilnehmende
    Organisierte Angriffe auf Frauen, queere Menschen und Einrichtungen
    Attacken gegen trans Personen bis hin zu tödlichen körperlichen Angriffen
    Sticker/Flyer mit antifeministischen Inhalten zirkulieren, z.B. Mobilisierung gegen die „Gender-Ideologie“ u.ä.
    Mitarbeitende einer Organisation, die zu feministischen Themen arbeitet, werden auf dem Arbeitsweg bedroht
    „Gehsteigbelästigung“, d.h. organisierte Gegner*innen von Schwangerschaftsabbrüchen belästigen und bedrohen Menschen, die Angebote von Beratungsstellen und Praxen in Anspruch nehmen wollen
    Die Adressen von nicht öffentlichen Frauenhäusern werden veröffentlicht
    Publikationen verbreiten dezidierte Verschwörungserzählungen, z.B. über eine vermeintliche „Homo- und Translobby“ oder „Gender-Ideologie“
    Instrumentalisierung von Themen für eine antifeministische Agenda (z.B. vermeintlicher „Kindesschutz“ mit queerfeindlichen Narrativen)
    Wissenschaftler*innen der Gender Studies werden diffamiert, z.B. als „unwissenschaftlich“, „Geldverschwendung“ etc.
    Die Adressen von Einzelpersonen oder Organisationen, die zu feministischen Themen arbeiten, werden im Internet veröffentlicht (sogenanntes „doxxing“)
    In Internetforen werden antifeministische Sprüche ausgetauscht
    Organisierte Kampagnen gegen geschlechtergerechte Sprache“

    Mir scheint da auch eine Panik am Werk …..

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Jahr

      Ich war ja erst gar nicht so sehr kritisch, aber eigentlich fasst die Stiftung so ziemlich alles, was irgendwie anrüchig sein könnte, als Antifeminismus auf. Möglicherweise sogar wissenschaftliche Kritik am Gendern und Forschung zu den psychischen Folgen einer Geschlechtsoperation. Und wenn es einfach nur um eine Sammlung, Erfassung und Analyse von Fällen gehen sollte, wie jetzt zu lesen ist, dann hätte das Ministerium besser einer Universität einen Forschungsauftrag erteilt. Bin mal gespannt, ob sich in der angekündigten Chronik dann auch Fälle finden, die sich überprüfen lassen. Oder ob man das alles dann nur glauben muss.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Dirk Liesemer Mir scheint, die ganze politische Auseinandersetzung ist völlig irrational entgrenzt oder enthemmt. (Politische) Leidenschaft blockiert Verstand …..

    3. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Jahr

      @Thomas Wahl Oder staatlich finanzierter Kulturkampf.

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Dirk Liesemer Zumindest mischt Staat mit …..

    5. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Jahr · bearbeitet vor einem Jahr

      @Thomas Wahl Nee, das ist zu zurückhaltend formuliert, bei einer Fördersumme von 133.000 Euro wird das Ministerium genau wissen wollen, was mit dem Geld geschehen soll.

    6. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Dirk Liesemer Ich finde die Summe jetzt nicht so hoch. Aber es müßte eigentlich was zum Zweck in der Förderdatenbank stehen.

    7. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor einem Jahr

      @Thomas Wahl Wenn erstmal der Einstieg geschafft ist, wird es von Jahr zu Jahr mehr. Das ist halt das Übel der Bürokratie, wozu ich solch eine Katalogisierung zähle: Sie wabert in immer mehr Lebensbereiche hinein.

    8. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Jahr

      @Dirk Liesemer Das befürchte ich auch …..

    9. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 3 Monaten

      @Dirk Liesemer Das klingt aber schon nach genau dem, was damit ja adressiert wird: Feminismus bzw. "einfache" Gleichberechtigung als Kulturkampf zu diffamieren?

    10. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 3 Monaten

      Hm. Also ich lese aus der Liste nahezu vollständig gewalt- und Hetz-Potential heraus. Mit der Grundlage von organisierten Kampagnen.

    11. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 3 Monaten

      @Cornelia Gliem Ja, auch diese Gefahr ist da. Jeder der bestimmte feministische Aktivitäten skeptisch bis kritisch sieht wird auf die Liste gesetzt. Und dann werden Kampagnen organisiert …..

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