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Flucht und Einwanderung

Fabian Goldmann
mal Journalist, mal Islamwissenschaftler, je nachdem

...hab damals den Einschreibungstermin für Theoretische Physik verpasst. Das hab ich jetzt davon.

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piqer: Fabian Goldmann
Dienstag, 01.01.2019

Wir Islamfeinde

Keinem Text bin ich im vergangenen Jahr häufiger begegnet als Andrea Backhaus' Bestandsaufnahme des islamfeindlichen Status Quo. Und das obwohl der Text schon vorletztes Jahr erschien. Aber von vorn: Seit vielen Jahren versucht Backhaus für DIE ZEIT dem deutschen Leser, die fremde islamische Welt etwas näher zu bringen. In ihrem Essay "Der falsche Feind“ macht sie ausnahmsweise das Gegenteil und beschreibt, wie ihr ihre Heimat in Zeiten ausufernder Islamfeindlichkeit fremd geworden ist: 

Wenn ich früher im privaten Kreis von meinen Recherchen im Nahen Osten erzählte, sagten die meisten: "Das ist aber interessant." Heute ist es: "Du Arme. Und das als blonde westliche Frau." Ressentiments waren bis in bürgerliche Milieus hinein sichtbar geworden, gegenüber Flüchtlingen und vor allem gegenüber ihrer Religion.

Backhaus erzählt, wie selbstverständlich in Deutschland das Gerede von unterdrückten Frauen, Gewaltsuren und gefühlten Bedrohungen geworden sei. Das wirkt in ihren Worten besonders überzeugend, weil hier keine schreibt, die jede Kritik an den Zuständen in der islamischen Welt reflexhaft als Rassismus abtut, sondern eine, die auch die antidemokratischen, frauenfeindlichen und gewalttätigen Seiten des Nahen Ostens und Nordafrikas kennt. Aber sie kennt eben auch die vielen anderen.

Aber ich habe auch erlebt, wie Ägypterinnen Demonstrationen für Frauenrechte anführen, Männer gegen Genitalverstümmelung kämpfen, wie sich schwule Aktivisten organisieren. Die jungen Ägypter, Syrer, Tunesier, die Technopartys feiern, die Feministinnen, die sich von den Dogmen der Eltern lossagen, die liebevollen Familienväter, die Gastfreundschaft.

Von solchen Facetten suche man in deutschen Debatten vergebens. Backhaus' wachrüttelnder Essay macht deutlich, wie fundamental, weitreichend und identitätsstiftend das Phänomen der Islamfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft geworden ist. Ein Text, den man ruhig alle Jahre wieder lesen kann. 

Wir Islamfeinde
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