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Europa

Belarus und der zweite Untergang der Sowjetunion

Ulrich Krökel
Osteuropa-Korrespondent / Piqer für DLF-Europaformate
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Ulrich KrökelMontag, 28.12.2020

2020 war nicht nur das Jahr der Corona-Pandemie und der Trump-Abwahl. Es war nicht zuletzt das Jahr einer völlig unerwarteten Freiheitsrevolte in Belarus. Die Redaktion von dekoder.org, die es sich ursprünglich zur Aufgabe gemacht hatte, "Russland zu entschlüsseln", brachte es in einem Editorial auf den Punkt:

Seit über drei Monaten protestieren die Belarussen gegen den Machthaber, der das Land seit 1994 mit harter Hand regiert. Nicht nur den autoritären Strukturen scheint entgangen zu sein, dass sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat und nun einen politischen Wandel einfordert. Von diesem schleichenden Wandlungsprozess haben auch in der EU und in Deutschland wohl nur die wenigsten etwas geahnt. Dass er sich in diesem Jahr auf eine derartig überwältigende, friedliche und kreative Art und Weise seinen Weg bahnen würde, hat wohl überhaupt niemand geahnt.

Dekoder will deshalb ab sofort auch "Belarus entschlüsseln". Aber auch der Deutschlandfunk widmet sich zum Jahreswechsel in gleich sieben Folgen der Reihe Essay und Diskurs dem Thema Belarus. Das verdient schon vor dem ersten Reinhören ein Riesenlob in dieser medial so extrem coronafixierten Zeit. Zumal die Hochphase der Proteste gegen das Lukaschenko-Regime ja erst einmal vorbei zu sein scheint. Normalerweise schalten westliche Medien in solchen Fällen schnell wieder ab. Aber auch inhaltlich hat die Belarus-Reihe des DLF Herausragendes zu bieten.

Ich habe hier das naheliegende Highlight verlinkt, ein Gespräch mit der belarussischen Literaturnobelpreistträgerin Swetlana Alexijewitsch aus dem August, als die Freiheitsrevolte gerade losgebrochen war. Es geht in dem Interview, das Ganna Maria Braungardt nach Fragen von Christine Vescoli am Rande der Literaturtage im österreichischen Lana geführt hat, keineswegs nur um die aktuelle Lage. Alexijewitsch bewegt sich mit enormer Dringlichkeit und ungeheuer elegant zugleich in dem "Raum der Erinnerung", in dem sie auch als Autorin zu Hause ist:

Wenn Sie heute jemanden fragen, der bei uns in Belarus zu einer friedlichen Demonstration gegangen ist und in einen Gefängniswagen gesperrt wurde, erzählt er, wie er behandelt wurde: ein Sack über den Kopf, wie früher beim NKWD, er bekam kaum Luft, die schlimmsten Misshandlungen, von denen wir glaubten, das liege hinter uns. Gogol und Tschechow, [diese literarische Tradition] wird nicht überliefert, aber ein Sack über den Kopf, das wird weitergegeben. Ich denke daran, meinem Buch „Secondhandzeit“ ein weiteres Kapitel hinzuzufügen, genau darüber, noch einmal darüber: Warum verschwindet das nicht aus unserem Leben?

Statt hier lange zum unbedingten Hören zu raten, belasse ich es an dieser Stelle bei drei weiteren Zitaten, die für sich sprechen:

[Die Protestierenden] hatten Kinder dabei, die Frauen trugen weiße Kleider, viele Männer weiße Hemden, viele hatten Blumen in der Hand. Als ich diese Menschen sah, dachte ich, dass ich früher geglaubt hatte, die Menschen seien Sklaven, unfähig, sich aus ihrer Gefangenschaft, der totalitären Psychologie zu befreien. Doch nun sah ich: Nein, das sind keine Sklaven, sie kennen die Freiheit, sie wollen Freiheit, sie wollen nur nicht so leicht ihr Leben hergeben, sie wollen sich nicht sinnlos vor eine Kugel werfen. Ich dachte, unsere Überzeugung, der russische Mensch sei unfähig zur Freiheit, stimmt nicht. Wir brauchten einfach 30 Jahre, um ganz andere Menschen zu entdecken.

Ja, es hat ein Wandel stattgefunden im Bewusstsein der Menschen. Tschechows Ausspruch, der Mensch müsse den Sklaven Tropfen für Tropfen aus sich herauspressen, wurde bei uns ja umformuliert, nicht tropfenweise, sondern eimerweise. Das haben die Menschen inzwischen getan, sie reisen, sie sehen die Welt, sie sind nicht mehr auf eine einzige Sprache beschränkt, sie sitzen vor dem Computer und haben auch so die Welt vor sich. Ich sah plötzlich ganz andere Menschen, ich habe mich in mein Volk verliebt.

In den 90er-Jahren liefen wir auf die Straße und riefen "Freiheit! Freiheit!", aber keiner von uns wusste, was das eigentlich ist. Wir dachten, morgen kommt die Freiheit, und dann herrscht ein freies Leben. Aber woher sollte das kommen, es gab keine freien Menschen, doch ein freies Leben können nur freie Menschen gestalten. Und ich glaube, solche Menschen werden nun geboren, schon die zweite Generation wird nun geboren.

Belarus und der zweite Untergang der Sowjetunion

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Kommentare 1
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 10 Monaten

    Ein großartiges Gespräch!

    Nicht zuletzt weil sie Erfahrungen von der Sowjetzeit bis heute in Belarus immer wieder mit universeller Breite und Tiefe erfasst.

    Wenn sie etwa von der verweigerten Behandlung von verletzten Demonstranten berichtet, weil man deren Wunden und Berichte nicht dokumentieren will, schließt sie diese Reflexion an:

    "Auf diese Weise soll die Erinnerung getilgt werden, und in den vielen Jahren, seit ich mich mit Erinnerung beschäftige, habe ich noch einmal so deutlich wie nie gesehen, wie schlimm es ist, die Erinnerung zu verlieren, wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Wenn wir das nicht tun, ist es, als hätte das alles nicht stattgefunden. In einer Situation wie heute verlangt das Mut und Zivilcourage, von dem Arzt, der einen Verletzten behandelt und die Erinnerung daran bewahrt, von dem Menschen, der das erlebt hat und davon berichtet. Erinnerung ist fast so etwas wie ein lebendiger Organismus, dem man ehrlich dienen muss, um nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, was uns widerfahren ist."

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