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Zukunft und Arbeit

Hochschulen in Angst um ihre Daseinsberechtigung

Anja C. Wagner
Bildungsquerulantin
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Anja C. WagnerFreitag, 16.04.2021

Letzthin berichtete mir eine Professorin mit langjähriger E-Learning-Erfahrung, dass sie jetzt ein Forschungssemester habe, sich aber immer noch erholen müsse vom vergangenen Jahr. 

Diese plötzliche Überführung analoger Lehre in die digitale Welt via Videolektionen und Lernmanagementsystemen haben zwar die Hochschulen besser hinbekommen als z.B. die Schulen. Das Problem bei beiden Bildungssträngen ist jedoch der Versuch, analoges Leben 1:1 in die Digitalität zu überführen. Das funktioniert aber langfristig nicht, weil es ungemein anstrengend ist, den ganzen Tag in Videokonferenzen zu verbringen, wie wohl zwischenzeitlich alle nachvollziehen können. 

Ein digitales Lehr-Lern-Setting muss komplett anders angelegt sein, als ein auf Präsenz ausgerichtetes Format. Eine "Kultur der Digitalität", wie sie derzeit oft bemüht wird, braucht (nach Felix Stalder) Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wir könnten auch sagen: Es braucht asynchrone Vernetzung, einen vielfältigen kommunikativen Austausch und datenbasierte Dynamiken. Erst dadurch können die transformativen "Mehrwerte" der modernen, digitalen Welt entfaltet und damit individuell erfahren und genutzt werden. 

Nun kann man solch eine Kultur natürlich nicht mit einem Fingerschnipp von einem Tag auf den anderen etablieren. Es braucht dazu eigene Praxiserfahrung, regelmäßige eigene Aktivitäten im dezentralen Netz, überhaupt eine geeignete Infrastruktur und die Offenheit, sich eine Welt jenseits der jahrhundertealten Lehrtradition in Präsenz vorstellen zu können. All dies bringen nur wenige Akteure in Entscheidungspositionen mit. Und deshalb erfolgte der Online-Lehrbetrieb als digitales Abbild der Präsenzlehre. Ist ja eh nur für den Übergang, so hofften sie. Entsprechend groß ist allerorten das Lamento:

Die pandemiebedingte radikale Suspendierung des Gemeinsamen ist die Zuspitzung dieser Entwicklung. Auch wenn die digitalen Programme gerade zur rechten Zeit verfügbar waren, so lässt sich das universitäre Leben darin kaum abbilden, nicht einmal in den virtuellen Arbeitsgruppenräumen. Die erschöpften Eltern genauso wie die Vereinzelten, die in ihren Wohnungen oder in überteuerten Einzimmerapartments, in ihren alten Kinderzimmern oder in WGs auf den bloßen Bildschirm und das mehr oder minder gut funktionierende Internet zurückgeworfen werden, sind sich ihrer körperlichen Existenz in dieser Hypervereinzelung durchaus bewusst.

Das Gemeinsame der Universität, also der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, wird in diesem verlinkten Artikel auf die physische Anwesenheit vor Ort reduziert. Dabei sind Studierende seit Jahrzehnten in ihren eigenen digitalen Räumen der Schatten-IT vernetzt, über die der eigentliche kommunikative wie kollaborative Austausch geschieht. 

Ich bin mir nicht sicher, ob hier wirklich aus Sicht der sorgenden Institution argumentiert wird – oder nicht doch eher die eigene Legitimation in den Vordergrund gerückt wird. Braucht es tatsächlich an über 1.000 Hochschulstandorten überall (!) jedes (!) Semester (!) die Vorlesungen zu Mathe 1, 2 und 3? Weder in Präsenz noch online macht dies doch Sinn, schauen am Ende doch fast alle auf YouTube nach, wie sie ihre Prüfung schaffen könnten. 

Erfolgt dann eine Radikalisierung der unternehmerischen Hochschule durch die Ablösung der Präsenzuniversität, vermittelt über Sparprogramme und eine Inwertsetzung der digitalen Lehre? Oder aber beginnt hier eine neue Reformphase, angetrieben von der Erfahrung des radikalen Verlusts? 

Ich weiß nicht, ob es weiterhilft, die digitale Lehre mit einer radikalisierten unternehmerischen Hochschule gleichzusetzen. In der "Kultur der Digitalität" steckt gehöriges emanzipatorisches Potenzial. Dieses gilt es zu heben - und dafür braucht es mehr asynchrone, akademische Vernetzung und lebenslangen Austausch. Stattdessen gilt es, die standardisierten Curricula abzuschaffen, die stromlinienförmige Menschen generieren. 

Niemand stellt in Abrede, dass Präsenz eine direktere Synchronität ermögliche. Man kann sich riechen – oder auch nicht. Man kann mit allen Sinnen kommunizieren – oder auch nicht. Man kann sich zufällig begegnen und austauschen – oder auch nicht. Man kann demonstrieren – oder auch nicht. 

Standard seit vielen Jahren ist aber, dass Studierende in Frontalbeschallungsformaten in Präsenz sich möglichst weit hinten in den Bänken aufreihen, dann ihre Laptops aufklappen und dort irgendwas machen. Das ist der Regelbetrieb in Präsenz und online – Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Hochschulen in Angst um ihre Daseinsberechtigung

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